CDU und SPD : Saarland-Wahl: „Umfragen können nicht präzise sein“

Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer lässt sich auf der CDU-Wahlparty in Saarbrücken feiern.
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Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer lässt sich auf der CDU-Wahlparty in Saarbrücken feiern.

Umfragen hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und SPD vorausgesagt. Doch es kam anders. Warum?

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27. März 2017, 14:25 Uhr

Saarbrücken/Kiel | Man kennt das Ritual. Kommt eine Umfrage auf den Markt, dann haben Politiker stets die passenden Antworten parat – abhängig natürlich davon, wie ihre Partei gerade dasteht. Ist das Ergebnis gut, dann sind die Daten eine Bestätigung für die „richtige“ Politik. Ist es umgekehrt, dann wird „erst am Wahltag abgerechnet“, weil Umfragen so wichtig nun auch wieder nicht seien.

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Zum Wahlkampf gehören Umfragen längst wie Plakate, Programme und Personen. Wie zuverlässig sie sind, steht auf einem anderen Blatt. Manche Institute hatten noch in der Woche vor der Saarland-Wahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und SPD vorausgesagt. Am Sonntag lag die Union elf Punkte vor den Sozialdemokraten.

Prof. Walter Mohr, Geschäftsführer bei prognosys, das für shz.de die „Wahlbörse“ betreibt, nennt Abweichungen zwischen Umfrage und Wahlergebnis von mehr als fünf Prozent einen „groben Fehler“. Dennoch nimmt der Professor, der seit 16 Jahren Wahlprognosen liefert, die Sonntagsfrage der Meinungsforschungsinstitute in Schutz: Über alle Parteien gerechnet ergebe sich im Saarland eine „noch tolerable“ Abweichung von lediglich 1,6 Prozent .

Hinzu kommt: Umfragen sind eben keine Prognosen, wie sie am Wahlabend mit der Schließung der Wahllokale verbreitet werden. Nicht wenige träfen ihre Wahlentscheidung erst in der letzten Woche vor einer Wahl. Anrufe gebe es nach dem Zufallsprinzip, auf bis zu 30 Prozent schätzt Mohr die Quote der Auskunftsverweigerer bei solchen Telefoninterviews. Dazu kommt: Es gebe Befragte, die „sozial unerwünschte Antworten“ nicht gäben, sagt Mohr im Blick auf potenzielle AfD-Wähler.

Deutlich skeptischer im Umgang mit dem Datenmaterial ist der Kieler Politikwissenschaftler Prof. Joachim Krause. In die Umfragewerte werde „viel zu viel hineininterpretiert“. Das Wahlvolk „tickt anders“, ist sich Krause sicher. Vor allem Umfragen im Vorfeld vor Landtagswahlen, die es alle paar Monate einmal gebe, könnten nicht wirklich präzise sein. Denn anders als bei im Wochenrhythmus erhobenen Daten ließen sich dabei erkennbare Trends nicht fortschreiben.

Als Beispiel könnten zwei jüngere Umfragen für Schleswig-Holstein gelten: Vergangenen Dezember ermittelte Infratest-dimap für den NDR einen Acht-Punkte-Vorsprung der CDU vor der SPD. Drei Monate später kam dasselbe Institut auf ein fast gegenteiliges Resultat. Nach Krauses Beobachtungen halten sich die Schwankungen bei Landtagswahlen im Norden eher in Grenzen. „Die Parteipräferenzen sind ziemlich festgelegt.“

Und der Hype um dem neuen SPD-Chef und Kanzlerkandidaten Martin Schulz? Den gibt es zwar, glaubt Mathias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Doch gewirkt hat er überwiegend in den durch Umfragen mit Tiefstwerten über Jahre deprimierten Ortsvereinen. Das Wahlvolk tickt anders. Kaum anders ist es nach Einschätzung von Jung bei der CDU. „In der Partei fremdeln viele mit der Modernisierung“, die Angela Merkel der Union verpasst habe. „Die Wählerschaft ist moderner aufgestellt als die Partei“, glaubt Jung.

Bleibt die Frage: Haben die vielen Umfragen einen Einfluss auf das Wahlergebnis? Walter Mohr glaubt das nicht. Natürlich gebe es Menschen, „die gern beim Sieger sein wollen“. Aber der Professor fügt mit einer Anleihe aus dem Fußballsport augenzwinkernd hinzu: „Es gibt auch genügend, die zum HSV halten“.

Als sicher gilt, dass es eine Wählergruppe gibt, die ihre Entscheidung auf Umfrageergebnisse stützt: „Taktische Wähler“ machen ihr Kreuz zwar in der Regel nicht abseits ihres politischen Lagers. Aber sie überlegen sich anhand der Zahlen genau, welche Partei sie wählen. Beispiel: Bei der Niedersachsen-Wahl 2013 gaben einige CDU-Wähler ihre Zweitstimme der FDP – in der Hoffnung, damit könne die schwarz-gelbe Koalition fortgeführt werden; die FDP kam damals auf 9,9 Prozent. Die CDU verlor 5,5 Prozent – am Ende stand ein rot-grünes Bündnis.

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