Youtube-Interview mit Angela Merkel : Sorry, LeFloid, das war nicht cool

Ein Youtuber und eine Kanzlerin. Was kommt dabei heraus? Ein ziemlicher Murks, kommentiert Joachim Dreykluft

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14. Juli 2015, 16:14 Uhr

Das vorweg: Ich mag Florian Mundt. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich habe ihn schon auf diversen Podien sprechen hören, zuletzt bei der Republica im Mai in Berlin. Der 27-Jährige ist nachdenklich, sich seiner Rolle bewusst, und ganz bestimmt kein Klamauk-Clown.

Vielleicht liegt es an dieser positiven Grundeinstellung, dass ich nach 30 Minuten total enttäuscht war. Weil ich insgeheim gehofft hatte, hier entstünde ein neuer Stefan Raab, der einst im Kanzlerduell 2013 die viel besseren Fragen stellte als die Journalisten. LeFloid hat leider die schlechten Fragen gestellt. Und die schlechten Antworten der Kanzlerin einfach so akzeptiert. Oder sogar positiv quittiert.

Eine Million Mal wurde der Streifen bei Youtube (Stand 14. Juli, 12.30 Uhr) inzwischen angeschaut. Keine schlechte Quote für die Kanzlerin. LeFloid startet da, wo er immer startet. Anmoderation im heimischen Zimmer mit Star-Wars-Figur.

Youtuber LeFloid alias Florian Mundt bei der Anmoderation des Interviews mit der Kanzlerin.
Youtuber LeFloid alias Florian Mundt bei der Anmoderation des Interviews mit der Kanzlerin.

Dann der Schnitt ins Interview. Sofort ist klar: Mundt darf mit der Kanzlerin reden, aber Angela Merkel hat Heimrecht. Hier hätte der Youtuber auf der guten alten DFB-Pokal-Regel bestehen sollen: Der Amateur darf im eigenen Stadion spielen. Warum das wichtig wird, zeigt sich später.

Zunächst die tatsächlich richtige Frage: „Warum Youtube?“ Die Antwort: „Jetzt passt es gut, weil wir unseren Dialog mit den Menschen begonnen haben.“ Ein cooler LeFloid hätte jetzt vielleicht gefragt: „Frau Merkel, Sie haben jetzt den Dialog mit den Menschen begonnen? Wie war denn das bislang?“ Der echte LeFloid sagt nur: „Sehr cool.“ Und geht zum nächsten Thema über. „Gut leben: Was heißt das eigentlich für Sie?“

Der Youtuber LeFloid alias Florian Mundt beim Interview mit der Kanzlerin Angela Merkel.
Der Youtuber LeFloid alias Florian Mundt beim Interview mit der Kanzlerin Angela Merkel.
 

Wer glaubt, so in einen kritischen Dialog mit der Kanzlerin einsteigen zu können, muss naiv sein. Die Kanzlerin nimmt den Ball gerne auf und sagt, dass es unterschiedliche Vorstellungen gebe, sie aber gerne arbeite. Ab diesem Moment im Gespräch ist klar, wer hier Koch und wer Kellner ist.

Dann folgt ein durchaus nachdenklicher Teil über die Frage, ob mehr Geld oder mehr Zeit glücklich macht. Nervig: LeFloid meint, der Kanzlerin mehrmals mit eingeworfenem „na klar“ recht geben zu müssen. Die Kanzlerin spult hingegen in auffällig einfacher Sprache ihre Antworten herunter. An dieser Stelle keimt in mir der Verdacht: Merkel hat das geprobt, mehrmals, mit LeFLoid-Double. Florian Mundt erlebt diese Situation dagegen zum ersten Mal - und natürlich mit einem Mordsrespekt. Fußballer, die einer höherklassigen Mannschaft auswärts gegenüberstehen, wissen, wie er sich jetzt fühlt.

Der Youtuber LeFloid alias Florian Mundt beim Interview mit der Kanzlerin Angela Merkel.
Der Youtuber LeFloid alias Florian Mundt beim Interview mit der Kanzlerin Angela Merkel.
 

Wenn schon Auswärtsspiel, dann wenigstens mit Haltung. Mundts Haltung ist seltsam. Mal trägt er Fragen aus dem Netz vor, dann stellt er wieder eine Frage, die er ausdrücklich als „privat“ bezeichnet. Diese Schizophrenie führt zu einem kurzen Fremdschäm-Moment, als er doch tatsächlich fragt, ob Merkel sich vorstellen könne, Whistleblower wie Snowden zu sein. „Habe anderes zu tun, bin auch gut ausgefüllt.“ Was soll die Frau sonst sagen?

Dann folgt eine wahnsinnig langatmige Passage, in der Mundt versucht, dem Menschen Merkel näher zu kommen mit Fragen aus dem Netz, die er immer wieder als persönliches Interesse ausgibt. Ob es Differenzen gebe zwischen ihren privaten und öffentlichen Meinungen, fragt er. Oder ob ein Tag mit einem Seehofer-Termin schlimmer sei als ein anderer. Die Antworten dazu muss man nicht hören, sie liegen auf der Hand.

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Dann ab Minute 21 das Thema TTIP. Die Frage, warum die Verhandlungen überwiegend geheim sind, beantwortet Merkel mit der Unverschämtheit, sie könne Mundt drei Broschüren der CDU schicken. Doch das stachelt keinen Widerstandsgeist an. „Nichts an Standards wird abgesenkt, mehr Umweltschutz, bessere Sozialstandards und bessere Verbraucherschutzstandards.“ Mit diesen Floskeln lässt Mundt die Kanzlerin davonkommen und sagt, eine solch konkrete Aussage zum Thema habe er noch nie gehört. Da widerspricht die Kanzlerin selbst ihrem Interviewer, fügt aber hinzu: „Wir gehen nicht hinter unsere Normen zurück und das kann ich auch versprechen.“ Mundt antwortet allen Ernstes: „sehr cool.“ Wie uncool Merkel-Versprechen sein können, hätte Mundt wissen müssen, wenn er sich an den Wahlkampf 2013 und das Thema Pkw-Maut erinnern würde.

Beim Thema Cannabis-Verbot sagt Mundt, dass er mit dem Nein der Kanzlerin leben könne, weil es ihn nicht betreffe. Viel weniger peinlich wäre die Rückfrage gewesen, was denn aus Sicht von Merkel den wesentlichen Unterschied zwischen Cannabis und Alkohol ausmacht.

Der Youtuber LeFloid alias Florian Mundt beim Interview mit der Kanzlerin Angela Merkel.
Der Youtuber LeFloid alias Florian Mundt beim Interview mit der Kanzlerin Angela Merkel.
 

Florian Mundt hat Vieles falsch gemacht. Er ist dem Bundespresseamt ein Stück weit auf den Leim gegangen. Er hat sich zu sehr hinter #netzfragtmerkel versteckt und es versäumt, eine eigene Haltung zu entwickeln. Und er war schlecht vorbereitet, konnte kein Argument der Kanzlerin hinterfragen oder gar widerlegen.

Aber recht hat auch „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart, der heute in seinem Morgen-Newsletter schreibt: „Keiner seiner Kritiker hat in so jungen Jahren einem Bundeskanzler auch nur die Hand geschüttelt. Zum Troste sei hier Wilhelm Busch zitiert: ,Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.'“

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