zur Navigation springen

Kampf gegen Drogen : Sisyphus im Opiumfeld: Mexikos Soldaten wollen Heroinschwemme stoppen

vom

Jeden Tag sterben über 90 Menschen in den USA an einer Opioid-Überdosis. In Mexiko vernichten die Streitkräfte Tag für Tag Hunderte Schlafmohn-Felder.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2017 | 10:24 Uhr

Der Opium-Bauer hat eine Nachricht für die Soldaten zurückgelassen. „Bitte macht mich nicht fertig. Ich habe kein Geld für Essen oder Kleidung für meine Familie. Meine Töchter haben noch nicht einmal Schuhe“, heißt es auf dem handgeschriebenen Zettel, den die Militärpatrouille in einer verlassenen Hütte am Rande des Schlafmohn-Feldes entdeckt. „Bitte versteht mich und lasst mich Geld verdienen.“

Sanft wiegen sich die prallen Samenkapseln der Mohnpflanzen im Wind, als die Soldaten die Waldlichtung nahe Guachochi im mexikanischen Bundesstaat Chihuahua erreichen. Bei einem Aufklärungsflug haben Hubschrauberpiloten der Streitkräfte das Feld entdeckt, jetzt rückt eine Einsatzgruppe der Infanterie an, um die illegale Pflanzung zu vernichten.

Während einige Soldaten das Gelände mit Gewehr im Anschlag sichern, reißen die anderen die Schlafmohnpflanzen aus dem Boden und schichten sie über einer Feuerstelle auf. Dann stecken sie den Haufen in Brand, beißender Rauch zieht über den idyllischen Berghang in der Sierra Madre.

Allein im Süden von Chihuahua vernichten die Soldaten jeden Tag bis zu 300 Schlafmohnfelder. „Rund 2000 meiner Soldaten hier in der Region sind ausschließlich mit der Vernichtung von Schlafmohn- und Marihuanafeldern beschäftigt. Das sind 80 Prozent meiner Truppen“, sagt Brigadegeneral Martín Salvador Morfín Ruiz.

Opiumanbau lukrativer als Gemüseanbau

Aufgrund der geologischen und klimatischen Verhältnisse eignet sich das abgelegene Gebiet ausgezeichnet zum Anbau von Schlafmohn. Zur Erntezeit ritzen die Bauern frühmorgens die Samenkapseln mit einem Messer ein. Der austretende Milchsaft trocknet tagsüber in der Sonne und wird nachmittags abgeschabt. Aus dem Rohopium wird in versteckten Labors dann Heroin hergestellt.

Auf einem Hektar lassen sich rund elf Kilogramm Opiummasse gewinnen. Für ein Kilo zahlen das Sinaloa-Kartell und das Juárez-Kartell in der Region etwa 25.000 Pesos (1100 Euro). „Das ist für die Bauern weitaus lukrativer, als Mais oder Bohnen anzubauen“, sagt Brigadegeneral Morfín.

Die fetten Gewinne allerdings streichen die Kartelle ein. Aus elf Kilo Rohopium machen sie ein Kilo Heroin mit einem Wert von knapp zwei Millionen Pesos (90.000 Euro). Zuletzt war die Nachfrage nach Heroin in den USA deutlich gestiegen. Experten machen dafür die laxe Verschreibungspraxis opioidhaltiger Schmerzmittel wie Oxycodon, Hydrocodon und Fentanyl verantwortlich. Viele Patienten werden süchtig und steigen auf das günstigere Heroin um, wenn sie keine Rezepte mehr bekommen.

Die mexikanischen Kartelle wittern das große Geschäft und drücken immer reineres und billigeres Heroin auf den Markt. „Die mexikanischen Kartelle sind die größte drogenkriminelle Bedrohung für die USA. Keine andere Gruppe ist derzeit in der Lage, sie herauszufordern“, heißt es in dem neuen Bericht der US-Antidrogenbehörde DEA.

