zur Navigation springen

Ulf Küch und Tania Kambouri : „Soko Asyl“: Wenn Polizisten Bücher über Flüchtlinge schreiben

vom
Aus der Onlineredaktion

Nach der Bochumer Polizistin Tania Kambouri hat der Braunschweiger Kripo-Chef Ulf Küch ein viel beachtetes Buch vorgelegt. Der Ansatz ist jeweils: Wir berichten ehrlich, wie es ist.

shz.de von
erstellt am 07.Feb.2016 | 14:10 Uhr

Als Rainer Wendt, der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, die Versicherungen von Hannelore Kraft hörte, schüttelte er fassungslos den Kopf. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin beteuerte gerade, dass es „keine Order, keinen Erlass“ des Innenministeriums an die Polizei gebe, in Berichten Nationalitäten und andere Details zur Ausländerkriminalität zu verschweigen. „Es ist nicht so, dass wir da irgendetwas kaschieren.“

Wendt erläuterte der Sozialdemokratin Anfang Januar als Gast im ARD-Polittalk „Hart aber fair“: Ein Innenminister brauche nichts anzuordnen, „weil jeder Beamte weiß, dass er eine bestimmte politische Erwartungshaltung, die gezüchtet wird, zu erfüllen hat.“ Wendt machte dieses „deutschlandweite Phänomen“ dafür verantwortlich, dass die Kölner Polizei die Ereignisse der Silvesternacht zunächst heruntergespielt hatte. „Besser nichts sagen, da kann man nichts falsch machen.“

Seit den Übergriffen auf Frauen an Silvester Steckt die Polizei in einer Zwickmühle: Entweder sie berichten über die Beteiligung von Flüchtlingen an Straftaten und schüren so möglicherweise Fremdenhass oder sie müssen sich dem Vorwurf aussetzen, sie würden Straftaten verschleiern.

Ulf Küch, Chef der Braunschweiger Kripo, kann ebenfalls ein Lied davon singen. Er musste auf – wenig subtilen – Druck der Politik die von ihm ins Leben gerufene Sonderkommission „Asyl“ umbenennen. Die Bezeichnung stigmatisiere Flüchtlinge. Nun heißt sie „Zentrale Ermittlungen“ (Zerm). Das Projekt jedoch ließ sich Küch nicht ausreden. Seit August 2015 geht die Soko sämtlichen angezeigten Straftaten nach, die in Braunschweig mutmaßlich von Flüchtlingen begangen worden sind. Das Motto der Zerm lautet in vielerlei Hinsicht: Ehrlich währt am längsten.

„Man spricht in diesem Land nicht so gerne über die Kriminalität von Flüchtlingen“, hatte Küch zur Gründung der Ermittlertruppe erklärt und damit das Schweigen gebrochen. Wie zum Trotz nannte der Polizist – als Vize-Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter ebenfalls ein Gewerkschafter – sein gerade erschienenes Buch „Soko Asyl“. Das Werk versteht Küch wie die Sonderkommission selbst als Beitrag, das Schweigen zu brechen und dadurch den teilweise abstrusen Behauptungen über Flüchtlinge Fakten entgegen zu setzen.

Küch und Soko-Chef Torsten Heuer sind sich sicher, nur ein ehrlicher Umgang mit dem Thema kann die Debatte versachlichen. „Wir wollen nicht beschwichtigen und nichts Schönreden, aber auch mit den ganzen Ammenmärchen aufräumen: ‚Die klauen alle‘, ‚die haben Hunde umgebracht‘ und ‚machen in die Gärten‘ – all dieser Unsinn. Nur ein sehr geringer Teil der Flüchtlinge wird straffällig. Und die ziehen wir zur Rechenschaft“, sagt Heuer. Sein Stellvertreter Jörn Memenga sekundiert: „Uns geht es nicht um Diffamierung, sondern um Differenzierung. Einen Generalverdacht gibt es bei uns nicht.“ Denn schließlich: „Klaut ein Bayer bei Aldi, sind nicht alle Bayern Diebe.“

