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Letzter Teil der Minderheiten-Reise : Sorben in der Lausitz von Rechtsradikalen angegriffen

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Sorben sind eine nationale Minderheit in Deutschland. Doch zuletzt sahen sie sich auch Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt.

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2015 | 10:24 Uhr

Mit diesem Artikel endet Jan Diedrichsens Serie über Europas Minderheiten. Für den „Norschleswiger“ hatte er sich mit 25 Beiträgen in  kritischer Perspektive der Situation der Minderheiten in den Staaten Europas gewidmet. Minderheitenpolitik ist ein ur-schleswig-holsteinisches Thema. Daher haben wir uns gefreut, die Texte aus der Zeitung der deutschen Minderheit in Dänemark auch auf shz.de veröffentlichen zu dürfen. Die jeweiligen Links zu allen Texten der Serie finden Sie unten.


Seit über 1.000 Jahren siedeln die Sorben in der Lausitz. Das Gebiet, in dem die westslawische Minderheit lebt, erstreckt sich zwischen dem Spreewald im Norden und dem Lausitzer Bergland im Süden. Auf 60.000 wird die Zahl der Sorben heute geschätzt. Zwei Drittel davon, die Obersorben, leben in Sachsen, etwa 20.000 als Niedersorben in Brandenburg. Die Sorben in der Oberlausitz sind überwiegend katholisch, in einer evangelischen Mehrheitsbevölkerung. Sorbisch wird in zwei Varietäten gesprochen – Obersorbisch und Niedersorbisch.

Vor allem in der Oberlausitz, in den ländlichen Gebieten, ist die sorbische Kultur sehr präsent und wird mit viel Enthusiasmus gelebt. Meist in bestem Einvernehmen mit der deutschsprachigen Mehrheit. Der bekannteste Sorbe ist derzeit sicher Sachsens Ministerpräsident, Stanislaw Tillich.

Umso mehr sorgte vor rund einem Jahr die Meldung für Aufregung, dass sorbische Jugendliche von Nazis gejagt würden. Die überregionale Presse in Deutschland und zahlreiche europäische Medien berichteten über die Angriffe. Nazis, die auch vor körperlichen Angriffen auf die jugendlichen Sorben nicht zurückschreckten, deren einziges „Vergehen“ darin bestand, eine andere Muttersprache zu sprechen. Die sorbischen Jugendlichen trauen sich oft nicht, gegen die Täter Anzeige zu erstatten, aus Furcht vor Repressalien. Erst der Leserbrief eines jungen Sorben in der Minderheitenzeitung „Serbske Nowiny“ brachte die Lawine ins Rollen, die auch Ermittlungen des Staatsschutzes und der Staatsanwaltschaft nach sich zogen.

Es wäre eine Übertreibung zu behaupten, dass die Sorben in der Lausitz in Angst leben würden. In den meisten Bereichen klappt die Zusammenarbeit reibungslos – Mehrheit und Minderheit leben friedlich zusammen. Wer in die Lausitz kommt, der merkt an jeder Straßenecke, an jedem Bahnhof und Straßenschild, dass er in einer zweisprachigen Region zu Gast ist. Umso mehr haben die dumpfen Gewalttaten sowohl die Sorben als auch ihre zahlreichen deutschen Freunde aufgeschreckt.

Die aktuell aufziehende Welle an Fremdenfeindlichkeit in der ganzen Republik und vor allem in Sachsen lässt nun auch die Sorben vermehrt aufhorchen. Zu Recht, wie der Mitteldeutsche Rundfunk vor einigen Tagen an einem Beispiel berichten konnte: Das Sportgericht des Westlausitzer Fußballverbandes hat den FC Lausitz Hoyerswerda mit einer Strafe in Höhe von 1.050 Euro belegt. Außerdem müssen sich die Fußballer des Vereins an einem antirassistischen Training beteiligen. Ende Juni hatten Anhänger des FC Lausitz in Wittichenau während eines Pokalspiels zwischen den A-Jugendmannschaften von Radibor/Großdubrau und Hoyerswerda gegen die Jugendlichen aus der zweisprachigen Gemeinde gehetzt sowie den Schiedsrichter und die Radiborer Spieler mit Knallkörpern beworfen. Die sorbische Zeitung Serbske Nowiny berichtete darüber hinaus, dass die Spieler dieses antirassistische Training vor allem deswegen absolvieren müssen, weil sie sich in den Chor der hetzenden Fans einreihten.

Zahlreiche zweisprachige Ortsschilder sind in der Oberlausitz in den letzten Monaten beschmiert worden. Mal wird auf eine Straßenbrücke „Sorben raus“ oder an eine Hauswand „Hooligans gegen Sorben“ gepinselt, immer wieder werden Kruzifixe am Wegesrand zerstört und seit dem vergangenen Sommer vermehrt auch sorbische Ortsbezeichnungen auf zweisprachigen Straßenschildern durchgestrichen oder übermalt; in einem Fall wurde ein Hakenkreuz aufgesprüht.

Gewalt und Schmierereien wecken vor allem bei älteren Sorben böse Erinnerungen. Die Nationalsozialisten hatten den Gebrauch der sorbischen Sprache in der Öffentlichkeit sowie alle sorbischen Vereine verboten, die sorbische Intelligenz verhaftet und zum Teil in Konzentrationslager deportiert.

Der Autor wurde in Sonderburg geboren und war bis 2014 Leiter des Sekretariats der Deutschen Volksgruppe in Kopenhagen und Direktor der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen. Er ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Minderheiten.

Lesen Sie alle bisherigen Teile der Serie. Sie finden die Artikel in den aufgeführten Links in der Sortierung neu nach alt.

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