Starker Euro – schwacher Trump

29ceuro

shz.de von
27. Januar 2018, 16:19 Uhr

Mario Draghi – Chef der Europäischen Zentralbank – könnte geschafft haben, was den europäischen Staats- und Regierungschefs bislang nicht so recht gelungen ist: den US-Präsidenten mit seiner Politik einzubremsen. Immer und immer wieder hatte Trump noch im Wahlkampf angemahnt, dass der US-Dollar zu stark sei, er einen schwächeren Dollar haben wolle. Er hatte das so vehement gefordert wie die Mauer zu Mexiko oder den Ausstieg aus dem Freihandelsabkommen Nafta. Umso bemerkenswerter ist daher ein Satz, den Trump in Davos bei einem Interview mit dem US-Sender CNBC gesagt hat: „Der Dollar wird stärker und stärker werden – und letztlich möchte ich einen starken Dollar sehen.“

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Seit einem Jahr geht es für den Dollar bergab, inzwischen ist er so günstig wie zuletzt vor vier Jahren. Für den Euro ging es in dieser Zeit steil aufwärts. In den vergangenen Tagen bewegte er sich bei 1,24 bis 1,25 Dollar das Stück. Die konjunkturelle Erholung in der Euro-Zone ist nicht der einzige Grund dafür. Es habe auch „mit der Kommunikation“ zu tun, sagt Draghi. „Aber nicht die Kommunikation der EZB, sondern von jemand anders.“

Gemeint ist die Trump-Administration. Sie hat schon viele internationale Konventionen gebrochen – auch jene, die eigene Währung nicht klein zu reden. Die Folgen bekommen Schleswig-Holsteins Unternehmen, Verbraucher und Steuerzahler zu spüren. „Jeder Cent, den der Euro aufwertet, macht den Export schwieriger“, sagt Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel. Allerdings erwartet er, dass gerade deutsche Unternehmen, „die innovationsstark sind“, dies verkraften können. „Das A und O bei der Frage, ob der starke Euro ein Problem wird, ist in erster Linie die Geschwindigkeit der Entwicklung“, sagt er.

Wie tief die Bremsspuren sind, die die Euro-Stärke hinterlässt, bleibt abzuwarten. In den Export-Zahlen etwa schlage sie sich erst mit einer zeitlichen Verzögerung nieder, sagt Andreas Scheurle, Volkswirt bei der DekaBank, „da die Exporteure erfahrungsgemäß zunächst eine Verringerung ihrer Margen im Exportgeschäft hinnehmen“. Eine Belastung bleibt die neue Stärke damit dennoch. „In den vergangenen Jahren haben die norddeutschen Exporteure gute Geschäfte mit dem schwachen Euro gemacht“, jetzt wende sich das Blatt, fasst es Volker Tschirch, Hauptgeschäftsführer vom Unternehmensverband des norddeutschen Groß- und Außenhandels (AGA), zusammen.

Einer bislang nicht veröffentlichten Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammern (IHK) in Schleswig-Holstein zufolge befindet sich die Zahl der Betriebe, die das Währungsrisiko als Problem betrachten, auf dem zweitniedrigsten Niveau. Zukünftig dürfte der Wert ansteigen, sagt Ulrich Spitzer, der bei den Kammern die Federführung für Volkswirtschaft hat. Mit dem starken Euro sieht er allerdings auch all jene widerlegt, die in den vergangenen Jahren bereits das Ende der Gemeinschaftswährung erwartet haben. „Jetzt zeigt sich, dass der Euro eine ganz normale Währung ist“, so Spitzer. Und offenkundig ist er eine Währung, die in unsicheren – also Trump’schen – Zeiten gefragt ist. Die EZB bringt dies freilich in Bedrängnis. Der starke Euro macht Importe günstiger und bremst die Inflation – doch diese gilt in Frankfurt als wichtigster Gradmesser für die Geldpolitik. Steigt der Euro, wird der Ausstieg aus der Nullzins-Politik schwerer.

Für Verbraucher und Betriebe hat der starke Euro durchaus Vorteile. Beispiel: Ölpreis. Ein Fass der Nordsee-Sorte Brent wird inzwischen wieder für mehr als 70 Dollar gehandelt – der höchste Wert seit vier Jahren. Allein in den vergangenen 12 Monaten hat der Preis um 25 Prozent zugelegt. In Euro gerechnet lag das Plus hingegen nur bei 7,8 Prozent. „Das sind Wechselwirkungen, die ganz gerne mal übersehen werden“, so IHK-Volkswirt Spitzer.

Über solche Wechselwirkungen dürften sich dieser Tage auch Stephen Feinberg und sein Team im zwölften Stock der 875 Third Avenue in New York ihre Gedanken machen. Dort hat Cerberus Capital seinen Sitz – der mögliche Käufer der HSH Nordbank. In welcher Währung die Firma ihr Angebot gemacht hat, ist unklar. Lautet es in Euro, muss der Höllenhund womöglich Tag für Tag noch eine Schippe drauflegen. Lautet es in Dollar fragt sich, wer hier am Ende das Wechselkurs-Risiko trägt. Im Finanzministerium wird dazu geschwiegen. Eine Antwort wird es bis Ende Februar geben.

Es bleibt abzuwarten, wie viel der Euro dann wert ist. Draghi hat es zwar geschafft, den US-Präsidenten zum Umdenken zu bringen. Doch sein Versuch, dasselbe mit den Finanzmärkten zu tun, sind bislang gescheitert. Auch gestern ging es für die Gemeinschaftswährung weiter bergauf – und für den Dollar abwärts.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen