Tag der Organspende am 2. Juni 2018 : „Täglich drei Tote“: Zu wenig Spenderorgane in Deutschland

In Deutschland warten über 10.000 Patienten auf ein Spenderorgan.

In Deutschland warten über 10.000 Patienten auf ein Spenderorgan.

Die Zahl der Organspender hat in Deutschland erneut einen neuen Tiefpunkt erreicht. Das hat drastische Folgen.

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02. Juni 2018, 10:53 Uhr

Hamburg | Über 10.000 Kranke warten laut Vermittlungsstelle Eurotransplant in Deutschland auf ein Spenderorgan. „Täglich sterben statistisch gesehen drei von ihnen, weil für sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ verfügbar ist“, sagt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt. Auf eine Niere – das am häufigsten benötigte Spenderorgan – warten etwa viermal so viele Menschen, wie es Organe gibt. Durchschnittliche Wartezeit: etwa sechs Jahre.

Und eine Besserung scheint nicht in Sicht: 2017 hat die Zahl der Organspender in Deutschland einen neuen Tiefpunkt erreicht. Laut DSO gab es nur noch 797 Spender – nochmal 60 weniger als im Vorjahr. Das war der niedrigste Stand seit 20 Jahren. In Deutschland gibt es jetzt weniger als zehn Spender pro eine Million Einwohner. Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO, spricht von „einer dramatischen Entwicklung".

Minister Spahn wirbt für Organspende-Ausweis

Nicht zuletzt deswegen wirbt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zum Tag der Organspende am 2. Juni für den Organspende-Ausweis. „Ein Ausweis stellt sicher, dass die eigenen Wünsche umgesetzt werden: Klarheit in EC-Karten-Größe“, so der Minister. Darüber hinaus hat Spahn angekündigt, nach der Sommerpause im September einen Gesetzesentwurf vorzulegen, um eine bessere finanzielle Ausstattung der Kliniken zu erreichen. „Es soll kein Minusgeschäft sein“, sagte Spahn über die seiner Meinung nach unzureichende Vergütung für Organentnahmen. 

Warum ist die Organspende-Bereitschaft der Deutschen so mau?

Skandale: 2012 wurde bekannt, dass Ärzte an mehreren deutschen Universitätskliniken offenbar Patientendaten manipuliert und so die Vergabe von Spenderlebern beeinflusst haben sollen. Im bekanntesten Fall in Göttingen wurde dem betroffenen Arzt die Manipulation medizinischer Daten nachgewiesen. Der Bundesgerichtshof sah darin aber keine strafbare Handlung. Auch in Regensburg, München und Leipzig sollen Mediziner Krankenakten gefälscht haben. Infolge dieser Skandale brachen die Spenderzahlen massiv ein.

Angst: Viele Menschen scheinen sich schlichtweg vor der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod zu scheuen. Andere hält wiederum die Angst vor möglichem Missbrauch oder Organhandel ab – oder sie fürchten, dass im Ernstfall nicht mehr alles medizinisch Notwendige für sie getan wird. Für Laien ist vor allem der Hirntod als Voraussetzung für die Organentnahme oft schwer nachvollziehbar, weil der Verstorbene zumeist keines der allgemein bekannten Todeszeichen aufweist. Mit Hilfe von Maschinen und Medikamenten schlägt sein Herz, und er scheint noch selbst zu atmen. Der Hirntod muss von zwei Medizinern unabhängig voneinander festgestellt werden. 

Unwissenheit: In Bezug auf den Organspende-Ausweis gebe es noch immer eine große Unwissenheit, sagt die Referentin für Organ- und Gewebespende, Rebecca Zimmering: „Über die Hälfte der Bevölkerung meint, dass der Ausweis Zustimmung ausdrückt und weiß nicht, dass man mit der Angabe 'Nein' der Spende einzelner oder aller Organe und Gewebe widersprechen kann.“ 

Ein paradoxes Bild

Einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge verfügt aktuell mehr als jeder dritte Deutsche über einen Organspende-Ausweis. „Vor sechs Jahren waren es noch 22 Prozent.“ Grundsätzlich stehe mit zurzeit rund 84 Prozent die große Mehrheit der Deutschen der Organspende positiv gegenüber – oftmals aber ohne einen eigenen Organspende-Ausweis. Dieses paradox erscheinende Bild sei erklärbar, sagt Zimmering: „Eine grundsätzlich positive Einstellung heißt nicht, dass man sich entschieden hat oder bereit ist, seine Entscheidung im Organspende-Ausweis zu dokumentieren.“

Die Deutschen dokumentieren mit einem Organspende-Ausweis ihre Spendenbereitschaft.
dpa

Die Deutschen dokumentieren mit einem Organspende-Ausweis ihre Spendenbereitschaft.

 

Der Organspende-Ausweis – was ist das überhaupt?

Mit dem Organspende-Ausweis dokumentiert jeder Einzelne seine Spendenbereitschaft. . Die Zahl der Versicherten mit einem solchen Dokument ging seit April 2017 um 6 Punkte auf 36 Prozent hoch. Junge Menschen haben häufiger einen Organspende-Ausweis als Ältere: 46 Prozent der 18- bis 25-Jährigen gaben an, einen solchen Ausweis zu besitzen. Bei den 51- bis 64-Jährigen sind es nur 34 Prozent.

Welche Organe können gespendet werden?

Das sind Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm. Außerdem lassen sich Gewebe wie zum Beispiel Hornhaut oder Knochen verpflanzen. Im Spenderausweis können aber auch einzelne Organe ausgeschlossen werden.  

Wer bereit ist, im Todesfall Organe zu spenden, sollte auch jenseits der 60 einen Spendeausweis bei sich tragen. Darauf weist die Deutsche Herzstiftung hin. Es gebe keine Altersgrenze für Spender, sagt Friedhelm Beyersdorf, Ärztlicher Direktor des Universitäts-Herzzentrums Freiburg – Bad Krozingen. Entscheidend sei der biologische Zustand des Spenderorgans.

Ist das Spendesystem in Deutschland das richtige?

In Europa gibt es unterschiedliche Modelle zur Organisation von Organspenden. Ein Überblick über die gesetzlichen Regelungen:

Entscheidungslösung

Sie gilt in Deutschland. Danach wird jeder Bürger ab dem 16. Lebensjahr dazu aufgefordert, eine Erklärung zur Organspende abzugeben. Die Krankenkassen schicken regelmäßig Informationsmaterial zur Organspende an die Versicherten und fragen die Spendebereitschaft ab. Behörden verteilen das Material bei der Ausweisausgabe. Einen Zwang zur Entscheidung gibt es nicht. Eine Organspende ist nur zulässig, wenn eine Zustimmung vorliegt. Der Gesetzgeber hat 2012 die Entscheidungslösung eingeführt und die bis dahin geltende Zustimmungslösung abgeschafft. Ziel war, die Zahl der Organspenden zu erhöhen.

Zustimmungslösung

 Im deutschen Transplantationsgesetz war von 1997 bis 2012 die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung verankert. Nach dem Hirntod eines Patienten dürfen dessen Organe nur entnommen werden, wenn der Verstorbene vor seinem Tod seine Zustimmung gegeben hat oder seine Angehörigen nach dessen Tod in eine Transplantation einwilligen. Das kann durch einen Organspende-Ausweis oder eine Patientenverfügung erfolgen. Liegt keine Zustimmung vor, können die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen gefragt werden. Die Zustimmungslösung gilt zum Beispiel in Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Litauen, Rumänien und der Schweiz.

Widerspruchslösung

Spanien setzt gemeinsam mit weiteren EU-Ländern auf die Widerspruchslösung. Das bedeutet, dass jeder nach seinem Tod zum Organspender werden kann, wenn er der Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Andere Staaten praktizieren das Modell der erweiterten Widerspruchslösung. Dabei ist ein Widerspruch der Angehörigen gegen eine Organentnahme für die Ärzte bindend. Die Widerspruchslösung gilt etwa in Bulgarien, Frankreich, Irland, Italien, Lettland und den Niederlanden.

 

Widerspruchslösung: Pro und Contra

 „Für mich ist das ganz klar die Lösung, die ich bevorzuge – als Politiker und als Arzt“, sagt Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach zur Widerspruchslösung. „Wir könnten damit so vielen Menschen den Tod ersparen oder ein besseres Leben ermöglichen.“ Dass sich Deutschland schwerer tut mit einer Widerspruchslösung als seine Nachbarländer, liegt seiner Ansicht nach daran, „dass in Deutschland das Misstrauen gegen den Staat und seine Institutionen besonders stark ist“. 

Kritisch steht einer Widerspruchregelung Rolf Henke gegenüber, der Vorsitzende der Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund. Das Transplantationswesen lebe vom Vertrauen der Menschen – und Henke glaubt nicht, dass das Vertrauen durch eine Widerspruchslösung gestärkt wird: „Es ist eher das Gegenteil zu befürchten.“ Es habe wenig Sinn, „eine große Kontroverse anzuzetteln“: „Man muss mit den Leuten reden, sie überzeugen und die Organisation der Organtransplantation in den Kliniken verbessern.“

Was denkt die deutsche Bevölkerung darüber?

Eine Mehrheit der gut neun Millionen Versicherten der Barmer-Krankenkasse spricht sich für eine grundsätzliche Organspendepflicht aus. 58 Prozent seien dafür, dass jeder im Todesfall automatisch seine Organe spenden sollte, sofern nicht zu Lebzeiten widersprochen wurde. Das geht aus einer Online-Umfrage für die Krankenkasse unter 1000 ihrer Versicherten hervor. Generell ist die Bereitschaft zu Organspende unter Frauen mit 39 Prozent höher als bei Männern (29 Prozent). 

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz erklärte, dass der Bundestag nach dem Manipulationsskandal 2012 und intensiven Diskussionen festgestellt habe, dass Schweigen keine Zustimmung sei. „Damit war die Widerspruchslösung vom Tisch, die auch verfassungsrechtlich hoch bedenklich ist“, argumentierte Vorstand Eugen Brysch. Er fordert einen Neustart bei der Organspende. „Allein die Krankenkassen gaben in den letzten zwei Jahren 100 Millionen Euro für Werbung aus. Jedes Jahr werden bessere Umfragewerte vermeldet. Tatsächlich sinkt die Bereitschaft zur Organspende“.

Mit dpa

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