Zurück ins Nichts : Syrer machen sich auf den Weg in die Heimat

Syrische Flüchtlinge warten in Beirut darauf, sich beim UNHCR-Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen zu registrieren. /AP/Archiv
Syrische Flüchtlinge warten in Beirut darauf, sich beim UNHCR-Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen zu registrieren. /AP/Archiv

Die Lage für syrische Flüchtlinge im Libanon ist trostlos. Viele wollen deshalb zurück. Doch sie treten eine Reise ins Ungewisse an - nicht nur weil die gefürchtete Regierung weiter an der Macht ist.

shz.de von
23. Juli 2018, 12:59 Uhr

Laila lacht, und es sieht wirklich so aus, als komme es von Herzen. An diesem Montag kehren die junge Frau und ihre Familie endlich nach Hause zurück, in die syrische Kleinstadt Flita auf der anderen Seite der Berge hinter ihr, zusammen mit mehr als 800 anderen Flüchtlingen.

Eigentlich liegt ihr Heimatort ganz nah, Luftlinie sind es nicht einmal 30 Kilometer. Für Laila aber war Flita mehr als vier Jahre lang unerreichbar.

Damals floh die Familie vor den Bomben des Bürgerkriegs über die Grenze in das Nachbarland Libanon. Sie landeten in Arsal, einem trostlosen Nest. Jahrelang harrte die Familie in einem der vielen Flüchtlingslager aus, die sich über Arsals Täler und Hänge verteilt haben. Eingepfercht in einer provisorischen Behausung mit Dach aus Plastikplanen, ohne Arbeit und Hoffnung. Als drüben auf der anderen Seite noch die Kämpfe tobten, konnten sie hier die Bomben hören.

Doch in den vergangenen Monaten ist es Syriens Regierung gelungen, wichtige Gebiete zurückzugewinnen. Erst am Donnerstag gaben die Rebellen eines ihrer letzten Gebiete im Süden des Landes auf. Machthaber Baschar al-Assad festigt seine Macht mehr und mehr.

In Flita und anderenorts hat sich die Lage so weit beruhigt, dass sich die Flüchtlinge auf den Weg in die Heimat machen. In Arsal haben 3000 Menschen Anträge gestellt, die Syriens Geheimdienst bewilligen muss, weil der Ort als Hochburg syrischer Regierungsgegner gilt.

Lailas Familie hat grünes Licht bekommen. «Ich bin glücklich, dass wir zurückgehen», sagt die junge Frau einige Tage, bevor sie sich auf den Weg machte. Und auch ihr Vater Assad Huria freut sich: «Ich dachte, ich werde Syrien nie wieder sehen.» Als der Konvoi dann am Montag die Grenze passiert, jubelt einer der syrischen Rückkehrer am Telefon: «Das ist ein historischer Tag.»

Die Frage lautet allerdings: Wie lange wird die Freude anhalten? In Flita erwartet Lailas Familie nur ein leeres Haus, ausgeraubt von Plünderern. «Wir haben weniger als nichts», sagt Vater Assad, 51 Jahre alt, ein Bauer. «Wir werden Bettler in unserem eigenen Land sein.»

Doch im Libanon waren sie unwillkommene Gäste. Mehr als eine Million Syrer haben hier Zuflucht gefunden, eine Last für das wirtschaftlich gebeutelte Land am Mittelmeer. Die Regierung würde sie lieber heute als morgen zurück in Syrien sehen. In Arsal etwa leben rund 40.000 Flüchtlinge - das sind mehr Menschen als die einheimische Bevölkerung. Strom, Wasser, Schulen - nichts davon reicht aus. «Die Libanesen sagen: Die Syrer sind eine Bürde für uns», klagt Assad Huria. «Aber wir wollen keinen Druck auf sie ausüben.»

So bleibt nur eine unangenehme Wahl: Rückkehr nach Syrien mit ungewisser Zukunft? Oder bleiben, ohne Hoffnung und Perspektive?

Ein Syrer, der sich Abu Mohammed nennt, muss über diese Frage nicht lange nachdenken: Er und seine Familie schließen eine Rückkehr aus, mag die Lage für sie auch noch so trostlos sein.

Abu Mohammed lacht nicht, wenn er spricht, ihm stehen die Sorgen ins Gesicht geschrieben. Er ist ein freundlicher Mann mit leiser Stimme und skeptischem Blick. Wie so viele Syrer hat er Angst vor der Regierung und ihren Geheimdiensten. Zehntausende sind in deren berüchtigten Gefängnissen verschwunden, oft ohne dass Angehörige wissen, was genau mit ihnen geschehen ist. Sein Heimatort Kusair, einst eine Hochburg der Rebellen, sei zu 90 Prozent zerstört, sagt Abu Mohammed, verheiratet, Vater von zwei Kindern.

Zu Hause, in Syrien, habe er Apfel- und Aprikosenbäume besessen. «Ich war unabhängig», erzählt der 43-Jährige. «Ich hatte ein Haus mit vier Räumen.» Hier in Arsal lebt die Familie in einem Verschlag aus Holz und Plastikplanen, nachts legen sie Matratzen im einzigen Raum aus, die Küchenecke ist so klein, dass sich ein Mensch kaum umdrehen kann.

Und jeden Morgen stellt sich Abu Mohammed dieselbe Frage: «Wie bekomme ich Geld, um meine Familie zu ernähren?» An manchen Tagen findet er Arbeit als Tagelöhner. Dann schufte er 14 Stunden und bekomme dafür vier Dollar. «Selbst wenn Du hier 24 Stunden arbeitest, reicht es nicht.» Immerhin, seine zwölf Jahre alte Tochter kann zur Schule gehen. Lesen und Schreiben lernt sie dort, das Nötigste.

90 Prozent der Syrer in der Bekaa-Ebene, der Region um Arsal, sehen ihre Zukunft nicht im Libanon, wie Josep Zapato, lokaler Leiter des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, sagt. Die Organisation geriet zuletzt mit dem Libanon in Streit, weil die Regierung ihr vorwarf, sie rate Flüchtlingen von der Rückkehr ab. Zapato weist das zurück. Das UNHCR mahnt aber, eine Rückkehr müsse nach internationalen Standards erfolgen - sprich: unter sicheren und menschenwürdigen Bedingungen.

Nicht nur vor Assads Gefängnissen haben viele der Geflohenen Angst. Jungen Männer droht der Wehrdienst in der ausgelaugten Armee und ein schneller Einsatz an der Front. Viele Gebiete des Landes sind nach mehr als sieben Jahren Bürgerkrieg so sehr in Schutt und Asche gelegt, dass an ein normales Leben kaum zu denken ist. Der Regierung in Damaskus fehlen die Milliarden für den Wiederaufbau.

Abu Mohammed hat neulich eine Nachricht von einem seiner Cousins bekommen. Der sei vor einiger Zeit über die Türkei nach Deutschland geflohen, erzählt er, erst allein, später habe er die Familie nachgeholt. Jetzt sehe er auf den Fotos glücklich aus.

Deutschland? Bei dem Wort zeigt sich eine kurze Regung in Abu Mohammeds Blick, als hätten die Augen am Horizont einen Hoffnung erspäht. «Ich wünschte, ich könnte in irgendein anderes Land reisen», sagt er. Dass der Weg Richtung Europa gefährlich sein dürfte, schreckt ihn nicht: «Das ist auch nicht schlimmer als der Tod.»

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