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Ermordeter Putin-Kritiker : Russland trauert um Boris Nemzow und setzt Sonderermittler ein

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Der Schock nach dem Mord am russischen Oppositionspolitiker Nemzow sitzt tief. Die Opposition muss sich neu sortieren und zugleich an die eigene Sicherheit denken. Viele fürchten, dass die Tat nie aufgeklärt wird.

Moskau | Russland steht nach der Ermordung von Kremlkritiker Boris Nemzow immer noch unter Schock. Zehntausende Menschen hatten sich am Sonntag in der russischen Hauptstadt zu einem Trauermarsch für den früheren Vizeregierungschef vereint, der am späten Freitagabend in Sichtweite des Kremls hinterrücks erschossen worden war.

Die russischen Behörden gehen von einem Auftragsmord aus. Nemzow gehörte zu den bedeutendsten Gegnern von Präsident Putin. Nur wenige Stunden vor seiner Ermordung hatte er seine scharfe Kritik an dem Kremlchef bekräftigt. „Der gewichtigste Grund der Krise ist, dass Putin eine sinnlos aggressive, für unser Land und für viele Bürger tödliche Politik des Krieges gegen die Ukraine begonnen hat“, sagte er dem regierungskritischen Sender Echo Moskwy.

Die Moskauer Behörden haben mittlerweile einen Sonderermittler eingesetzt. General Igor Krasnow, ein Experte für die Aufklärung von Verbrechen mit nationalistischem Hintergrund, soll eine zwölfköpfige Sonderkommission in dem Fall leiten, wie russische Medien am Montag berichteten. Kritiker fürchten, dass die Tat nie aufgeklärt wird - wie frühere Attentate auf andere Kremlgegner.

Die Personalie Krasnow dürfte Hinweise auf die Stoßrichtung der Ermittlungen geben, meinten Kommentatoren. Demnach könnte der Fall Nemzow möglicherweise als Tat von Nationalisten gesehen werden, die aus Hass auf die prowestliche Opposition gehandelt haben könnten. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es zunächst nicht. Andere Theorien der Ermittler schließen einen Zusammenhang mit der Ukraine-Krise oder eine Tat islamistischer Extremisten nicht aus.

Trauerkundgebungen gab es auch in vielen anderen russischen Städten, darunter St. Petersburg oder Nischni Nowgorod. Der Sarg Nemzows wird im Sacharow-Menschenrechtszentrum aufgebahrt, wo die Menschen nach orthodoxem Brauch Abschied nehmen können. An diesem Dienstag soll Nemzow auf dem Moskauer Prominentenfriedhof Trojekurowo beigesetzt werden.

Die schwerste Bluttat seit Jahren löste in Russland, aber auch international Entsetzen aus. Am Tatort auf der Großen Moskwa-Brücke legten Menschen am Wochenende unzählige Blumensträuße nieder. Sie stellten Kerzen auf, brachten Ikonen. Auf Plakaten waren Aufschriften zu sehen wie „Ich fürchte mich nicht“, aber auch „Ich fürchte mich - wer ist der Nächste?“. Unabhängige Beobachter sprachen von etwa 55.000 Teilnehmern an dem Trauermarsch, die Polizei gab die Zahl dagegen nur mit 21.000 an.

Die Fahndung nach dem Schützen, für dessen Ergreifung die Behörden eine Belohnung von drei Millionen Rubel (rund 45.000 Euro) aussetzten, verlief bisher ergebnislos. Der Kreml geht von einem Auftragsmord aus. Die Hintergründe der Tat waren auch am Sonntag unklar. Nach Angaben der Ermittler feuerte der Täter aus einer Makarow-Pistole mehrere Schüsse ab. Die vier Schüsse, die Nemzow gegen 23.30 Uhr (21.30 Uhr MEZ) trafen, seien alle tödlich gewesen, hieß es.

Die Stadt Moskau wies unterdessen Medienberichte zurück, nach denen zahlreiche Kameras der Videoüberwachung zur Tatzeit abgeschaltet gewesen seien. Alle funktionierten, hieß es. Die Aufnahmen würden ausgewertet. Zuständig dafür seien die Ermittlungsbehörden. Nemzows 23-jährige Begleiterin Anna Durizkaja, die bei dem Attentat nicht verletzt wurde, gab an, den Täter nicht gesehen zu haben, weil er von hinten geschossen habe. Eine Tat aus Eifersucht schloss die Ukrainerin aus. Durizkaja gab Berichten zufolge an, Nemzow seit drei Jahren gekannt zu haben.

Russlands Präsident Wladimir Putin würdigte in einem Beileidstelegramm an die Mutter von Nemzow die Verdienste des früheren Regierungsmitgliedes. „Es wird alles getan, damit die Organisatoren und Täter dieses hässlichen und zynischen Mordes ihrer verdienten Strafe zugeführt werden“, schrieb Putin nach Kreml am Samstag. Er lobte seinen Gegner als aufrichtigen Menschen. „Boris Nemzow hat seine Spur in der Geschichte Russlands hinterlassen, in der Politik und im gesellschaftlichen Leben.“ Russlands Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete die Bluttat als „verachtenswert“. „Es geht um ein abscheuliches Verbrechen, das vollständig im Rahmen der Gesetze untersucht wird, um sicherzustellen, dass die Täter vor Gericht kommen“, sagte der Minister bei einem Besuch in Genf.

Der liberale Politiker Wladimir Ryschkow forderte im Gespräch mit der Friedrich-Naumann-Stiftung einen effektiven Schutz aller Bürger. „Das Problem sind (...) nicht zu schwache Sicherheitsorgane, sondern dass diese die konstitutionellen Rechte und die Sicherheit der Bürger nicht schützen“, meinte Ryschkow.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hoffte auf eine rasche Aufklärung der Tat, auch wenn frühere Fälle Zweifel erlaubten, ob das „mit der erforderlichen Transparenz geschehen ist“. Eine offene Aufklärung sei „die einzige Möglichkeit für Russland, auch jeden Verdacht auf die russische Führung abzulenken“, sagte Steinmeier am Sonntag im „Bericht aus Berlin“ der ARD.

Die CSU rief Russland dazu auf, jetzt im Umgang mit Kritikern ein klares Zeichen zu setzen. „Erforderlich ist eine klare Distanzierung von der gefährlichen Überzeugung, politisch Andersdenkende wären vogelfrei“, sagte CSU-Vize und Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt der „Rheinischen Post“ (Montag).

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko schlug unterdessen vor, die Straße an der russischen Botschaft in Kiew nach Nemzov umzubenennen. „Ich bin dafür, dieses Zeichen zu setzen“, schrieb Klitschko in einem Gastbeitrag für die „Bild“-Zeitung (Montag). „Als Geste für Boris, dass wir ihn nie vergessen werden. Und in der Hoffnung, dass sich mehr Menschen in Russland für Frieden in der Ukraine einsetzen.“

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erstellt am 02.Mär.2015 | 14:40 Uhr

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