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Umfrage : Schiefergas: Länder wollen keine Fracking-Probebohrungen

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Nach einer Umfrage würden die Bundesländer bei erlaubten Bohrungen für wissenschaftliche Zwecke ihr Veto einlegen.

Lange wurde gestritten, jetzt ist es so weit: Am Samstag, 11. Februar, treten die neuen Fracking-Regelungen für Deutschland in Kraft. Unkonventionelles Fracking zur Förderung von Schiefergas wird damit verboten – abgesehen von vier Probebohrungen zu wissenschaftlichen Zwecken. Doch selbst die werden wohl kaum umgesetzt, zeigen Recherchen der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Gegen Fracking gibt es großen Widerstand. Umweltschützer fürchten wegen des Chemikalieneinsatzes eine Verunreinigung des Grundwassers.

Das neue Fracking-Gesetz sieht einen Ländervorbehalt vor. Und das heißt: Soll testweise die umstrittene Technologie eingesetzt werden, müsste das jeweilige Bundesland zustimmen. Auf Nachfrage schließen aber fast alle Landesregierungen solche Probebohrungen auf ihrem Zuständigkeitsgebiet aus. Die einen, weil sie nach eigenen Angaben über keine geeigneten geologischen Verhältnisse zur unkonventionellen Gasgewinnung verfügen wie Rheinland-Pfalz oder Sachsen. Die anderen, weil sie die umstrittene Technologie, bei der mithilfe von Chemikalien Gesteinsschichten im Untergrund aufgesprengt werden, grundsätzlich ablehnen.

Letzteres gilt beispielsweise für Niedersachsen. Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums sagt, Minister Olaf Lies (SPD) habe das zuständige Bergbauamt angewiesen, keine derartigen Genehmigungen zu erteilen. Aus Kiel heißt es kurz und knapp: „Schleswig-Holstein wird keine etwaigen Probebohrungen zustimmen.“ Ähnlich äußern sich beispielsweise Nordrhein-Westfalen und Bremen. Hamburg verweist auf den Koalitionsvertrag, der unkonventionelles Fracking auf dem Gebiet des Stadtstaates ausschließt.

Was bedeutet Fracking?

Fracking (Hydraulic Fracturing, aus dem Englischen: to fracture = aufbrechen, aufreißen) ist ein Verfahren zur Gewinnung von Erdgas und Erdöl aus unkonventionellen Lagerstätten in 1000 bis 5000 Metern Tiefe. Dabei wird mit hohem Druck unter Einsatz von Wasser, Sand und Chemikalien das Gestein so aufgebrochen, dass Gas und Öl durch die Risse über Bohrrohre an die Oberfläche gelangen kann. Das Verfahren ist wirtschaftlich und politisch interessant geworden, um unabhängiger von Erdöl- und Erdgaslieferungen aus dem Ausland zu werden. In Deutschland wittert unter anderem der US-Konzern ExxonMobil ein lukratives Geschäft, nachdem das Unternehmen in den USA bereits Erfolge mit Gas-Fracking erzielt hat.

Warum ist Fracking so umstritten?

Die Auswirkungen der beim Fracking eingesetzten Chemikalien auf Natur und Umwelt, zum Beispiel auf das Grundwasser, sind nicht abzusehen. Umweltschützer befürchten eine Verunreinigung des Trinkwassers. Das Umweltbundesamt (UBA) sieht darüber hinaus Probleme bei der Entsorgung des anfallenden Abwassers (Flowback). Da die ökologischen Risiken schwer abzuschätzen sind, empfiehlt das UBA strenge Auflagen für den Einsatz der Technologie. Die Landesregierung Schleswig-Holstein lehnt Fracking deswegen komplett ab.

Gibt es auch in Deutschland solche Erdgas-Lagerstätten?

Ja, vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen - aber in geringerer Konzentration auch in Schleswig-Holstein. Sie befinden sich in Schiefertonformationen, Kohleflözen und dichten Sandsteinformationen. Studien gehen davon aus, dass der deutsche Gasbedarf mit den Vorkommen bis zu 27 Jahre lang gedeckt werden könnte. Allerdings gelten 14 Prozent der Fläche als Wasserschutzgebiete, somit ist das Förderpotenzial weit geringer.

Warum wird die Suche nach möglichen Fracking-Standorten nicht einfach abgelehnt?

Die Ursache liegt im veralteten Bergrecht, das den rechtlichen Rahmen für den Abbau von Bodenschätzen bildet. Darin ist auch festgehalten, dass Energieunternehmen grundsätzlich einen Anspruch auf Aufsuchungserlaubnis haben. (Dazu eine Übersicht der Landesregierung SH. Siehe vor allem Punkt 9)

Gibt es Länder, in denen Fracking das Grundwasser bereits verschmutzt hat?