Diesen Ansatz verfolgt Küch strikt in seinem Buch, das sich gerade anschickt, ein Besteller zu werden. Er legt darin offen, wie kriminelle Asylbewerber vorgehen, Lücken im Kontrollsystem ausnutzen und benennt Fehler sowie Versäumnisse der Politik. Seine Erkenntnis: „Der Anteil von Kriminellen unter den Flüchtlingen ist prozentual nicht höher als der Anteil von Kriminellen in der deutschen Bevölkerung.“ In der Kriminalitätsstatistik fielen von Asylbewerbern begangene Straftaten nicht ins Gewicht.

„Soko Asyl“ hat – wenn faktenbasierter – dieselbe Stoßrichtung wie das Buch von Küchs Bochumer Kollegin Tania Kambouri, die mit „Deutschland im Blaulicht – Notruf einer Polizistin“ einen Volltreffer landete. Ordnungshüter bilden exakt das ab, was sie erleben, brechen Tabus und zeigen auf, was von der Politik – teils aus gutgemeinten Gründen – ignoriert oder sogar schöngeredet wird.

Tambouri sagt ebenso wie ihre Braunschweiger Kollegen: „Ich möchte nichts beschönigen.“ Natürlich hat diese Offenheit Sprengkraft. Und natürlich passt sie nicht jedem. Sowohl Küch als auch Kambouri werden mehr oder weniger drastisch angefeindet. Kritik kommt jeweils aus dem politischen Lager, dem die Erklärungen und Erkenntnisse der zwei Polizisten nicht in den Kram passen. „Man wird sofort als Nazi diffamiert, wenn man sich über Ausländer negativ äußert“, klagt Kambouri, die selbst griechischer Abstammung ist.

Der Vorwurf, der dazu dient, ihre Bücher zu diskreditieren, lautet gegen beide Autoren gleich: Die Veröffentlichung sei nicht repräsentativ, da der Inhalt jeweils nur einen Bruchteil der Realität abbilde, hier Braunschweig, dort der Ruhrpott. Küch wird vorgehalten, er spreche nur von der Kriminalität, die von den seit Sommer 2015 ins Land strömenden Flüchtlingen ausgehe. Straftaten, die von seit Jahren in Deutschland lebenden Migranten ausgehen, ignoriere er.

Der Braunschweiger Kripo-Chef sagt dazu: „Das stimmt. Ich habe kein Buch über verfehlte Migration geschrieben. Dazu müsste ich ein weiteres schreiben. Aber ich habe in ‚Soko Asyl‘ die Probleme angesprochen, was nicht funktioniert hat in den 90er-Jahren und was die Folgen dieser Missstände sind. Wenn wir jetzt nicht aufpassen, wiederholen wir diese Fehler und kriegen neue Probleme.“

Kambouri musste sich immer wieder anhören, sie verallgemeinere ihre „Einzelerfahrungen“. Als würde es das besser machen. Als wären damit all die Beleidigungen wie „Bullenschlampe“ und gewalttätigen Angriffe – vom Bespucken bis zu Schlägen – weniger schlimm. Der Mitinhaber des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, Jakob Augstein, etwa sagte über Kambouris Buch: „Viel lernen für die gesamte Gesellschaft, fürchte ich, können wir daraus nicht.“

Die Bochumer Polizistin bleibt bei ihrer Haltung: „Die Probleme, die wir jetzt haben, die gab es vor einigen Jahren noch nicht. Das ist Fakt.“ Selbstverständlich gebe es auch Deutsche, die pöbelten und Polizisten ohne jeden Respekt begegneten. „Aber nicht in der Masse.“ Das müsse zu denken geben, ohne pauschal Ausländer zu verurteilen. Küch sieht ebenfalls keinen Grund, sich zu korrigieren. Seinen Kritikern bescheinigt er: „Denen gefällt doch nur nicht, was wir festgestellt haben.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert