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Deutsch für Ausländer : Schulunterricht für Flüchtlinge in SH – „der alltägliche Wahnsinn“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jeder dritte Neuankömmling in SH ist ein Schulkind, viele sind traumatisiert – für die Lehrer eine Herausforderung.

Schleswig-Holsteins Schüler müssen sich nach den Sommerferien auf neue Klassenkameraden einstellen: Neben dem ein oder anderen Sitzenbleiber kommen auch Kinder und Jugendliche in die Schule, die nach Deutschland geflohen sind. Die allermeisten werden zunächst in den rund 100 Daz-Zentren (Deutsch für Ausländer) unterrichtet, die es inzwischen im Norden gibt. Sie sind quasi „Schulen in der Schule“, da sie ausnahmslos in vorhandenen Lehranstalten eingerichtet wurden. „Auch für Flüchtlingskinder gilt die Schulpflicht“, stellt der Sprecher des Kieler Bildungsministeriums Thomas Schunck klar – auch wenn über den Asylantrag noch nicht entschieden ist und die Kinder oft kein Wort Deutsch können.

Unterrichtet werden schulpflichtige  Kinder bereits in den Erstaufnahme-Einrichtungen. Bis zum Jahresende wird dort die Zahl der Lehrer auf 30 ansteigen. Zudem hat  das Ministerium mit der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände einen Vertrag geschlossen. Sie bekommen  zwei Millionen Euro  in diesem Jahr, damit sie den Flüchtlingskindern  am Nachmittag und in den Ferien  Freizeitangebote machen, die der Sprachförderung dienlich sind. Erwachsene Flüchtlinge bekommen in Integrationskursen Deutsch-Unterricht. Gestern kündigte das Innenministerium 35.000 Euro Zuschüsse an die Volkshochschulen für die Ausbildung von 34 weiteren Lehrern an. Dort bestehe Handlungsbedarf, sagte Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler (SPD).

Wie viele Kinder aus Syrien Afghanistan, Eritrea oder Serbien im September die Schulbank bei uns drücken werden, kann nicht exakt angegeben werden, erklärt Schunck, verweist jedoch auf eine Faustregel, wonach etwa jeder dritte Flüchtling, der im Norden landet, ein Schulkind ist. Bei geschätzt 25.000 Neuankömmlingen wären das in diesem Jahr gut 6000.

Hinzu kommen die „Altfälle“, die schon 2014 in Daz-Klassen unterrichtet wurden. In denen herrscht höchste Heterogenität. In Husum zum Beispiel saßen im Juli 13 Kinder aus neun Nationen vor ihren Büchern und übten mit ihrer Lehrerin die ersten deutschen Begriffe ein. Die besondere Herausforderung für die Pädagogen: Die Kinder sind nicht nur altersmäßig bunt gemischt, sondern haben auch höchst unterschiedliche Bildungsbiografien. Da sitzt dann der elfjährige syrische Gymnasiast neben einem 16-jährigen Eritreer, der noch nie die Schulbank gedrückt hat und deshalb auch in seiner Muttersprache nicht lesen und schreiben kann. Andere haben wegen der Kriegswirren mehrere Jahre lang keine Schule besucht und sind traumatisiert.

Weil die Kinder so verschieden sind, sollen sie im Unterricht individuell gefördert werden. Kriegserlebnisse, häusliche Gewalt, null Schulerfahrung oder Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf – „das ist der alltägliche Wahnsinn“, sagte kürzlich ein Daz-Lehrer bei einem Schulbesuch von Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) in Kronshagen bei Kiel. Für ihr Ministerium und die Schulräte ist die Organisation des Unterrichts auch deshalb eine Herkulesaufgabe, weil die Fluktuation enorm ist. Ständig kommen Neuankömmlinge in die Klasse, andere ziehen weg, weil die Eltern die Anerkennung und damit die Arbeitserlaubnis und einen Job bekommen.

Allein im laufenden Jahr hat die Landesregierung 125 zusätzliche Daz-Lehrerstellen bewilligt. Kostenpunkt: 7,7 Millionen Euro. Insgesamt gibt es im Norden jetzt 350 solcher Stellen. Zudem wurden 240 „normale“ Lehrerstellen geschaffen, um an den Regelschulen die Unterrichtsversorgung auch in Zeiten höherer Schülerzahlen sicher zu stellen. Die Flüchtlinge sollen nämlich – sobald sie des Deutschen einigermaßen mächtig sind – aus den Daz-Basisklassen mit 25 Wochenstunden Deutschunterricht in die Regelschulen wechseln.

Diesen Übergang gestalten viele Schulen fließend. In Fächern, in denen die Sprache nicht im Vordergrund steht– erst Sport und Musik, später Mathe – nehmen die Kinder am Regelunterricht teil, und wenn Deutsch auf dem Stundenplan steht, haben sie Daz-Unterricht.

Das „Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein“ bietet Pädagogen sechs Tage dauernde Daz-Fortbildungen an. Grundsätzlich ist der Norden gut dran: „Weil Schleswig-Holstein als eines der ersten Länder in der Lehrerausbildung ein Pflichtmodul ‚Deutsch als Zweitsprache‘ eingeführt hat, können wir jetzt aus diesem Pool schöpfen“, berichtet Schunck.

 

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erstellt am 25.Aug.2015 | 07:55 Uhr

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