Neue historische Serie: „Untergang in Raten“ : „Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen“

In einem Übertragungswagen der Marine wie diesem, der im Innenhof der Post an den Norderhofenden in Flensburg stationiert war, verkündete Klaus Kahlenberg das Ende des Zweiten Weltkriegs.
1 von 4
In einem Übertragungswagen der Marine wie diesem, der im Innenhof der Post an den Norderhofenden in Flensburg stationiert war, verkündete Klaus Kahlenberg das Ende des Zweiten Weltkriegs.

Am 9. Mai 1945 verlas Klaus Kahlenberg den letzten Wehrmachtsbericht des Zweiten Weltkrieges in Flensburg. Aber bis zum 23. Mai blieb die Reichsregierung im Amt. shz.de mit einer Originalaufnahme des Berichts.

shz.de von
09. Mai 2015, 08:54 Uhr

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz in Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zehnteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde. Es sind oft unscheinbare Erinnerungsorte, an denen Kriegsverbrecher abzutauchen versuchten, Marineschiffe versenkt, angebliche Deserteure immer noch hingerichtet wurden oder KZ-Häftlinge auf dem Weg in die Freiheit waren.

Die Nachkriegszeit begann mit einer Sendepause. Um 20.03 Uhr verlas Klaus Kahlenberg am 9. Mai 1945 in einem Übertragungswagen der Marine, der im Innenhof des damaligen Flensburger Postgebäudes geparkt war, den letzten Wehrmachtsbericht des Zweiten Weltkrieges. In der Nacht zuvor, um 0.16 Uhr, hatte das Oberkommando der Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet. „Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen. Auf Befehl des Großadmirals hat die Wehrmacht den aussichtslos gewordenen Kampf eingestellt“, liest der letzte Sprecher des „Reichssender Flensburg“ vor. Es knistert und rauscht im Äther. Der Bericht endet mit dem Satz „Es tritt eine Funkstille von drei Minuten ein.“

Der letzte Wehrmachtsbericht aus dem „Reichssender Flensburg“ vom 9. Mai 1945

<iframe width="100%" height="200" scrolling="no" frameborder="no" src="https://w.soundcloud.com/player/?url=https%3A//api.soundcloud.com/tracks/204511320&amp;auto_play=false&amp;hide_related=false&amp;show_comments=true&amp;show_user=true&amp;show_reposts=false&amp;visual=true"></iframe>

Quelle: Deutsches Rundfunkarchiv

„Es gibt keinen Erinnerungsort, an dem das Ende des Zweiten Weltkrieges konkreter zu erspüren wäre als hier“, sagt Prof. Gerhard Paul. Wie bitte? Im Hof lädt ein Gastronom frisch gelieferte Ware auf eine Sackkarre; im alten Postgebäude sind heute ein Hotel und ein asiatisches Restaurant untergebracht. Hier ist auch ein Eingang zur Kriminalpolizei mit einem ständigen Kommen und Gehen. Hinweistafeln auf den Ort, von dem aus Menschen über Lang- und Mittelwelle an vielen Orten im Deutschen Reich – selbst aus Prag sind Ohrenzeugen bekannt, und sogar Thomas Mann soll in seinem Exil in den USA zugehört haben – die Sendung verfolgten, gibt es nicht.

Dabei – so Gerhard Paul – markiert der über den 90 Meter hohen, hölzernen Sendemast im Flensburger Stadtteil St. Jürgen ausgestrahlte letzte Wehrmachtsbericht einen historischen Augenblick. „Selbst Kahlenberg war das bewusst. Sie merken es an seiner Stimme“, sagt der Historiker an der Flensburger Europa-Universität.

Geschichte, die man nicht sehen kann (auch den Übertragungswagen gibt es nicht mehr), wohl aber hören. Dass es diesen „akustischen Erinnerungsort“ gibt, ist den britischen Alliierten zu verdanken. Sie trauten dem Hitler-Nachfolger Großadmiral Dönitz, der seit dem 3. Mai 1945 mit seiner Geschäftsführenden Reichsregierung in der „Enklave Flensburg“ residierte, nicht über den Weg und zeichneten alle Sendungen auf Schallplatten auf.

Der „Reichssender Flensburg“ war das letzte Sprachrohr des untergehenden NS-Regimes. Wenn nicht Propaganda, wurde von hier aus zumindest Legendenbildung betrieben. „Hier wurde der Grundstein für den Mythos von der ‚sauberen Wehrmacht‘ gelegt“, sagt Prof. Paul. „Meine U-Bootsmänner!“, beginnt Dönitz eine Ansprache zur deutschen Teilkapitulation am 6. Mai im Norden. „Sechs Jahre U-Bootkrieg liegen hinter uns. Ihr habt gekämpft wie die Löwen… Ungebrochen und makellos legt ihr nach einem Heldenkampf ohnegleichen die Waffen nieder.“ Keine Spur von Schuldgefühlen, von Verantwortung für all’ die Gräueltaten, von denen keiner etwas gewusst haben wollte.

Nachdem der letzte Wehrmachtsbericht am 9. Mai verlesen und die dreiminütige Sendepause vorüber war, erklang das Deutschlandlied, gespielt von einem Streichquartett. Am nächsten Tag beschlagnahmte ein britischer Besatzungsoffizier die Sendeeinrichtungen. Unter Auflagen konnte aber zunächst weitergesendet werden.

Am 13. Mai entfernte ein Nachrichtenoffizier der 159. britischen Infanteriebrigade schließlich die Sender- und Verstärkerröhren. Damit war endgültig Schluss. Die NS-Propagandamaschinerie, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges über den Deutschlandsender sogar Live-Berichte von Frontabschnitten ausgestrahlt hatte, schwieg. Kein Knistern und kein Rauschen mehr, kein besinnungsloser Jubel wie bei der Übertragung von Goebbels’ Berliner Sportpalastrede.

Die letzten Ansprachen von Großadmiral Karl Dönitz, den Hitler vor seinem Selbstmord am 30. April 1945 zum Nachfolger ernannt hatte, oder vom Leitenden Minister der letzten Reichsregierung, Graf Schwerin von Krosigk, die über den Flensburger Sender gingen, wirkten gleichwohl nach. „Es wurde auf Vergangenheitsbewältigung im Sinne von Trauerarbeit verzichtet und das Ideal der Volksgemeinschaft beschworen. Zugleich wurde die Wehrmacht mit der Formel vom angeblichen ehrenvollen Kampf reingewaschen. Diese Deutung prägte die Adenauer-Ära“, sagt Prof. Paul.

Wie haben die Menschen vor 70 Jahren die Meldung von der bedingungslosen Kapitulation aufgenommen? Die Reaktionen und Gefühle waren so unterschiedlich wie die Menschen, die das Kriegsende dicht gedrängt in Schleswig-Holstein erlebten. Auf jeden Einwohner kam ein Flüchtling. Eine Million Soldaten hatten sich eingefunden, 200.000 freigelassene Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter mussten versorgt werden. „Für viele bedeutete die Verkündung des Kriegsendes Befreiung und Eröffnung neuer Chancen. Andere empfanden es als Untergang“, sagt Prof. Paul.

 Lesen Sie am Montag: Wie die Reichsregierung Dönitz in der Sportschule Mürwik residierte.

 

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen