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Nach Streit im Supermarkt Arnsdorf : Sachsen: Bürgerwehr fesselt Flüchtling an einen Baum

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Neuer Fall von Selbstjustiz: Männer in schwarzen Shirts vertreiben einen 21-Jährigen aus einem Supermarkt. Die Polizei lässt sie erst laufen. Jetzt wird nach ihnen gesucht.

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erstellt am 02.Jun.2016 | 10:40 Uhr

Arnsdorf | In Sachsen ist es erneut zu Gewalt gegenüber einem Flüchtling gekommen. In einem Supermarkt in Arnsdorf (knapp 30 Kilometer östlich von Dresden)sind mindestens drei Personen, die offenbar einer Bürgerwehr angehören, auf einen Asylbewerber losgegangen. Der 21-Jährige wurde geschlagen, aus dem Supermarkt gezerrt und anschließend an einen Baum gefesselt.

Die Zahl der Bürgerwehren in Deutschland nimmt zu. In Sachsen wurden sie mehrfach mit fremdenfeindlichen Anschlägen und Hetze gegen Flüchtlinge in Zusammenhang gebracht, zum Beispiel in Freital. Die Polizei sieht diese Entwicklung kritisch. Selbstjustiz ist verboten.

Die Polizei bestätigt den Vorfall, der sich schon am 21. Mai ereignet hat. Aktuell wird er von offenbar rechtsextremen Kreisen über soziale Netzwerke und verschiedene YouTube-Kanäle verbreitet und menschenverachtend kommentiert.

Was genau ist passiert?

„Der irakische Staatsbürger, der auch in dem angesprochenen Video zu erkennen ist, hatte in dem Geschäft am 20. Mai 2016 eine Telefonkarte gekauft. Bei deren Aktivierung ergaben sich jedoch offenbar Komplikationen“, heißt es in einer Mitteilung der Polizei. Deshalb sei der Mann am 21. Mai erneut in den Supermarkt gegangen, um das Problem zu klären. Wegen sprachlicher Barrieren konnten er und die Supermarkt-Mitarbeiter nicht verständigen. Die Polizei wurde gerufen, um die Situation zu klären. Eine Streife brachte den Mann zurück in ein psychatrisches Fachkrankenhaus, in dem er laut Sächsischer Zeitung untergebracht ist.

Am gleichen Abend erschien der Kunde gegen 18 Uhr ein drittes Mal im Supermarkt. Da eskalierte die Situation. Die Polizei berichtet: „Aus Zeugenvernehmungen des Verkaufspersonals ist ersichtlich, dass die Filialleiterin den Sachverhalt geprüft und dabei festgestellt hatte, dass das Guthaben der Telefonkarte bereits aufgebraucht worden war.“ Der Mann soll in Rage geraten sein, eine Flasche Wein aus einem Regal genommen und damit die Filialleiterin sowie eine Mitarbeiterin bedroht haben. Verletzt wurde dabei niemand.

Wie das Youtube-Video zeigt, kommt dann die Bürgerwehr ins Spiel. Drei schwarz gekleidete Männer betreten den Laden, gehen zielstrebig auf den 21-Jährigen zu. Einer ballt die Faust, ein anderer entwendet ihm die Flasche, packt ihn und führt ihn in Richtung Ausgang. Als der junge Mann sich wehrt, wird er geschubst und geschlagen und schließlich brutal vor die Tür gebracht. Das Video endet mit den Worten einer Frau im Geschäft, die sagt: „Ist schon schade, dass man ne Bürgerwehr braucht.“

Die Polizei wurde um 18.52 Uhr per Notruf gerufen. Beim Eintreffen einer Streife fanden die Beamten den 21-Jährigen mit Kabelbindern an einen Baum gefesselt. „Die dafür verantwortlichen Männer berichteten, dass sie den Mann zur Abwehr einer angeblichen Gefährdungssituation festgehalten und an einer Flucht gehindert haben wollen“, erklärt ein Polizeisprecher.

Der Supermarkt äußert sich via Facebook zu dem Fall: Man nehme den Vorfall sehr ernst. Ersten Erkenntnissen zufolge seien die „Personen mit den schwarzen T-Shirts und dem Aufdruck 'Bürgerwehr'“ nicht von Mitarbeitern des Ladens gerufen worden.

Warum wird der Fall jetzt bundesweit bekannt?

Das Video und Fotos verbreiten sich aktuell in rechtsextremen Kreisen über das Internet. Dabei wird der Fall aber falsch dargestellt. In den sozialen Netzwerken heißt es, der Asylbewerber habe geklaut. Doch die Polizei stellt klar, dass es keinen Diebstahl gegeben und der Mann niemanden verletzt oder etwas beschädigt habe.

Wie geht es nun weiter?

Der Vorfall hat ein Nachspiel. Während die Beamten am Tattag die Männer der Bürgerwehr dazu aufriefen, den Platz zu verlassen ohne ihre Personalien aufzunehmen, wird nun nach ihnen gesucht.

Die Ermittler suchen Zeugen, die den Sachverhalt gesehen haben oder Angaben zu den Männern geben können, die den Betroffenen aus dem Supermarkt gebracht und an den Baum gebunden haben. Die Polizei ermittelt der Sächsischen Zeitung zufolge noch gegen unbekannt, im Ort kenne man aber mindestens einen der Beteiligten: Es soll sich um ein CDU-Gemeinderatsmitglied handeln. Auf den Vorfall angesprochen, habe dieser lediglich gesagt: „Wir haben Zivilcourage gezeigt und hätten das bei jedem anderen ebenfalls getan. Auch wenn es ein Deutscher gewesen wäre.“ Bürgermeisterin Martina Angermann (SPD) sagte, sie habe auch zwei weitere Männer erkannt und werde der Polizei die Namen nennen.

Gegen die Bürgerwehr wird wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung ermittelt, gegen den Asylbewerber wegen des Verdachts der Bedrohung. Auch der Staatsschutz sei mittlerweile involviert.

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