zur Navigation springen

Flüchtlingskrise : Schlupfloch nach Europa: Anarchie und Wetter treiben Flüchtlinge nach Libyen

vom

Viele Flüchtlinge träumen von einem besseren Leben in Europa. Die EU macht es ihnen aber künftig schwerer - und die Balkanroute ist dicht. Von Libyen aus scheint das Tor nach Europa dagegen noch immer offen.

Tripolis | Die Bedingungen sind günstig für eine der riskantesten Reisen der Welt. Tage und Nächte sind warm im Norden Afrikas, der mäßige Wind peitscht das Mittelmeer nicht mehr so auf wie noch im Spätherbst oder Winter. Nach der faktischen Schließung der Balkanroute könnte der Westen Libyens zu einem noch öfter genutzten Knotenpunkt für Überfahrten nach Europa werden - trotz der tödlichen Gefahr.

Krieg, Armut und Terror sind nur einige Gründe für die Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten, um nach Europa zu kommen.  Die Schließung der Balkanroute stoppt die Menschen nicht. Sie suchen sich neue Wege.

Alleine am Samstag retteten spanische, italienische und deutsche Marineschiffe knapp 800 Bootsflüchtlinge in Seenot. In den vergangenen Jahren starben Tausende auf ihrem Weg übers Meer.

Die meisten Boote starten in der Nähe der Hauptstadt Tripolis. Bislang kommen die Flüchtlinge vor allem aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Einer von ihnen ist Adamu aus Niger. „Ich liebe Europa“, sagt der 22-Jährige. Aber er habe Angst, in ein Boot zu steigen. Ob er nicht doch den Plan hat, über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen, bleibt unklar. So gut wie niemand hier würde offen zugeben, sich den Schleppern anzuvertrauen.

Wie viele Flüchtlinge dieses Jahr kommen könnten, weiß niemand so genau. Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini befürchtet einem Bericht von „politico.eu“ zufolge, dass sich mehr als 450.000 Menschen von dem Bürgerkriegsland aus auf den Weg machen könnten. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) kann diese Zahl zwar nicht bestätigen, geht aber davon aus, dass Flüchtlinge nach Inkrafttreten des EU-Türkei-Pakts nach Alternativen suchen werden.

Die Zahl der abfahrenden Boote in Westlibyen scheint mit dem Frühlingsbeginn zu steigen. Die libysche Nachrichtenagentur Lana berichtet zunehmend von aufgegriffenen Flüchtlingen vor der Küste. In der Praxis mieten Mittelsmänner Unterkünfte, um die Flüchtlinge dort unterzubringen, bis sie ausreichend viele „Kunden“ für eine Überfahrt haben.

Wenn die Flüchtlingsboote voll besetzt in Richtung der italienischen Inseln starten, ist es in den allermeisten Fällen nicht einmal mehr das Ziel, Europa aus eigener Kraft zu erreichen. Denn außerhalb der libyschen Zwölf-Meilen-Zone patrouillieren Schiffe für die EU-Operation „Sophia“. Sie sollen Schleusern die Bewegungsfreiheit nehmen, retten aber auch die Flüchtlinge.

„Die Masche wird von den „Vermittlern des Todes“ weiter verwendet, solange sie Menschen überzeugen können, für ein vermeintlich besseres Leben in Europa zu bezahlen“, sagt Aktivist Husam Sagar, der sich in Libyen mit illegaler Migration befasst.

Die Nutznießer des Ganzen bleiben die Milizen, die im Machtvakuum des Bürgerkriegslandes ungehindert agieren können. Sie sind an dem Geschäft mit den Flüchtlingen mindestens beteiligt. Ihre Anführer sollen die Machenschaften sogar so weit kontrollieren, dass sich ohne ihre Erlaubnis kein Schiff auf den Weg macht.

Adamu aus Niger sagt, er habe Angst vor den Milizen. „Wenn mich diese Leute mitnehmen, lassen sie mich niemals frei, bis ich ihnen mein hart erarbeitetes Geld zahle.“ Viele Ausländer verdienen im ölreichen Libyen zwar gut, sind aber auch Zielscheibe für Erpressung und Gewalt.

Die manchmal tödlich endenden Überfahrten von der Küste Libyens werden weitergehen, solange das Chaos im Land selber nicht gelöst ist. Denn zur Entwaffnung der Milizen braucht es die von den Vereinten Nationen vermittelte Einheitsregierung. Genauso, um Schiffen im EU-Auftrag die Operationen in libyschen Gewässern oder Militärmächten Luftangriffe auf die Terrormiliz Islamischer Staat zu erlauben.

Das Kabinett der Einheitsregierung steht. Seine Einsetzung scheiterte dagegen bislang am Widerstand der beiden rivalisierenden Regierungen. Bis die neue Führung ihre Arbeit aufnehmen kann, bleiben die Bedingungen bestens - für Mittelsmänner, Schlepper und Milizenführer.

Mit der Einigung zwischen der EU und der Türkei haben Flüchtlinge kaum noch Chancen, über die bisher genutzte Balkanroute zu reisen. Es wird aber erwartet, dass die Migranten nun versuchen, auf anderem Weg nach Mitteleuropa zu gelangen. Alternative Flüchtlingsrouten führen auf dem Landweg von Griechenland über Albanien oder von der Türkei über Bulgarien. Gefährlich ist vor allem der Seeweg von Nordafrika nach Italien. Ein Überblick:

Nordafrika - Italien

Schlepper haben vor allem in dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Libyen leichtes Spiel. Aus dem Westen des Landes - teilweise auch aus Tunesien - starten vor allem in den Sommermonaten viele schrottreife Boote zu italienischen Inseln wie Lampedusa. Menschrechtsaktivisten fürchten, dass die Zahl der Menschen, die auf hoher See ums Leben kommen, wieder stark ansteigen könnte.

Türkei - Griechenland - Italien

Eine neue Flüchtlingsroute könnte über Westgriechenland mit Schiffen nach Italien führen. Allerdings gibt es bei weitem nicht solche Infrastrukturen wie an der türkischen Küste. Die Entfernung zum Beispiel zwischen Igoumenitsa und Otranto in Italien ist mit 168 Kilometern deutlich größer als von der Türkei zu den ostägäischen Inseln, wo die Überfahrt oft nur eine gute Stunde dauert.

Albanien

Eine weitere potenzielle Route führt über Albanien. Das Gelände zwischen Griechenland und Albanien ist gebirgig und wahrscheinlich nicht lückenlos zu überwachen. Allerdings gibt es in Südalbanien keinerlei Eisenbahnverbindungen. Von Albanien könnten die Flüchtlinge mit Schiffen über die Adria nach Italien gelangen.

Sonst bleibt noch der Landweg von Albanien über Montenegro und Kroatien oder Bosnien-Herzegowina nach Slowenien und Österreich. Doch in den Balkanländern gibt es keine nennenswerten Eisenbahnverbindungen. Es ist wenig wahrscheinlich, dass in der Region schnell eine Infrastruktur aus dem Boden gestampft werden kann, die Tausende Menschen durchschleust.

Türkei - Bulgarien

Flüchtlinge könnten auch versuchen, über die Landgrenze zwischen der Türkei und Bulgarien in die EU zu gelangen. Bislang wird diese Route kaum genutzt.

 
zur Startseite

von
erstellt am 22.Mär.2016 | 12:23 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen