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BLIKK-Medienstudie 2017 : Schon Kita-Kinder spielen täglich auf dem Smartphone – mit Folgen

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Einschlafstörungen, gestörte Sprachentwicklung, mangelnde Konzentration: Der unkontrollierte Medienkonsum bei Kindern hat Folgen.

shz.de von
erstellt am 29.Mai.2017 | 14:16 Uhr

Berlin | Experten gehen mittlerweile von etwa 600.000 Internetabhängigen und 2,5 Millionen problematischen Nutzern in Deutschland aus. In der am Montagvormittag in Berlin vorgestellten BLIKK-Medienstudie werden nun auch die gesundheitlichen Risiken übermäßigen Medienkonsums für Kinder immer deutlicher. Sie reichen von Fütter- und Einschlafstörungen bei Babys über Sprachentwicklungsstörungen bei Kleinkindern bis zu Konzentrationsstörungen im Grundschulalter. Wenn der Medienkonsum bei Kind oder Eltern auffallend hoch ist, stellen Kinder- und Jugendärzte weit überdurchschnittlich entsprechende Auffälligkeiten fest, heißt es in einer Pressemitteilung.

Die Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung stehen außer Frage. Doch die Digitalisierung ist nicht ohne Risiko, zumindest dann, wenn der Medienkonsum außer Kontrolle gerät.

Die Ergebnisse im Überblick:

  • 70 Prozent der Kinder im Kita-Alter benutzen das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich. Das Risiko für motorische Hyperaktivität bei 2- bis 5-Jährigen ist damit 3,5 mal häufiger als normalerweise.
  • Es gibt einen Zusammenhang zwischen einer intensiven Mediennutzung und Entwicklungsstörungen der Kinder.
  • Bei Kindern bis zum Alter von sechs Jahren finden sich vermehrt Sprachentwicklungsstörungen sowie motorische Hyperaktivität bei denjenigen, die intensiv Medien nutzen.
  • Bei 8- bis 13-Jährigen lassen sich motorische Hyperaktivität und Konzentrationsprobleme feststellen, wenn digitale Medien länger als 60 Minuten täglich genutzt werden
  • Mehr als 16 Prozent der 13- und 14-Jährigen gaben an, Probleme zu haben, die eigene Internetnutzung selbstbestimmt zu kontrollieren.
  • Wird eine digitale Medienkompetenz nicht frühzeitig erlernt, besteht ein erhöhtes Risiko, den Umgang mit den digitalen Medien nicht kontrollieren zu können.
  • Säuglinge leiden unter Essens- und Schlafstörungen, wenn die Mutter digitale Medien nutzt, während sie das Kind betreut.
  • Die Forscher sehen außerdem einen Zusammenhang zu einem erhöhten Genuss von Süßigkeiten und zuckerhaltigen Getränken und einem daraus resultierenden erhöhten Body-Mass-Index (BMI)

Es gibt Bedarf nach qualifizierter Medienberatung

Für die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, besteht Handlungsbedarf: „Wir müssen die gesundheitlichen Risiken der Digitalisierung ernst nehmen! Es ist dringend notwendig, Eltern beim Thema Mediennutzung Orientierung zu geben. Kleinkinder brauchen kein Smartphone. Sie müssen erst einmal lernen, mit beiden Beinen sicher im realen Leben zu stehen. Unter dem Strich ist es höchste Zeit für mehr digitale Fürsorge – durch die Eltern, durch Schulen und Bildungseinrichtungen, aber natürlich auch durch die Politik.“

„Als Fazit der Studie ergibt sich, dass der richtige Umgang mit den digitalen Medien, die durchaus einen berechtigt hohen Stellenwert in Beruf und Gesellschaft eingenommen haben, frühzeitig kontrolliert geübt werden soll“, sagt der Direktor des Instituts für Medizinökonomie und medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule Köln, Reiner Riedel. Dabei müssten soziale und ethische Werte wie Verantwortung, reale Kommunikation, Teamgeist und Freundschaft auf allen Ebenen der Erziehung gefördert werden. „Kinder und junge Menschen sollen lernen, die Vorteile einer inzwischen globalen digitalen Welt zu nutzen, ohne dabei auf die Erlebnisse mit Freunden im Alltag zu verzichten.“

Auch Kinderarzt und Vorstandsmitglied des BVKJ (Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte), Uwe Büsching warnt: „Mit vorschneller Verordnung von Ergo- oder Sprachtherapie allein lassen sich Gefahren nicht abwenden. Gerade, wenn das Verhalten oder die Entwicklung auffällig ist, sollte immer auch ein unangebrachter Umgang der Eltern wie der Kinder mit Medien in Betracht gezogen werden. Eine Medienanamnese und eine qualifizierte Medienberatung muss zukünftig die Früherkennungsuntersuchungen ergänzen.“ Kinder sollten nicht vor dem 12. Geburtstag ein Smartphone bekommen.

Kritik an der Studie

Die Medienpsychologin Astrid Carolus, Beirat der Initiative „Schau hin!“, relativierte die Ergebnisse der Untersuchung in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Es wurden die Leute, die Eltern, die Kinder gefragt, wie viel Medien sie nutzen, und dann wurden allerlei Variablen erhoben. Und die Idee, die jetzt formuliert wird, Smartphones machen irgendwas, zum Beispiel dick, das ist dann wissenschaftlich einfach nicht präzise. Wir haben lediglich Zusammenhänge, das eine ist nicht die Ursache vom anderen, und das ist dann einfach ein sehr wichtiger Unterschied.“

Von Mediensucht zu sprechen sei grundsätzlich schwierig, denn die Sucht nach Medien sei noch nicht offiziell als Erkrankung anerkannt. „Für eine Sucht müssen immer bestimmte Kriterien erfüllt sein, sodass man diese Sucht als psychische Erkrankung diagnostizieren kann. Eine solche Liste spezifischer Kriterien gibt es derzeit für die ,Sucht nach Medien‘ noch nicht.“

Um von einer Sucht zu sprechen, müssten tatsächlich über einen längeren Zeitraum konkrete Symptome erfüllt sein: gesundheitliche, leistungsbezogene, soziale oder emotionale Probleme wie eine extreme gedankliche Fixierung oder depressive Reaktionen bei längerer Abstinenz. Für die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen gelte dies nicht in dieser extremen Weise oder aber nur phasenweise.

„Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht“ ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF sowie der Programmzeitschrift TV Spielfilm. Es gibt sie seit 2003. Sie will Eltern und Erziehenden mit zahlreichen Tipps und Empfehlungen unterstützen, ihre Kinder im Umgang mit Medien zu stärken.

Woher kommen die Daten für die Studie?

Unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten und mit Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit hat das Projekt „BLIKK‐Medien“ im Zeitraum vom 13. Juni 2016 bis zum 13. Januar 2017 Daten von Eltern von Kindern sowie Jugendlichen erhoben. Über 80 Ärzte in 13 Bundesländern haben im Rahmen der üblichen Früherkennungsuntersuchungen 5.573 Eltern und deren Kinder zum Umgang mit digitalen Medien befragt und die körperliche, entwicklungsneurologische und psychosoziale Verfassung umfangreich dokumentiert. Die Ergebnisse wurden mit Werten aus anderen Studien verglichen. BLIKK steht für Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz und Kommunikation.

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