Trump: „Das ist die schlimmste Drogenkrise in der Geschichte der Vereinigten Staaten“

Jeden Tag sterben 91 Amerikaner an einer Opioid-Überdosis. Während Heroin früher vor allem ein Problem der Unterschicht in verwahrlosten Innenstadtbezirken war, stammen heute immer mehr Süchtige aus weißen Mittelstandsfamilien auf dem Land oder den Vororten. Angesichts des massenhaften Missbrauchs von Heroin und anderen Opioiden ruft US-Präsident Donald Trump am Donnerstag den nationalen Gesundheitsnotstand aus.

„Das ist die schlimmste Drogenkrise in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Wir müssen sie an allen Fronten bekämpfen“, sagt Trump. Unter anderem soll die Verschreibung opioidhaltiger Schmerzmittel eingeschränkt werden. Zu seiner Strategie gehöre aber auch die Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern der Drogen und die geplante Mauer an der Grenze zu Mexiko, sagt der Präsident.

Wegen der hohen Nachfrage nach Drogen im Norden erscheint der Kampf des mexikanischen Militärs gegen den Opium-Anbau wie eine Sisyphus-Arbeit. „An einem Tag vernichten wir ein Feld, am nächsten Tag säen die Bauern neu aus“, sagt Oberst Vicente Javier Mandujano Acevedo. Allein im Süden von Chihuahua haben die Streitkräfte seit Jahresbeginn 2264 Hektar Schlafmohn vernichtet, in der riesigen und schlecht zugänglichen Bergregion dürften aber viele Felder unentdeckt bleiben.

„Es ist schon ein bisschen frustrierend zu wissen, dass hier sofort wieder angepflanzt wird, wenn wir weg sind“, sagt Leutnant Luis Enrique Trujillo, der mit knapp 30 Soldaten das Schlafmohnfeld rodet. Eine Woche ist der Trupp im Feld, dann wird er mit Black-Hawk-Hubschraubern abgeholt und an einen neuen Einsatzort verlegt. „Aber wir sind von unserer Arbeit überzeugt. Wir wollen nicht, dass die Drogen zu unseren Kindern gelangen.“

Foto: dpa
 

An besonders unzugänglichen Stellen sprühen Helikopter-Piloten Herbizide über den Schlafmohnfeldern. Die Chemikalie Uproquat unterbindet die Photosynthese der Pflanzen und lässt sie absterben. Für Menschen sei das Mittel ungefährlich, sagen die Militärs. „Trotzdem setzen wir das Mittel nur bei frei stehenden Pflanzungen ein, wo keine Mais- oder Bohnenfelder in der Nähe sind“, sagt Pilot Doroteo Rojas.

Schwere Gefechte mit den Kartellen sind in der Region selten. Trotzdem haben die Streitkräfte in Guachochi eine schnelle Eingreiftruppe stationiert. „Hier gibt es Banden, die über deutlich mehr Feuerkraft verfügen, als die örtliche Polizei. Deshalb unterstützen wir sie“, sagt Brigadegeneral Morfín. Regelmäßig patrouillieren die Soldaten in ihren schweren Geländewagen durch die Ortschaft. Vermummte Richtschützen hinter aufgepflanzten Maschinengewehren halten Ausschau nach Verdächtigen.

Anders sieht es in dem anderen großen Anbaugebiet Guerrero im Südwesten des Landes aus. Jeden Monat werden in dem Bundesstaat rund 200 Menschen getötet, die meisten von kriminellen Organisationen. Angesichts der Gewaltwelle ist Gouverneur Héctor Astudillo auch für ungewöhnliche Ansätze offen. „Wir müssen neue Wege gehen, um weniger Spannungen, weniger Konflikte, weniger Gewalt zu erreichen“, sagt er. Selbst eine Legalisierung des Opiumanbaus für medizinische Zwecke könnte er sich vorstellen. „Ich glaube, das ist keine schlechte Idee.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen