David Britsch : Schweriner Pilger über seine Türkei-Haft: „Ich war eine Art Geisel“

David Britsch darf Weihnachten zu Hause feiern.
David Britsch darf Weihnachten zu Hause feiern.

Nach acht Monaten durfte Britsch nach Schwerin zurückkehren. Dort berichtet er, was er in der Türkei erlebt hat.

shz.de von
23. Dezember 2017, 14:32 Uhr

Drei Kerzen brennen auf dem Adventskranz im Wohnzimmer, Tannengrün und das Knistern im Kamin verbreiten vorfestliche Stimmung. „Zu Weihnachten wieder zuhause zu sein, die Hoffnung hatte ich schon weitgehend aufgegeben“, sagt David Britsch und lehnt sich im Sessel zurück. Auf solche Bequemlichkeiten wie in seiner Wohnung am Rande der Schweriner Innenstadt hatte er fast neun Monate verzichten müssen. Der 55-Jährige war im April auf seiner Pilgerreise zu Fuß nach Jerusalem von türkischen Sicherheitskräften gestoppt und inhaftiert worden.

Mit fünf bis sieben Mitgefangenen musste er sich eine Zelle teilen. Anders als der noch immer inhaftierte „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel und andere Deutsche in türkischen Gefängnissen kam Britsch nun am Donnerstag überraschend frei und durfte in die Heimat zurückkehren. Zur Freude der Familie, zu der mehr als zehn Kinder und Pflegekinder gehören. Wie Britschs Ehefrau hatten auch sie mit Unverständnis und Sorge das Schicksal des 55-Jährigen von Deutschland aus verfolgt und auf ein rasches Ende der Haft in der Türkei gehofft. Doch wurde ihre Geduld auf eine harte Probe gestellt.

Keine Begründung der Haft

Britsch wirkt gefasst, wenn er über seine Zeit in den türkischen Gefängnissen berichtet. Er sei in der Regel anständig behandelt worden. Doch emotional wird er, wenn er von den Verfahrensweise der Behörden erzählt. Die Kontaktaufnahme zur deutschen Botschaft sei lange unterbunden worden, rechtlichen Beistand habe man ihm erst nach mehrmaligem Drängen und mehr als sieben Monaten gewährt. „Die rechtsstaatlichen Möglichkeiten, die ich theoretisch gehabt hätte, wurden systematisch hintertrieben“, sagt Britsch. Und einen Grund für seine lange Inhaftierung habe man ihm bis zum Schluss nicht genannt.

Die Flüchtlingsströme im Zuge des Syrienkriegs hätten ihn sehr bewegt und auch den Ausschlag für die Pilgerreise gegeben. „Ich wollte persönliche Erfahrungen sammeln, die kulturellen Gegensätze selbst erleben“, erklärt Britsch. Schon zu Beginn seiner Wanderung von Schwerin aus über Polen und andere osteuropäische Staaten bis in den Nahen Osten, habe er damit gerechnet, dass es dabei Schwierigkeiten geben könnte. „Aber nicht damit, dass ein Nato-Partner und EU-Beitrittskandidat so konsequent die Rechtsstaatlichkeit mit Füßen tritt“, erklärt Britsch.

Festnahme kam ohne Vorwarnung

Der frühere Buchbindermeister und jetzige Pädagoge und Mediator ist überzeugt, dass er unverschuldet ins Räderwerk der großen Politik geriet. Er sei in Antakya auf der Hauptausfallstraße auf dem Weg zum offiziellen türkisch-syrischen Grenzübergang gewesen, um dort ein reguläres Visum zu beantragen, sagt er. Alternativ habe er schon eine Schiffsroute zur Umgehung Syriens in Erwägung gezogen. Doch wurde er in der südtürkischen Stadt festgenommen und später in das Abschiebegefängnis in Askale im Nordosten gebracht.

„Es war klar, dass ich eine Art Geisel bin“, zeigt sich Britsch sicher. Als Grund sieht er die Spannungen zwischen Berlin und Ankara seit dem Putschversuch vom Juli 2016 und die türkischen Forderungen nach Auslieferung möglicher Gülen-Anhänger. „Erdogan hat ja ziemlich deutlich gesagt, dass er da ein Gegengewicht schaffen will“, erklärte Britsch. Eine ganze Reihe von Deutschen sei daher mit fadenscheinigen Begründungen oder auch ohne Begründungen inhaftiert worden. „Ich bin einer von denen, bei denen das ohne Begründung stattfand“, meint Britsch. Möglicherweise hätten die türkischen Behörden auch seinen Reise-Blog verfolgt. Dort habe er Kritik am Verhalten der Regierung geübt.

Für die lange Dauer seiner Haft macht Britsch die Bundesregierung mitverantwortlich. Das türkische Gesetz und internationale Konventionen würden vorschreiben, dass eine Abschiebehaft nach sechs Monaten zu beenden ist. „Ich hätte erwartet, dass der Konsul am nächsten Tag auf der Matte steht und ein Donnerwetter veranstaltet.“ Stattdessen habe man auf die Genehmigung eines Besuchstermins gewartet. „Mein Rechtsstaatsverständnis ist ein anderes.“

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