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Angriff auf Gaswerk bei Lyon : Terror-Anschlag in Frankreich: Zwei Attentäter gefasst

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Eine Explosion in einem Gaswerk, später wird eine enthauptete Leiche gefunden. Mehrere Menschen sind verletzt.

shz.de von
erstellt am 26.Jun.2015 | 15:55 Uhr

Saint-Quentin-Fallavier | Bei einem islamistisch motivierten Anschlag auf ein Werk für Industriegase sind bei Lyon ein Mensch getötet und mehrere Personen verletzt worden. Das berichtet die französische Nachrichtenagentur AFP am Freitag unter Berufung auf Ermittler. Auch in Kuwait und Tunesien kam es fast zeitgleich zu schweren Terroranschlägen.

In der Nähe der Fabrik wurde ein enthaupteter Körper gefunden. Der Kopf soll mit arabischen Aufschriften an einem Zaun gefunden worden sein. Die Attentäter sollen Islamistenfahnen dabei gehabt haben. Beide hatten nach Angaben einer Polizeisprecherin Tücher um den Kopf gewickelt.

Sicherheitskräfte auf dem Gelände des Gaswerks.
Sicherheitskräfte auf dem Gelände des Gaswerks. Foto: dpa

Die Polizei nahm einen 35-jährigen Mann fest, der Kontakt zur radikalislamischen Szene haben soll. Später stellte sie einen weiteren Tatverdächtigen. Es handele sich um den Fahrer des Wagens, der zum Tatort in die Fabrik für Industriegase gefahren sein soll, berichtete die Regionalzeitung „Dauphiné Libéré“ am Freitag ohne Nennung von Quellen.

Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ führt seit 2014 im Nahen Osten einen Heiligen Krieg, um ein Kalifat (Gottesstaat) zu errichten - vor allem in Syrien und im Irak. Es gelten die Gesetze der Scharia. Die sunnitische Gruppierung gibt es seit 2004 - unter verschiedenen Namen. Die Gotteskrieger inszenieren sich in Gewaltvideos und rekrutieren Dschihadisten aus aller Welt für die fundamentalistische Organisation. 

Die für Terrorismus zuständige Staatsanwaltschaft in Paris hat die Ermittlungen an sich gezogen. Es werde wegen Mordes und Mordversuchs durch eine terroristische Vereinigung ermittelt, teilte die Staatsanwalschaft in Paris mit. Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, der mutmaßliche Attentäter stehe in Verbindung mit salafistischen Organisationen. Die Behörden seien bereits 2006 auf den 35-jährigen Yassine S. wegen radikaler Tendenzen aufmerksam geworden. Angeblich wurde er von einem Feuerwehrmann überwältigt.

Französische Spezialeinheiten durchsuchten die Wohnung des mutmaßlichen Attentäters. Bei der Aktion in Saint-Priest, einem Vorort von Lyon, sei auch die Frau des Verdächtigen festgenommen worden, berichten französische Medien übereinstimmend unter Berufung auf Ermittler. Die Frau sagte zuvor im Sender Europe 1, das Paar mit drei Kindern habe ein normales Familienleben geführt. Sie seien „normale Muslime“, die den Fastenmonat Ramadan praktizierten, sagte die Frau. Ein terroristischer Akt ihres Mannes sei nicht möglich.

Der genaue Hergang des Anschlags war zunächst unklar. Nach ersten Angaben raste der Täter - möglicherweise in Begleitung - gegen 9.50 Uhr mit einem Auto in hoher Geschwindigkeit auf die Gasefabrik zu. Vermutet wird, dass das Werk in die Luft gejagt werden sollte. Zeugen berichteten von einer „enormen Explosion“. Der Schaden hielt sich dann aber offenbar in Grenzen. Die Fabrik gehört dem US-Konzern Air Products, der Gase für die Industrie und den medizinischen Gebrauch herstellt.

Die Zeitung „Le Dauphiné Libéré“ zitierte Augenzeugen, wonach ein Mann mit mehreren Islamistenflaggen in den Händen Gasbehälter geöffnet und zur Explosion gebracht habe. Hollande sagte, möglicherweise habe noch eine zweite Person in dem Auto gesessen. Auf dem Gelände rammte das Auto Gasbehälter, die dort standen. Dabei gab es mindestens zwei Verletzte.

Bei dem Anschlag auf die Fabrik wurde offenbar ein Arbeiter enthauptet.
Bei dem Anschlag auf die Fabrik wurde ein Arbeiter enthauptet. Foto: dpa

Bei dem Toten handelt es sich nach Angaben Cazeneuves um ein „unschuldiges Opfer, das ermordet und auf widerwärtige Weise enthauptet“ worden sei. Die Identifizierung sei noch nicht abgeschlossen. Auf dem Gelände sollen auch mehrere Verletzte gefunden worden sein.

Das Gaswerk im Ort Saint Quentin Fallavier nahe Lyon.
Das Gaswerk im Ort Saint Quentin Fallavier nahe Lyon. Foto: Google Maps

Regierungschef Manuel Valls ordnete verstärkte Überwachung aller potenziell gefährdeten Objekte in der Region an. Innenminister Bernard Cazeneuve kündigte an, zum Tatort zu fahren.

Frankreichs Präsident François Hollande brach wegen des Anschlags seine Teilnahme am EU-Gipfel in Brüssel ab und berief eine Sitzung des Sicherheitskabinetts ein. Er sprach von einem Anschlag „terroristischer Natur“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnte ein entschlossenes Vorgehen gegen den internationalen Terrorismus an. „Die Meldungen machen uns allen noch einmal klar, vor welchen großen Herausforderungen wir stehen, wenn es um den Kampf gegen Terrorismus und islamistischen Terrorismus geht.“ Merkel stellte am Freitag nach dem EU-Gipfel in Brüssel auch einen Zusammenhang zur Flüchtlingsproblematik her. „Wir wissen auch, dass wir gerade mit Blick auf die Migrationspolitik aufpassen müssen, dass nicht islamistische Kämpfer eindringen in die EU“, sagte sie. „Deshalb ist die Registrierung und die Einhaltung der Standards bei der Aufnahme von Migranten vom äußerster Wichtigkeit.“

Bundesinnenminister Thomas de Maizière zeigte sich besorgt. „Das ist etwas, was uns besonders bewegt“, sagte de Maizière am Freitag nach der Konferenz der Innenminister von Bund und Ländern in Mainz. Gerade in Fragen der Sicherheit hingen Deutschland und Frankreich eng zusammen. De Maizière sagte: „Deutschland (ist) nach wie vor in einer erstzunehmenden Bedrohungslage.“ Die Zahl sogenannter Gefährder sei so hoch wie nie.

Die deutschen Behörden haben sich ebenfalls eingeschaltet. Das Bundeskriminalamt (BKA) befinde sich bereits in einem „engen Austausch“ mit den französischen Stellen, teilte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Freitag in Berlin mit. „Ob es sich um einen terroristischen Hintergrund handelt oder nicht, ist noch nicht abschließend geklärt.“

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) sprach am Freitag in Berlin von einem „abscheulichen Attentat“. Im Kurzmitteilungsdienst Twitter schrieb er in einer Mitteilung auf Französisch: „All unsere Solidarität und unser Mitgefühl.“

Auch Großbritanniens Premierminister David Cameron hat noch für Freitag das Sicherheitskabinett einbestellt, um die Situation zu beraten. Die Sitzung soll von einem Minister seines Kabinetts geleitet werden, sagte Cameron in Brüssel. Großbritannien begeht demnächst den Jahrestag der Terroranschläge auf Busse und U-Bahnen in London am 7. Juli 2005. Die vier Angreifer und 52 Opfer starben.

Israels Einwanderungsminister rief die französischen Juden dazu auf, nach Israel zu immigrieren. „Der Antisemitismus wächst, der Terrorismus greift um sich und Berichten zufolge mordet der Islamische Staat (IS) mitten am Tag“, sagte Zeev Elkin israelischen Medien zufolge am Freitag. „Wir sind darauf vorbereitet, unsere Arme für die Juden Frankreichs zu öffnen.“

In Frankreich waren im Januar bei einem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt insgesamt 17 Menschen getötet worden. Eine Übersicht über islamistische Anschläge in Frankreich:

April 2015 Mit der Festnahme eines 24-Jährigen vereiteln die Behörden einen Terrorangriff auf eine Kirche südlich von Paris. In der Wohnung des Algeriers finden Ermittler Waffen und Dokumente islamistischer Terrorgruppen. Weitere Festnahmen folgen.
Januar 2015

Bei einem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris werden zwölf Menschen ermordet. Die beiden islamistischen Attentäter Chérif und Said Kouachi kommen zwei Tage später bei einer Polizeiaktion nordöstlich von Paris um.

Der Islamist Amedy Coulibaly, der die Brüder Kouachi kannte, erschießt südlich von Paris eine Polizistin und nimmt im Osten der Stadt mehrere Geiseln in einem jüdischen Supermarkt. Er tötet dort vier Menschen, bevor er von der Polizei erschossen wird.

Dezember 2014 Polizisten erschießen im zentralfranzösischen Joué-lès-Tours einen Mann, der mit „Allahu-Akbar“-Rufen („Gott ist groß“) in ein Kommissariat stürmt und mit einem Messer drei Beamte verletzt.
Oktober 2012

Bei einem Anti-Terroreinsatz erschießt die Polizei einen 33-jährigen Dschihadisten in Straßburg und nimmt elf weitere mutmaßliche Islamisten fest. Sie werden für einen Anschlag auf ein jüdisches Geschäft verantwortlich gemacht.

März 2012 Ein Attentäter erschießt sieben Menschen, darunter drei Kinder und ein Lehrer einer jüdischen Schule. Er wird nach rund 32-stündiger Polizeibelagerung seiner Wohnung bei einer Schießerei getötet. Zuvor hatte er sich als Al-Kaida-Anhänger bezeichnet.
Juli 1995 Im Pariser S-Bahnhof Saint-Michel an der Kirche Notre-Dame explodiert in einem Wagen eine Bombe. Dabei werden 9 Menschen getötet und 116 verletzt. Es ist der Auftakt zu einer Anschlagsserie in Paris und anderen Städten, die einer algerischen Islamistengruppe zugeschrieben wird.
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