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Kritik an Zentralprüfungen : Schüler Union stöhnt: Mathe-Abi in SH war zu schwer

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Felix Siegmon von der Schüler Union sagt, dass er Abi-Aufgaben lösen sollte, die vorher nicht im Unterricht behandelt worden waren. Er verlangt eine Neubewertung.

shz.de von
erstellt am 13.Mai.2016 | 19:42 Uhr

Waren die Mathe-Aufgaben bei den schriftlichen Abi-Prüfung in diesem Jahr zu schwer? Die Schüler Union – eine Nachwuchsorganisation der CDU im Norden – ist dieser Meinung. „Etliche Prüflinge hatten erhebliche Probleme mit den Aufgaben“, erklärte Jungpolitiker Felix Siegmon (Foto). „Ich selbst wurde in der Prüfung mit Aufgaben konfrontiert, die ich noch nie zuvor gesehen hatte und die im Unterricht auch nicht behandelt wurden!“ Die Klausur zeige, „dass das bundesweite Zentralabitur zu diesem Zeitpunkt ein unausgegorenes Experiment zu Lasten der Schüler ist“. Ähnlich wie in Niedersachsen müssten die Arbeiten jetzt auch in Schleswig-Holstein milder bewertet werden.

Bei der Entwicklung der niedersächsischen Abitur-Prüfungsaufgaben ist ein peinlicher Fehler passiert: Die Schüler hatten einfach zu wenig Zeit für die Mathe-Klausuren. Dorte räumte das Ministerium den Fehler ein. In SH reagiert das zuständige Ministerium anders.

Doch davon will das Kieler Ministerium nichts wissen – und auch die andern sechs Länder, die sich an länderübergreifenden Zentralprüfungen beteiligen, winkten am Freitag ab. „Noch sind die Arbeiten nicht bewertet – das wird bis Mitte Juni dauern – aber es handelt sich ganz offensichtlich um ein Problem nur in Niedersachsen“, erklärte Ministeriumssprecher Thomas Schunck in Kiel.

Gestolpert seien die 20.000 Prüflinge im Nachbarland nämlich über den zweiten und dritten Teil der Abi-Prüfungen, in dem Aufgaben gestellt werden, die das jeweilige Landesministerium – in diesem Fall also Hannover – verantwortet. Die Aufgaben aus dem zentralen Pool haben nach Angaben aller beteiligten Länder keine Probleme bereitet. „Bei uns gab es keine Kritik und keine Anrufe von Schulen“, stellt Schunck klar. Das habe sich erst geändert, seitdem über die Protestwelle in Niedersachsen öffentlich berichtet wurde.

Auch der Vorsitzende des Landeselternbeirates, Thomas Wulff aus Preetz , erklärte auf Nachfrage des sh:z, dass ihm keine diesbezüglichen Meldungen von Lehrern, Eltern oder Schülern vorliegen. Bei seinen Kollegen in Niedersachsen sind hingegen mehr als hundert Protestschreiben und Anrufe eingegangen

In diesem Jahr gab es beim schriftlichen Abitur zum zweiten Mal einen länderübergreifenden „Prüfungsteil“ mit Aufgaben, die Schüler in Bayern , Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern lösen mussten. Hintergrund ist ein Beschluss der Kultusminister, dass ab 2017 alle Gymnasiasten bundesweit im Mathe-, Deutsch-, Englisch- und Französisch-Abitur gleiche Leistungsanforderungen erfüllen müssen.

Das länderübergreifende Abitur soll Noten aus verschiedenen Bundesländern vergleichbarer machen. Wichtig ist das vor allem bei der Vergabe von Studienplätzen, für die ein Numerus clausus gilt. Zwar ist wissenschaftlich nicht erwiesen, dass das Niveau in den Bundesländern unterschiedlich ist. Doch Bildungsforscher bemängeln immer wieder, Schüler aus Ländern mit schwierigem Abitur seien im Nachteil.

Jammern hilft nicht - Ein Kommentar von Margret Kiosz
 

Mathe ist und bleibt für viele Schüler das Angstfach schlechthin.  Es gibt nur richtige Lösungen oder falsche. Schwafeln – mit dem man sich in  manchen  geisteswissenschaftlichen Fächern über die Runden retten kann – hilft hier nicht. Entsprechend groß ist das Risiko zu scheitern. Insofern ist die Aktion der Schüler Union nachvollziehbar: Wenn Niedersachsen gebeutelten Abi-Prüflingen  Noten-Rabatt gewährt, kann man das auch in Schleswig-Holstein versuchen. Man springt als Trittbrettfahrer auf den Zug auf, jammert laut und hofft auf Mitleid. Das dürfte nicht ausbleiben, wo doch selbst  Prominente – egal, ob Filmsternchen oder Politiker – in  Talk-Shows damit angeben, seit  Schulzeiten eine Matheniete zu sein und selbst das Einmaleins nur mit Mühe zu beherrschen.   

Doch der Schuss geht nach hinten los. Das niedersächsische Problem mit vielen anspruchsvollen  Abi-Aufgaben ist hausgemacht und  hat  mit Schleswig-Holstein nichts zu tun. Insofern haben die CDU-Jungpolitiker im Norden nicht nur einen Sturm im Wasserglas erzeugt, sondern sich auch selbst in ein  schlechtes Licht gerückt. Es bringt nichts, seine Mathe-Schwächen dem hiesigen Ministerium in die Schuhe zu schieben und auf zentrale Prüfungen zu schimpfen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es  im Kampf um rare Studienplätze  um Zehntelnoten geht –  und der  Numerus Clausus in diesem Jahr für die doppelten Abi-Jahrgänge besonders bedrohlich erscheint. Der Zweck heiligt auch hier nicht die Mittel.

 Wichtig bleibt zweierlei. Einerseits brauchen  wir ein entspannteres Verhältnis zur Mathematik. Schon jetzt beschreiten engagierte Lehrer neue Wege, um Schülern einen anderen Zugang zu Zahlen, Formen und Formeln zu vermitteln. Andererseits dürfen wir als Wissenschafts- und Wirtschaftsland das Leistungsniveau nicht weiter absenken – selbst wenn junge Leute reihenweise an Prüfungsaufgaben  scheitern.  Zwar ist die Verlockung groß, Notenrabatte zu gewähren, nur um die politisch  propagierte Zielvorgabe zu erfüllen, dass die Hälfte eines Jahrgangs Abitur machen sollen. Doch  die Quittung für diesen Unsinn folgt prompt: 94 Prozent der Informatikstudenten fielen kürzlich in Saarbrücken durch die Mathe-Klausur. Ein unüberhörbarer Warnschuss.

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