In den USA kam es nach Medienberichten aufgrund unzureichender Umweltgesetze und technischer Unzulänglichkeiten zu Grundwasserbelastungen und regionalen Beeinträchtigungen der Trinkwasserversorgung.

Was führen die Befürworter von Fracking an?

Durch Fracking sind die Fördermengen von Öl und Gas in den vergangenen Jahren stark gestiegen.  In den Jahren 2005 bis 2013 stieg die Gasförderung in den USA um 30 Prozent. Fast  die Hälfte ihres  Ölverbrauchs können die USA inzwischen durch eigene Produktion decken. (Statistik zur Förderung und zum Verbrauch) Dadurch sind auch für deutsche Verbraucher die Preise für Benzin, Diesel und Heizöl spürbar nach unten gegangen. Die Abhängigkeit vom politisch labilen Nahen Osten werde durch Fracking verringert, argumentieren die Befürworter. Die westlichen Industrieländer seien dadurch in der Lage, einen größeren Anteil ihres Energiebedarfs zu decken. Außerdem seien die Gefahren, die Fracking angeblich mit sich bringt, nicht so groß, wie oft angenommen. Seriöse Wissenschaftlicher halten jedoch dagegen.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel wollten die Technik zur Förderung von Erdgas und Erdöl mit Auflagen erlauben. Fracking solle nur oberhalb von 3000 Metern Bodentiefe stattfinden.

Doch die Mehrheit der Länder lief Sturm. Sie wollen Fracking komplett verbieten. Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) kritisierte die Pläne des Bundes schon lange. Er konnte andere Länder im Umweltausschuss des Bundesrates von seiner Meinung überzeugen

 

Beim Fracken wird Wasser in den Boden gepresst, um Gesteinsschichten aufzubrechen und das darin enthaltene Gas oder Öl fördern zu können. Das Wasser wird dabei mit Chemikalien versetzt – beim unkonventionellen Fracken mit mehr, beim konventionellen mit wenig

„Bayern ist kein Experimentierfeld“

Auch im Süden der Republik wird es wohl keine Probebohrungen geben. Bayerns Umweltministerin Ulrika Scharf (CSU) sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Bayern ist kein Experimentierfeld für unerforschte riskante Technologien.“ Der Schutz von Grund- und Trinkwasser habe immer Vorrang. „Hier gibt es keine Kompromisse“, so Scharf. Auch Baden-Württemberg schloss Schiefergasförderung auf Nachfrage aus.

Allein Mecklenburg-Vorpommern äußert sich zurückhaltender. „Wir sehen das grundsätzlich skeptisch“, sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums in Schwerin. Sie könne aber nicht vollkommen ausschließen, dass dennoch künftig probeweise gefracked werde. Bislang habe die Landesregierung dazu noch keine Position. Untersuchungen hätten aber bereits ergeben, dass die Förderung des Schiefergases in Mecklenburg-Vorpommern nicht wirtschaftlich sei.

Vier Million Euro für Probebohrungen

Im Bundeshaushalt sind dieses Jahr für die Probebohrungen vier Millionen Euro vorgesehen, geht aus der Antwort des Forschungsministeriums auf eine Anfrage der Grünen hervor. „Ziel der Erprobungsmaßnahmen […] ist es, die Auswirkungen des Einsatzes von Fracking in Schiefer-, Ton-, Mergel- oder Kohleflözgestein auf die Umwelt, insbesondere den Untergrund und den Wasserhaushauhalt, wissenschaftlich zu erforschen“, heißt es weiter in dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt. Wenn sich allerdings kein Bundesland für die Probebohrungen findet, sind solche Untersuchungen hinfällig.

Grüne: Geld für die Krebsforschung

Julia Verlinden, energiepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, forderte eine Umwidmung der vier Millionen Euro im Bundeshalt: Statt in die Schiefergasförderung sollte das Geld ihrer nach Ansicht in die Erforschung der Krebsgefahr des konventionellen Frackings gesteckt werden. Das bleibt mit dem neuen Gesetz erlaubt – wenn auch unter strengeren Auflagen. In Niedersachsen wird auf diese Weise bereits seit den 1960ern Gas gewonnen. Der Umweltverband BUND forderte die Landesregierung in Hannover auf, keine derartigen Bohrungen mehr zu genehmigen. 

Angesichts der neuen gesetzlichen Regelungen und damit verbundenen Auflagen teilte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Freitag mit: „Fracking wird in Deutschland keine wichtige Rolle spielen.“

Der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geothermie (BVEG) erklärte auf Nachfrage, er trage die neuen Regularien für konventionelle Projekte im Sinne von Umweltschutz und Akzeptanz mit. „Im Augenblick sehen wir vor allem für die traditionelle Erdgas- und Erdölförderung eine Perspektive“, so eine Verbandssprecherin. Das Verbot des unkonventionellen Frackings kritisierte sie indes als „nicht nachvollziehbar“.

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erstellt am 11.Feb.2017 | 14:02 Uhr

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