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Nach Giftgasangriff in Syrien : Sean Spicer nach Hitler-Vergleich in Bedrängnis

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Einmal mehr begibt sich Trumps Sprecher Sean Spicer auf dünnes Eis. Assads Gräueltaten will er mit Hitler erklären.

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2017 | 14:59 Uhr

Sean Spicer sorgt im Presseraum des Weißen Hauses des Öfteren für Stirnrunzeln und irritierte Blicke unter den Journalisten. Aber diesmal hat der Sprecher von US-Präsident Donald Trump noch einmal einen drauf gesetzt.

Vergleiche mit der Nazi-Zeit sind immer heikel. Spicer hätte wissen können, dass er sich damit auf sehr dünnes Eis begibt. Mit dem Satz offenbart er aber zugleich eine große Portion Unkenntnis, lässt er doch historische Fakten außer acht.

Um klarzumachen, warum Russland endlich die Unterstützung für den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad einstellen müsse, bemüht Spicer einen Vergleich zur Nazi-Zeit. Er sagt, nicht einmal eine so verabscheuungswürdige Person wie Adolf Hitler sei so tief gesunken, Chemiewaffen einzusetzen. Es ist ein Satz, der suggeriert, Assad sei schlimmer als der Diktator, weil er Giftgas gegen das eigene Volk eingesetzt habe.

Es sind die Journalisten, die Spicer an die Gaskammern der Nazis erinnern müssen. Daran, dass Hitler Millionen Menschen umbringen ließ - Juden, Sinti und Roma, psychisch Kranke und andere - auch mit Giftgas. Noch während der Pressekonferenz gibt eine Reporterin Spicer die Gelegenheit, den Vergleich zu erklären. Er ist bemüht, die Worte gerade zu rücken, es gelingt ihm nicht. Er gerät ins Straucheln.

Er sagt, Hitler habe Giftgas nicht auf die selbe Art eingesetzt wie Assad. Als ein anderer Reporter daraufhin ruft, Hitler habe Juden vergast, schiebt er schnell hinterher: „Er hat es in die Holocaust-Zentren gebracht, das ist mir klar. Aber was ich zum Ausdruck bringen will, ist die Art, wie Assad es eingesetzt hat, indem er in die Städte geht und es über den Stadtzentren abwirft.“

Auch mit dem Begriff „Holocaust-Zentren“ erntet er ungläubige Blicke im Presseraum. Es wird deutlich, dass er die Konzentrationslager meint, aber der Ausdruck ist kein Synonym dafür. Das richtige Wort ist ihm offensichtlich nicht eingefallen.

Massive Kritik an Spicer

In den USA hagelte es nach der Aussage Kritik. „Sean Spicer sollte dafür gefeuert werden, dass er gesagt hat, Hitler habe keine chemischen Waffen gegen ,seine eigenen Leute' benutzt. Meint er, dass sechs Millionen Juden nicht zählen?“, empörte sich Schauspielerin Barbara Streisand auf Twitter.

Chelsea Clinton, Tochter von Bill und Hillary Clinton schrieb dort: „Ich hoffe, @PressSec nimmt sich die Zeit, das @HolocaustMuseum zu besuchen. Es ist nur wenige Straßen entfernt.“

 

Drastische Worte an Trump fand das Anne Frank Zentrum in den USA: „Wie fühlt es sich an, einen Pressesprecher zu haben, der den Holocaust verleugnet? Feuern Sie Ihren nationalen Schandfleck.“

Auch die Bundesregierung kritisierte Spicer, für seinen Vergleich. „Das zeigt nur, was ohnehin die Haltung der Bundesregierung ist: Jeglicher Vergleich aktueller Situationen mit den Verbrechen des Nationalsozialmus führt zu nichts Gutem“, sagte der Regierungssprecher von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Steffen Seibert, am Mittwoch.

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem übte Kritik. „Yad Vashem äußert sich tief besorgt in Bezug auf die ungenaue und unsensible Verwendung von Begriffen in Zusammenhang mit dem Holocaust durch den Sprecher des Präsidenten“, hieß es in einer Mitteilung. Seine Äußerungen zeigten, dass Spicer große Wissenslücken in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust habe. Seine Aussagen könnten zudem den Menschen in die Hände spielen, die die Geschichte verfälschen wollten.

Spicer bekam jedoch auch teilweise Unterstützung, zumindest was die Motivation seiner Worte betrifft. Die Äußerung sei wohl „nicht Teil eines größeren Musters“ gewesen, sagte der ansonsten der Trump-Regierung kritisch gegenüberstehende Autor Chris Cillizza. Spicer hätte aber wissen müssen, dass er mit solch einem Vergleich nur verlieren kann. So etwas ende niemals gut.

Nicht der erste unglückliche Auftritt

Es ist nicht ganz klar, was Spicer überhaupt zu dem Vergleich bewegt hat. Hat er keine Ahnung von Hitlers Gräueltaten in den Konzentrations- und Vernichtungslagern? Oder hat er sie im Eifer schlicht vergessen?

Der 45-Jährige hat in den vergangenen Monaten schon oft eine unglückliche Figur gemacht. Bei seinem ersten Auftritt log er in fünf Minuten nachweislich fünf Mal.Immer wieder tappte er ins Fettnäpfchen. Mal sprach er über einen Terroranschlag in Atlanta, den es gar nicht gab. Mal bezeichnete er Nigel Farage als Staatschef.

Spicer wirkt manchmal so, als stünde er bei den Pressekonferenzen im Weißen Haus unter sehr großem Druck. Seine Auftritte sind oft hektisch, die ganze Körpersprache strahlt Nervosität aus. Der Mund steht nicht still, die Augen springen von rechts nach links. Er fängt Sätze an, ohne sie zu Ende zu bringen, verliert sich in seinen Ausführungen. Man kann dem manchmal nur sehr schwer folgen, Protokolle des Gesagten verlieren sich im Nichts.

Die „Washington Post“ meint, das sei mehr als nur ein verbaler Tick. Spicers Sprachmuster offenbarten eine wenig schmeichelhafte Wahrheit über den obersten Sprecher des Weißen Hauses, schreibt der Autor Erik Wemple. „Er hat keine Ahnung, wovon er spricht.“ Ein Pressesprecher aber müsse über eine große Spanne an Themen Bescheid wissen. Spicer sei ein Meister des Schwadronierens, viel mehr aber nicht.

Der CNN-Journalist Wolf Blitzer will am Dienstagabend von Spicer wissen, ob er nicht gewusst habe, dass die Nationalsozialisten Juden und andere Menschen in Gaskammern umgebracht haben. Blitzers Eltern überlebten den Holocaust, seine Großeltern wurden von den Nazis ermordet. Spicer sagt, er habe natürlich davon gewusst. Er entschuldigte sich daraufhin. „Meine Äußerungen waren unpassend und unsensibel“, sagte er. Er habe auch Präsident Donald Trump im Stich gelassen und von dessen Erfolgen abgelenkt. Es sei eigentlich sein Job, genau diese zu verkaufen. Aber in Washington machen da schon längst Rücktrittsforderungen die Runde.

Israelischer Geheimdienstminister nimmt Spicer-Entschuldigung an

„Die Tatsache, dass er sich korrigiert hat, ist sehr wichtig im Hinblick auf die historische Wahrheit und die Erinnerung an sechs Millionen Juden, die während des Holocaust ermordet wurden“, sagte Geheimdienstminister Israel Katz. Für ihn sei die Affäre mit der Entschuldigung abgeschlossen. Katz hatte zuvor gefordert, Spicer müsse sich entschuldigen oder zurücktreten. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wollte sich nach Angaben seines Sprechers zunächst nicht äußern.

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