Sergej Skripal : Anschlag mit Nervengift: Russischer Ex-Doppelagent liegt im Koma

Bilder einer Überwachungskamera in einem Supermarkt zeigen den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal.

Bilder einer Überwachungskamera in einem Supermarkt zeigen den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal.

Das verwendete Nervengift soll zuletzt im Syrienkrieg zum Einsatz gekommen sein. Die Ermittler suchen nun ein Labor.

shz.de von
07. März 2018, 19:33 Uhr

London | Bei dem Attentat auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal sowie seine Tochter Yulia ist ein sehr seltenes Nervengift verwendet worden. Das sagte die britische Innenministerin Amber Rudd am Donnerstag in einem Interview mit dem BBC-Radio. Welches Gift genau zum Einsatz kam, wollte Rudd nicht sagen. Einem BBC-Bericht zufolge handelt es sich weder um Sarin, das einem UN-Bericht zufolge zuletzt im Syrienkrieg zum Einsatz kam, noch um VX, mit dem im vergangenen Jahr der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un getötet wurde.

Die Erkenntnisse der britischen Polizei dürften Spekulationen weiter anheizen, der Kreml könne seine Hände bei dem mutmaßlichen Giftanschlag im Spiel haben.

Nervengifte greifen das Nervensystem an und legen die Funktion lebenswichtiger Organe lahm. Skripal und seine Tochter liegen nach einem Anschlag nach einem Medienbericht im Koma. Das meldete der Sender Sky News unter Berufung auf nicht näher genannte Quellen. Die Polizei ermittelt inzwischen wegen versuchten Mordes, wie der Chef der britischen Anti-Terror-Einheit, Mark Rowley, in London erklärte. Innenministerin Amber Rudd wollte nach Angaben der Agentur PA am Donnerstag vor dem Parlament über den Zwischenfall berichten.

Auch ein Polizist ist erkrankt

Skripal und seine Tochter seien mit Nervengift „gezielt angegriffen“ worden, erklärte Rowley. Auch ein Polizeibeamter, der als erster an dem Tatort in der südenglischen Stadt Salisbury eingetroffen war, befinde sich inzwischen in einem kritischen Zustand, sei aber ansprechbar. Eine Gefahr für eine breite Öffentlichkeit bestehe nicht.

Die Polizei ermittelt in dem Haus des Doppelagenten.
dpa

Die Polizei ermittelt in dem Haus des Doppelagenten.

 

Aufgabe der Ermittler sei nun, herauszufinden, wer hinter der Tat stecke, sagte Rowley. Dafür wollen die Ermittler herausfinden, wo der betreffende Stoff hergestellt wurde. Experten zufolge gibt es nur wenige Labore auf der ganzen Welt, die dazu in der Lage sind.

Der Fall hatte zu einem diplomatischen Schlagabtausch zwischen Moskau und London geführt. Der britische Außenminister Boris Johnson hatte am Dienstag eine „angemessene und robuste“ Reaktion angekündigt, sollte sich der Verdacht auf eine staatliche Rolle in dem Fall erhärten. Kein Versuch, auf britischem Boden unschuldiges Leben zu nehmen, werde ohne Sanktionen oder ungestraft bleiben, sagte Johnson kaum verhohlen an Moskau gerichtet.

Das Außenministerium in Moskau warf den britischen Behörden eine russlandfeindliche Kampagne vor. Noch vor Klärung der Fakten würden Vorwürfe gegen Russland erhoben, sagte Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa am Mittwoch in Moskau.

Möglicher WM-Boykott durch Politiker

Premierministerin Theresa May stellte am Mittwoch wie zuvor Johnson den Besuch britischer Politiker und Würdenträger bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland im Sommer infrage, sollte sich herausstellen, dass Moskau hinter dem mutmaßlichen Attentat steckt.

Ähnlich direkt fiel die Antwort aus Russland aus. „Man spürt, dass diese Kampagne absolut geplant abläuft, und darin erklingen auch Äußerungen offizieller Vertreter Großbritanniens“, sagte Ministeriumssprecherin Sacharowa der Agentur Interfax zufolge. Am 18. März wird in Russland der Staatspräsident gewählt; Wladimir Putin stellt sich zur Wiederwahl und gilt als haushoher Favorit.

Die britische Regierung verurteilte das Attentat als „widerwärtiges und skrupelloses Verbrechen“. Die Öffentlichkeit verlange zu Recht, dass die Verantwortlichen identifiziert und zur Rechenschaft gezogen würden, sagte ein Sprecher von May am Donnerstag. Innenministerin Amber Rudd versicherte bei einem Auftritt im Parlament am Donnerstag, die Regierung werde „robust und angemessen“ reagieren, sobald klar sei, wer hinter der Tat stecke. „Das war versuchter Mord auf eine höchst grausame und öffentliche Art“, sagte Rudd. Trotzdem müssten Spekulationen vermieden werden.

Wer ist Sergej Skripal?

Der frühere Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU, Sergej Skripal, war in Russland als britischer Spion verurteilt und bei einem Austausch 2010 freigelassen worden. Er lebte unter seinem Klarnamen in Salisbury, wie der „Guardian“ berichtete.

 

Eine Pizzeria und ein Pub in Salisbury wurden vorübergehend geschlossen und dekontaminiert. Auch nahe der Touristenattraktion Stonehenge sei eine Absperrung im Zusammenhang mit dem Fall eingerichtet worden, teilte die Polizei mit.

Der Fall erinnert an den Mord an dem russischen Ex-Agenten und Kremlkritiker Alexander Litwinenko in London 2006. Er war mit radioaktivem Polonium vergiftet worden. Die Ermittler führte dabei auch eine Spur in den Kreis Pinneberg.

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