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Kritik am Gipfelort Hamburg : Strapazen für G20-Polizisten: «Nur noch funktioniert»

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Mehr als 20 000 Polizisten waren unter schwierigen Bedingungen beim G20-Gipfel in Hamburg im Einsatz. Ausschreitungen und Gewaltexzesse setzten ihnen zu. Polizisten schildern die Belastung.

Die Strapazen des G20-Gipfels sind dem Polizisten deutlich anzusehen. Einen Tag nach seinem Dauereinsatz in Hamburg wirkt der Baden-Württemberger im Gespräch erschöpft. Mit seiner Hundertschaft war er fast pausenlos von Donnerstag bis Sonntag im Einsatz, wie er schildert.

«Wir hatten nur fünf Stunden Schlaf», erinnert sich der Polizist Stephan Schließer, dessen Name geändert wurde, weil er unerkannt bleiben möchte.

Die Sicherheitsbehörden wurden beim G20-Gipfel von der Brutalität der Proteste überrascht. Kritische Fragen zur Polizeitaktik und zur Sicherheitsstrategie wurden laut - sie kommen teils auch aus den eigenen Reihen.

«Ich hatte zwar mit Gewaltexzessen gerechnet, aber meine Erwartungen wurden übertroffen», erzählt der Polizist mit mehrjähriger Berufserfahrung. Gemeinsam mit rund 250 Kräften der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) Baden-Württemberg war er für die Sicherheit im Hamburger Schanzenviertel mit verantwortlich.

Dort und in angrenzenden Bezirken wurden Autos in Brand gesteckt, Geschäfte geplündert. Immer wieder wurden Polizisten zum Ziel von fliegenden Steinen und Flaschen. «Da hat man trotz guter Ausstattung auf jeden Fall Angst», rekapituliert er. Insgesamt wurden um die 500 Beamte verletzt - 73 davon aus Baden-Württemberg.

Der wenige Schlaf sorgte für massive Konzentrationsprobleme, vor allem in der letzten Einsatznacht, wie Schließer berichtet. «Man hat irgendwie nur noch funktioniert.» Er habe versucht, viel Wasser zu trinken. Das habe aber nichts geholfen. Zwar nahm der Polizist Funksprüche wahr, verstand das Gesagte aber nicht mehr. Die körperlichen Belastungen attestiert auch der Leiter des Unterstützungskommandos der Bereitschaftspolizei Dachau, Bernd Bürger (40). «Das Denken fällt nach einer Weile wirklich schwerer», sagte er der «Süddeutschen Zeitung».

Den Schlafmangel führt Schließer maßgeblich auf einen gescheiterten Schichtbetrieb zurück. Bereits am Donnerstagabend mussten ihm zufolge Beamte viel früher als geplant ihren Dienst antreten, weil die Gewaltexzesse unterschätzt worden waren. «Da war klar, dass das Konzept nicht mehr funktionieren kann.» Mehr Einsatzkräfte auf der Straße wären wünschenswert gewesen, beklagt der Polizist.

Auch die Bürokratie bei Festnahmen empfand er als stark zeitraubend. Ihm zufolge haben zudem spezielle Waffen gefehlt, um Angreifer aus größerer Distanz etwa mit Tränengas ruhig zu stellen. Die Polizei in Hamburg äußerte sich bislang «aufgrund der Komplexität der Angelegenheit» nicht zu der laut gewordenen Kritik.

Die Gewaltausbrüche gegen Polizisten haben auch dem Leiter der Einsatzhundertschaft Mannheim, Martin Scheel, stark zugesetzt. «Wir wissen sehr gut, dass in jeder Uniform ein Mensch steckt», sagt er in der SWR-«Landesschau». Die Gewalt löse ein beklemmendes Gefühl aus.

Ein anderer Polizist erinnert sich in den «Stuttgarter Nachrichten» und der «Stuttgarter Zeitung» (Montag) an seinen Einsatz beim G8-Gipfel in Heiligendamm 2007. Zwar könne man die Aggressivität miteinander vergleichen. Jedoch war alles «auf einen Tag konzentriert» und «nicht mitten in der Stadt», sagt der Mann, der anonym bleiben möchte. Die aufgekommene Kritik an der Wahl Hamburgs als Austragungsort kann Polizist Schließer nachvollziehen. «Ich kann nicht verstehen, dass man den G20 in einer Stadt stattfinden lässt, die berüchtigt für ihre militante linke Szene ist.»

Bis Ende der Woche hat Schließer nun frei. Auf eine mögliche Einladung in die Elbphilharmonie und Sonderurlaub freut sich der Polizist bereits jetzt: «Das ist eine schöne Geste der Wertschätzung.» Nächsten Montag muss er wieder antreten - bis dahin wird er noch viel Schlaf nachholen.

Deutsche Polizei Gewerkschaft

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erstellt am 11.Jul.2017 | 16:09 Uhr

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