Union und SPD noch nicht einig : Suche nach Koalitionskompromissen bis in den Morgen

Die Fenster der CDU-Zentrale leuchten während der Koalitionsverhandlungen. Im obersten Stockwerk tagt die CDU, darunter die SPD.
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Die Fenster der CDU-Zentrale leuchten während der Koalitionsverhandlungen. Im obersten Stockwerk tagt die CDU, darunter die SPD.

Es geht nicht nur für die SPD um viel. Sie muss ihren rund 464.000 Mitgliedern einen Koalitionsvertrag mit der Union «verkaufen». Auch CDU und CSU haben eigentlich nichts zu verschenken. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Schlussrunde der Verhandlungen.

shz.de von
07. Februar 2018, 06:36 Uhr

CDU, CSU und SPD haben bis in den Morgen hinein um Details und Ressortzuschnitte einer künftigen großen Koalition gerungen. Trotz einiger Annäherungen blieben die Gesundheits- und die Arbeitsmarktpolitik die zentralen Streitpunkte.

Dazu wurde auch um die Ressortverteilung unter den möglichen künftigen Koalitionären gefeilscht. Ein Ende der Verhandlungen war am frühen Morgen noch nicht absehbar.

Über einen neuen Koalitionsvertrag zwischen den drei Parteien könnten dann 463.723 Sozialdemokraten entscheiden. Die SPD gewann seit Jahresbeginn und vor der mit Spannung erwarteten Abstimmung ihrer Basis 24.339 Neumitglieder, wie SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil am Abend bei Twitter mitteilte.

Das Ergebnis des Mitgliedervotums soll in drei bis vier Wochen vorliegen - vorausgesetzt, Union und SPD einigen sich auf einen Koalitionsvertrag. Denkbar wäre, dass am Wochenende 3./4. März ausgezählt und ein Ergebnis bekannt gegeben wird. In der SPD hatten Gegner einer Neuauflage von Schwarz-Rot mit dem Slogan «Tritt ein, sag nein» um neue Mitglieder geworben.

Die Führung der Sozialdemokraten will vor allem mit Erfolgen in der Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik bei ihrer Basis für ein Ja zum Koalitionsvertrag werben. Nach Informationen aus Teilnehmerkreisen gab es in der Gesundheitspolitik weitere Annäherungen.

Die SPD will weg von der «Zwei-Klassen-Medizin» von privat und gesetzlich Versicherten und hat dafür unter anderem eine Angleichung der Ärztehonorare für beide Versicherungsgruppen oder eine Öffnung der gesetzlichen Krankenversicherung für Beamte im Auge. Bei der Arbeitsmarktpolitik ging es vor allem um eine deutliche Einschränkung befristeter Arbeitsverhältnisse.

Trotz der anhaltenden Differenzen betonten alle Seiten ihren festen Willen, die Gespräche spätestens am Mittwochmorgen abzuschließen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte Kompromissbereitschaft an: «Jeder von uns wird schmerzhafte Kompromisse noch machen müssen.» SPD-Chef Martin Schulz sprach vom «Tag der Entscheidung». CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt betonte: «Eingraben geht jetzt nicht mehr. Die Stunde der Wahrheit naht.»

In der Außenpolitik ging es um Rüstungsexporte sowie die Ausgaben für die Bundeswehr und die Entwicklungshilfe. Die Union will sich bei den Verteidigungsausgaben dem Nato-Ziel von 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nähern (derzeit 1,2 Prozent). Für die SPD hat dagegen Priorität, 0,7 Prozent in die Entwicklungshilfe zu stecken (2016: 0,52 Prozent).

Nach einem der dpa vorliegenden Entwurf für den Koalitionsvertrag waren auch noch andere Punkte in der Endphase der Verhandlungen strittig. Dabei ging es unter anderem darum, ob Unternehmen Abstriche bei den Arbeitszeitregeln erlaubt werden sollen, wenn sie tarifvertraglichen Bestimmungen unterliegen.

Juso-Chef Kevin Kühnert begrüßte indessen den Andrang auf die SPD: «In aller Bescheidenheit: Die Jusos nehmen gerne einen SPD-Toaster für besondere Verdienste um die Mitgliederentwicklung unserer Partei entgegen», schrieb er auf Twitter.

Die Verhandlungen zwischen CDU, CSU und SPD sollten eigentlich schon am Sonntag abgeschlossen werden, mussten dann aber zwei Mal verlängert werden.

Kritik an den bisher bekannt gewordenen Verhandlungsergebnissen kam von den Grünen. Ihr Vorsitzender Robert Habeck kritisierte in der Mediengruppe «Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung» (Mittwoch), Union und SPD wollten im wesentlichen die Politik der vergangenen Jahre fortsetzen, «nur nehmen sie ein bisschen mehr Geld in die Hand». Das reiche einfach nicht.

Mittelstandspräsident Mario Ohoven kritisierte: «Schwarz-Rot hat sich mit viel Geld den Koalitionsfrieden erkauft. Damit folgt auf den wirtschaftspolitischen Stillstand der letzten Jahre schwarz-roter Rückschritt.» Der Mittelstand werde kaum entlastet, Deutschland nicht fit für die Zukunft gemacht. «Fazit: Die Abkürzung GroKo steht für große Kosten, wenig Zukunft und viel Vergangenheit.»

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