zur Navigation springen

Schlimmer Verdacht gegen Edathy

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Staatsanwaltschaft ermittelt: Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete soll im Besitz von Kinderpornografie gewesen sein

Auf dem Klingelschild ist der Bundesadler abgebildet, „Sebastian Edathy MdB“ steht darauf. Der Briefkasten im 3500-Einwohner-Ort Rehburg ist wohl länger nicht geleert worden. Auch die Lokalzeitung mit dem Artikel über die Durchsuchung in Wohn- und Büroräumen des bisherigen SPD-Bundestagsabgeordneten steckt noch im Kasten.

Viermal gewann der 44-jährige Edathy (Sohn eines aus Indien stammenden evangelischen Pastors und einer Deutschen) das Direktmandat des Wahlkreises Nienburg II – Schaumburg, seit 1998 saß er im Bundestag, bevor er am Sonnabend überraschend mitteilte: „Ich habe mich aus gesundheitlichen Gründen dazu entschieden, mein Bundestagsmandat niederzulegen.“ Dieser Schritt erscheint seit gestern in einem anderen Licht.

320 Kilometer entfernt, in Berlin, ist Christine Lambrecht die Erschütterung anzusehen. Um 10.15 Uhr kommt sie in den Marie-Juchacz-Saal im Reichstag, eigentlich will die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion die geplante Diätenerhöhung erläutern. Aber sie sagt gleich etwas zu den kursierenden Berichten über Edathy. „Die genannten Gründe, Verdacht auf Besitz von Kinderpornografie, sind schwerwiegend.“ Sie sei zutiefst bestürzt. Auf Nachfrage muss sie einräumen, dass sie den Verdacht nur aus den Medien kennt.

Die Polizei durchsuchte im Zuge der Ermittlungen am Montag fünf Objekte: die Bürgerbüros in Nienburg und Stadthagen, Edathys Wohnungen in Rehburg und Berlin und ein weiteres Büro. Dabei sei Beweismaterial gesichtet und sichergestellt worden. Edathy selbst sei dabei nicht angetroffen worden. Die zuständige Staatsanwaltschaft Hannover äußert sich nicht genauer zu den Gründen für die Durchsuchungen. Nach Informationen von „Spiegel Online“ fanden sich Hinweise auf Edathy in Material, das die kanadische Polizei bei Ermittlungen gegen einen internationalen Kinderporno-Ring sichergestellt hat.

Edathy selbst ist für die SPD-Granden gestern nicht greifbar. „Er ist im Moment nicht erreichbar“, sagt Lambrecht. Sie wisse auch nicht, wo er derzeit sei. Gleiches sagt auch Fraktionschef Thomas Oppermann.

Edathy selbst meldet sich kurze Zeit später via Internet. Auf seiner Facebook-Seite findet sich folgende Erklärung: „Die öffentliche Behauptung, ich befände mich im Besitz kinderpornografischer Schriften beziehungsweise hätte mir diese verschafft, ist unwahr.“ Er gehe davon aus, dass die Unschuldsvermutung auch für ihn gelte. „Ein strafbares Verhalten liegt nicht vor.“

Am Nachmittag ist Oppermann vorsichtiger als Lamprecht und wiederholt den Kinderporno-Verdacht nicht. „Ich erwarte von den Ermittlungsbehörden, dass sie diesen Sachverhalt schnell, umfassend und genau aufklären“, betont er.

Viele wunderten sich nach der Bundestagswahl, dass der geschätzte Innenpolitiker, der als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zu den NSU-Morden das Versagen der Geheimdienste angeprangert hatte, nach der Wahl bei der Postenvergabe leer ausging. Er hatte sich durch seinen Einsatz gegen Rechts auch als moralische Instanz profiliert.

Die vergangenen Wochen hat der ledige, kinderlose Soziologe im Bundestag gefehlt. Seit Anfang Januar war er krankgeschrieben. In der Partei ist von Erschöpfungssymptomen als Grund für das krankheitsbedingte Fehlen die Rede.

Noch sind viele Fragen offen, auch die SPD weiß wenig Konkretes. Wann wusste er von den Ermittlungen gegen ihn? Und wie kann es sein, dass die Lokalpresse bei der Durchsuchung vor Ort ist und in Edathys Wohnung fotografiert? Edathy will deswegen Anzeige erstatten.

In Edathys Heimat sagt die Büroleiterin des Unterbezirks Nienburg, Christine Rinne, die Sozialdemokraten seien stolz, dass er so eine Karriere hingelegt habe. Und: „Ich glaube ihm, wenn er es abstreitet.

zur Startseite

von
erstellt am 11.Feb.2014 | 18:44 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen