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Wettrüsten im Hyperschall : „Rocket Men 2017“: Sieben Atommächte und ihre Raketen der Zukunft

vom
Aus der Onlineredaktion

Globale Konflikte, globale Waffen: Die Staaten der Welt streben nach neuen Raketen. Das könnte die Karten neu mischen.

shz.de von
erstellt am 04.Okt.2017 | 20:24 Uhr

Mehr Reichweite, Hyperschall, mehr Sprengköpfe, mehr Präzision, mehr Wumms, unaufhaltsam: 2017 ist das Jahr der Raketen, das Jahr in dem Länder wie Nordkorea, China, Indien, Pakistan, USA, Russland und der Iran sich mit großen bis revolutionären Fortschritten in der nationalen Entwicklung ihrer Marschflugkörper- und Wurfwaffen brüsten. Manchmal eher geheim, manchmal ganz extrovertiert, immer mit propagandistischen Sahnehäubchen.

75 Jahre nach dem ersten gelungenen Abschuss einer V2-Rakete durch das Hitler-Reich in Peenemünde spinnt sich eine multiple Drohkulisse um den Planeten, die bis in den letzten Winkel reicht. Bahnt sich der Weg eines kalten Kriegs der vielen? Steuern uns die Spindel der Reaktion mit nervösen Händen auf einen globalen Overkill zu?  – oder bekommen diejenigen recht, die die universelle Abschreckung durch Raketen als Friedensversicherung ansehen? Darüber zerreiben sich Politiker und Fachleute ihre Köpfe.

„Wie du solt machen gar schöne Rackette, die da von im selber oben hienauff in die hoch faren“, Conrad Haas (1509 bis 1576) Raketenpionier und Erfinder der Dreistufen-Rakete beschrieb sein Raketen-Konzept Manuskript von Hermannstadt schon Mitte des 16. Jahrhunderts.
„Wie du solt machen gar schöne Rackette, die da von im selber oben hienauff in die hoch faren“, Conrad Haas (1509 bis 1576) Raketenpionier und Erfinder der Dreistufen-Rakete beschrieb sein Raketen-Konzept Manuskript von Hermannstadt schon Mitte des 16. Jahrhunderts. Foto: gemeinfrei

War die V2 in der NS-Propaganda als eine „Vergeltungswaffe“ gegen die Allierten im eigentlich schon verlorenen Krieg gegen die Weltmächte angekündigt, geht es bei der Aufrüstung heute vornehmlich um eben jene Abschreckung, aber auch um externen Ressourcenhunger, Selbstschutz isolierter Regime und martialische Souveränitätsgebärden in einer eigentlich tief vernetzten Welt. Was sind das für Waffen, die uns in militärischer Kettenreaktion zur planetarischen Zerstörung führen können?

 

China vor Revolution beim Raketenantrieb

China betraut den Raketenstab seiner Volksbefreiungsarmee seit 2016 nicht mehr nur mit Land- sondern auch mit ballistischen Übersee-Raketen. Das zeigt Wirkung. Zum einen sind die Chinesen 2017 ebenfalls in den Wettlauf um die Entwicklung von Hyperschall-Flugkörpern eingetreten. Ein erfolgreicher Test im Januar wurde jedoch als „wissenschaftliches Experiment“ ohne Ziel verkauft. Ein zweiter Test mit dem experimentellen Flugkörper, der aus großer Höhe auf sein Ziel zuschießen und fünf- bis zehnfache Schallgeschwindigkeit erreichen soll, schlug im August fehl. Hyperschall-Waffen gelten als destabilisierend, weil Raketenabwehrsysteme nichts gegen sie ausrichten können. Wer die Technik beherrscht, dem ist es möglich, binnen einer Stunde jeden Ort der Erde anzugreifen.

Was 2017 zum anderen international aufhorchen ließ, waren Berichte über einen revolutionären Antrieb Chinas bei Luft-zu-Luft-Raketen, der bei gleichem Gewicht eine Verdreifachung der Reichweite von Raketen ermöglichen soll. Das sich in der Versuchsphase befindenden Stautriebwerk macht den sonst mitgeführten Oxidator überflüssig, wodurch mehr Kraftstoff mitgeführt werden kann. Experten glauben, dass die Technik aber nicht bei bemannten Flugzeugen, sondern als Nachrüstung bei Marschflugkörpern ihre Bestimmung geben wird. Wenn diese Verheißungen wahr werden so vermuten Analysten, werden die Karten neu gemischt.

Die hochentwickelte ballistische Interkontinentalrakete (Abk. ICBM) DF-41 könnte mit ihren 15.000 Kilometern Reichweite die US LGM-30 Minuteman als weitreichendste Rakete ablösen, sofern die fortgeschrittene Entwicklung zum Abschluss kommt.

 

Auch Russland strebt nach Hypersonic

Genau 60 Jahre nach Sputnik 1 – dem Anbeginn der Weltraumfahrt –  kündigten die Russen zu Jahresbeginn 2017 zehn Testschüsse mit „künftigen Waffentypen“, nämlich nuklear bestückbaren Interkontinentalraketen an. Mit der neuen ballistischen RS-38-Sarmat-Rakete will Putin 2018 eine Abschreckungswaffe mit gigantischer Zerströrungskraft auffahren. Für den Fall, dass sie in Betrieb kommt, hat sie bei der Nato den Namen „SS-30-Satan 2“ weg. Die 100 Tonnen schwere, landgestützte Rakete mit einer Reichweite von bis zu 10.000 Kilometern und bis zu 15 Atomsprengköpfen soll durch die maximale Geschwindigkeit von fast 25.000 Kilometern pro Stunde Abwehrsysteme unterlaufen können. Mit bestimmten Gefechtsköpfen kann sie eine Sprengkraft von bis zu 40 Megatonnen liefern, sie wäre 2000 Mal stärker als die Bombe von Hiroshima.

Dabei ist Russland schon laut Medienberichten deutlich weiter. Die Zircon (Nato: SS-N-33) wurde im Juni letztmals erfolgreich getestet, damit wären die Russen ihrem Zeitplan mindestens ein Jahr voraus. Sie erreicht fast Mach-6 und soll sich schon in der Produktion befinden. Wenn die von Kreuzern abfeuerbare Waffe diese Geschwindigkeiten erreicht, könnte sie die Abwehrwaffen und Raketenschilde des Westens in kürzester Zeit obsolet machen, sagen einige Experten, andere wiederum wiedersprechen dem Hype recht deutlich. Der russische Militärexperte Vladimir Tuchkov geht davon aus, dass die Zircon irgendwann zwischen 2018 und 2020 an das Miltär übergeben wird. Auch die Sarmat sollte schon 2018 die bestehenden Interkontinentalraketen Russlands ersetzen, die Testreihe wurde allerdings hinsichtlich eines Hardware-Check unterbrochen.

 

Indien strebt nach regionaler Dominanz

Einer der gefährlichsten zwischenstaatlichen Konflikte herrscht weiter in der Kaschmir-Region, zwischen den verfeindeten Nachbarstaaten. An der Kontrollinie innerhalb der Region im Himalaya kommt es immer wieder zu Schusswechseln zwischen Soldaten der Atommächte. Ende 2016 standen die Zeichen mal wieder auf Eskalation, nach dem indische Soldaten die Grenze übertreten hatten und 19 Inder ums Leben kamen. Islamabad brachte taktische Kurzstrecken-Nuklearkräfte entlang der Grenze zu Indien in Stellung. Indien, das sich wegen Bhutan auch mit China in einer Art Territorialstreit befindet, reagierte mit dem Test seiner zukünfigen Unterschallrakete Nirbhay (was so viel wie „furchtlos“ bedeutet), der zu dem Zeitpunkt allerdings aus mehreren Gründen fehlschlug.

Die neue Low-Budget-Waffe der unerfahrenen Inder soll  wetterunabhängig von Land, Wasser und aus der Luft entsendet werden können. Sie wird abgefeuert wie eine ballistische Rakete und fährt dann ihre Flügel aus. 24 verschiedene Nuklear-Sprengköpfe lassen sich festmachen. Das Raketen-Arsenal Indiens, das sonst auf Kurzstrecken ausgelegt ist, wäre wesentlich breiter aufgestellt. Die Nirbhay besitzt eine Reichweite von bis zu 1000 Kilometern, was bei einem – dem einzig erfolgreichen – Test 2014 verifiziert wurde. Die Distanz würde theoretisch ausreichen, um von Indien aus jeden Punkt in Pakistan angreifen zu können.

Die Kurzstrecken-Flügelraketen BrahMos, mit der Indien seine Streitkräfte ausgestattet hat, entstammen einer Gemeinschaftsproduktion mit Russland. BrahMos ist schon jetzt die schnellste Überschall-Rakete der Welt – und ihr werden weitere „Hypersonic Capabilities“ beigemessen. Getrieben vom internationalen Wettlauf um Hyperschall-Waffen hat das indisch-russische Unternehmen BrahMos Aerospace die Arbeit an einer BrahMos 2 intensiviert. Die Mach-5-Version wurde für frühestens 2018 angekündigt, spätestens 2022 soll die Kurzstreckenwaffe Mach-7 erreichen.

 

Pakistan und die Ababeel


 

Das nukleare Pulverfass durch den Konflikt mit Indien ist die eine Ebene, die die Welt sorgenvoll nach Pakistan blicken lässt. Das andere ist die Gefahr, dass Islamisten in dem um Abschreckung bemühten Land in den Besitz von Nuklearwaffen kommen könnten. 2017 begann mit einem als erfolgreich vermeldeten Test der atomwaffenfähigen Ababeel (deutsch „Schwalbe“), Irans erster ballisitischer Boden-Boden-Mittelstreckenrakete (MRBM). Sie hat eine Reichweite von 2200 Kilometern und trägt viele Ähnlichkeiten mit den früheren Modellen Shaheen II and Shaheen III. Waffenexperten bezweifeln allerdings, dass Pakistan nukleare Mehrfachgefechtsköpfe besitzt, die klein genug sind, um die Ababeel zu füttern.

Eben jene Mehrfachsprengköpfe sollen die zeitgleiche Bombardierung von Mehrfachzielen möglich machen, maximale Abschreckung. Wenige Tage vor dem Ababeel-Test hatte das Land als Reaktion auf neue Raketenabwehrsysteme dem Militär zufolge erstmals einen atomwaffentauglichen Marschflugkörper von einem U-Boot aus abgefeuert.

 

Iran und der Draht nach Nordkorea

<p>Der Iran präsentierte eine neue Rakete. /Archiv</p>

Der Iran präsentierte eine neue Rakete. /Archiv

Foto: dpa

Der Iran präsentierte am 22. September 2017 seine „neue“ Mittelstreckenrakete Chorramschahr mit einer Reichweite von 2000 Kilometern. Ein entsprechender Test Anfang des Jahres stellte gleich zu Beginn der Präsidentschaft Donald Trumps das US-Atomabkommen mit dem Iran auch bei den gemäßigten Stimme erneut in Frage. Mit der Choramschahr verfügen die iranischen Revolutionsgarden (IRGC) laut der IRGC-nahen Nachrichtenagentur Tasnim nun über sieben Raketentypen, mit denen sie „im Notfall“ Israel treffen könnten.

Die Chorramschahr (die Befreiung der Universtätsstadt Chorramschahr war 1980 der entscheidende Wendepunkt im Irak-Iran-Krieg) ist offenbar keine Neuentwicklung. Aus Wikileaks geht hervor, dass es sich dabei wohl um Varianten der nordkoreanischen BM25 Musudan handelt. 2005 hatte Nordkorea demnach – unter Umgehung des Raketentechnologie-Kontrollregimes – 19 der noch nicht getesteten Raketen an den Iran geliefert.

Nach Angaben der US-Geheimdienste verfügt der Iran über drei weitere Raketen mit einer Reichweite von bis zu 2000 Kilometern: die Schahab 3, die Sedschil und die Emad-1. Dabei soll die Emad-1 die erste Rakete dieser Reichweite sein, die keiner ballistischen Flugbahn folgt, sondern den ganzen Flug über gelenkt werden kann. All diese Raketen können von mobilen Rampen aus abgefeuert werden.

 

Nordkorea und die ganze Palette

Nordkorea strebt ein „Kräftegleichgewicht“ mit den USA an und provozierte dieses Jahr regelmäßig mit vorgetragenen Wasserstoffbomben-Ambitionen und Raketentest. Gerade nach dem neuen Sanktionsbeschluss im September schoss Nordkorea erneut eine ballistische Rakete vom Typ Hwasong-12 über den Norden Japans hinweg in den Pazifik.  Sie flog nach südkoreanischen Angaben 3700 Kilometer weit - so weit wie bei keinem früheren Test einer militärischen Rakete durch Nordkorea. „Der Raketenmann befindet sich auf einer Selbstmordmission für sich und seine Regierung“, kommentierte US-Präsident Donald Trump und heizte die Drohkulisse weiter an.

Mit der Taepodong-2, die als Satellitenträgerrakete den Namen Unha-3 trägt, ist Nordkorea seit langem im Besitz der Interkontinentalraketentechnologie. Momentan wird noch über die tatsächliche Reichweite der Hwasong-14 spekuliert, der als zweistufige Hwasong-12 interkontinentale Reichweiten mit Nuklearsprengköpfen attestiert werden. Möglicherweise könnte der nordkoreanische Diktator damit die USA (Alaska) direkt angreifen. Die startrampenbasierte „14 “ hatte am 4. Juli 2017 ihren Jungfernflug, der auf den US-Unabhängigkeitstag fällt, am 28. Juli gab es wieder einen Test.

Kim Jong un, von Donald Trump wie eine Zeichentrick-Figur als „Rocket-Man“ betitelt, besitzt bereits ein breites Arsenal strategisch wichtiger Raketen für Angriffs- und Abwehrhandlungen. Das sind laut missilethreat.csis.org die derzeitigen Entwicklungsprojekte, die das miltärische Potential des kommunisitischen Landes weiter anheben sollten.

Hwasong-14 ICBM Interkontinentalrakete  
KN-14 ICBM Interkontinentalrakete  
KN-08 ICBM Interkontinentalrakete  
Hwasong-12 Ballistische Mittelstreckenrakete größerer Reichweite  
BM-25 Musudan Ballistische Mittelstreckenrakete größerer Reichweite  
KN-15 (Pukkuksong-2) Mittelstreckenrakete geringerer Reichweite  
KN-11 U-Boot-gestützte ballistische Rakete  
KN-18 Manövrierfähiger Wiedereintrittskörper  
KN-09 Mehrfachraketenwerfer-Artilleriesystem  

 

 

USA: Hü-Hott HyShot

Die Hyperschall-Rakete ist 2017 wie der Wettlauf zum Mond: Das große Projekt im neuen kalten Krieg. Im hohen Bogen fliegen sie in mehreren Hundert Kilometern Höhe und sind dabei nicht zu verteidigen. Wer bei der Entwicklung ins Hintertreffen gerät, der hat ein Problem, selbst die USA, die mit Minuteman III, Trident D-5, Tomahawk, ATACMS und Harpoon bei der Lufthoheit eine klare Weltmacht sind.

Zusammen mit Australien testeten die Amerikaner im Juli 2017 die auf achfache Schallgeschwindigkeit ausgelegte Hyperschall-Fliegerrakete HyShot V mit wegweisendem Staustrahltriebwerk. Am Projekt Hypersonic International Flight Research Experimentation (HiFIRE) sind die Luftstreitkräfte der USA, das Verteidigungsministerium Australiens, Boeing, BAE Systems und die australische Universität Queensland beteiligt. Die zehnteilige Testreihe soll 2018 abgeschlossen sein, ein Jahr später soll der Mach-8-Plan umgesetzt sein – wenn auch erstmal nur auf kurzer Distanz.

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