zur Navigation springen

Von Kiel nach Berlin? : Robert Habeck: Seine Chancen als Grünen-Spitzenkandidat steigen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bei den Grünen bekommen die Realos Oberwasser. Was das für Robert Habeck und seine Karriere bedeutet.

shz.de von
erstellt am 11.Apr.2016 | 11:31 Uhr

Kiel | Habeck vs. Hofreiter - beide wollen für die Grünen in Berlin als Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl 2017 kandidieren - und schon jetzt wird ihr Verhältnis gespannt beobachtet.

Spitzenpolitiker aus Schleswig-Holstein auf Bundesebene sind derzeit sehr rar. Es gibt keinen Bundesminister aus SH, ranghöchster Amtsträger in Berlin ist der CDU-Politiker Ole Schröder als Staatssekretär im Innenministerium. Konstantin von Notz ist Grünen-Fraktionsvize im Bundestag.

Die Begegnung war flüchtig, aber aufschlussreich. Bei einem Abendempfang des Ökolandbauverbandes auf der Agrarmesse „Grüne Woche“ in Berlin liefen sich kürzlich der grüne Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter und Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Robert Habeck an der Garderobe über den Weg. Der eine kam, der andere ging – und beide würdigten sich kaum eines Blickes. Ein knapper Gruß, das war’s. Gibt es ein Problem zwischen ihnen? „Ich hab’ keins“, antwortete Habeck dem fragenden Begleiter und zog zum nächsten Termin weiter. Ob der Parteilinke Hofreiter umgekehrt ein Problem mit Realo Habeck hat, lässt sich zwar ahnen – aber auch nach dem kleinen Parteitag der Grünen von diesem Wochenende in Berlin nicht beweisen.

 

Die zwei Konkurrenten um die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl 2017 sind dort am Sonnabend mal wieder aufeinander getroffen, doch verlieren sie kein kritisches Wort übereinander. Dabei steht außer dem Aufarbeiten der jüngsten Landtagswahlen und dem Start der Programmdebatte für die Bundestagswahl natürlich auch unausgesprochen die Frage im Raum: Wer führt die Grünen neben der bisher einzigen weiblichen Bewerberin Katrin Göring-Eckardt in die Wahl?

Deutlich wird: Der Triumph von Ober-Pragmatiker Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg gibt Realos wie Habeck oder Parteichef Cem Özdemir Rückenwind. Özdemir wirft zwar am Sonnabend überraschend noch nicht als Dritter seinen Hut für die Spitzenkandidatur in den Ring, wird das aber in den nächsten Tagen nachholen. Er stellt seinen Landsmann Kretschmann als Vorbild hin: „Wir müssen Kretschmann kapieren, nicht kopieren“, wiederholt er ein viel zitiertes Bonmot aus der Wahlnacht. Die Grünen könnten „Kompromisse schließen und dabei glaubwürdig bleiben“. Und Özdemir lobt Habeck, weil der früh den Begriff der Heimat für die Grünen reklamiert und „sehr Kluges und sehr Wichtiges über linken Patriotismus“ gesagt habe.

 

Kretschmann, laut ZDF-Umfrage inzwischen beliebtester Politiker Deutschlands, bringt seine Philosophie vor den jubelnden Delegierten auf die einfache Formel „Grundsätze ja, Dogmen nein“. Soll heißen: „Wir dürfen keine Angst vor Kompromissen haben – dann können wir wachsen und die Republik entscheidend prägen.“ Ganz so weit sieht Habeck seine Partei noch nicht. „Die Leute suchen Orientierung“, sagt er. Aber die fänden sie bei den Grünen nicht immer: „In der Partei gibt es viele Konzepte, aber auch noch viele Widersprüche.“ Entscheidend sei, „Relevanz nicht nur zu behaupten, sondern zu beweisen“, sagt Habeck – und fordert: „Wir müssen aufhören, nur die Umwelt-App von CDU und SPD sein zu wollen.“

Sein Rivale Hofreiter warnt dagegen vor zu viel Pragmatismus. „Wir reden den Leuten nicht nach dem Mund, sondern haben eine klare Haltung – und die ist ökologisch, demokratisch und weltoffen“, sagt er. Auch sonst wird bei Gesprächen am Rand des Parteitags deutlich, dass nicht jeder die Begeisterung für Ober-Realo Kretschmann teilt. Und dass auch nicht jeder in der Fraktion von Habecks Bewerbung für die Spitzenkandidatur angetan ist. Das liegt daran, dass dessen Vorpreschen im letzten Jahr schon früh die Personaldebatte eröffnet hat, die seither nicht selten die Sacharbeit in den Schatten stellt.

Konstantin von Notz profiliert sich in Berlin im Bereich Netzpolitik.
Konstantin von Notz profiliert sich in Berlin im Bereich Netzpolitik. Foto: dpa
 

Zudem bangt die Fraktion um ihren profilierten Vizechef Konstantin von Notz aus Mölln. Der hätte es schwer, bei einem Sieg Habecks wieder für Schleswig-Holsteins Grüne in den Bundestag zu kommen. Denn er müsste Habeck dann seinen sicheren Listenplatz zwei überlassen und würde nur auf dem wenig aussichtsreichen Platz vier kandidieren – die Plätze eins und drei sind wegen der grünen Quote für Frauen reserviert.

Entscheidend für die Spitzenkandidatur ist am Ende allerdings nicht, was Abgeordnete oder Delegierte denken, sondern was die 60.000 Mitglieder der Grünen zuhause am Küchentisch ankreuzen. Denn der Sieger wird im Herbst per bundesweiter Urwahl durch die Parteibasis bestimmt – und die ist unberechenbar. Sollte der selbst ernannte Außenseiter Habeck tatsächlich gewinnen, wäre die Karriere seines Landsmanns von Notz nicht zwangsläufig zu Ende: Bei einem guten Bundestagswahlergebnis der Partei von 15 Prozent könnten die Grünen aus Schleswig-Holstein vier Abgeordnete stellen – die FDP hat das 2009 auch geschafft. Notz käme dann doch wieder ins Parlament. Auch schließt der 45-Jährige nicht aus, schon nach der Landtagswahl im Frühjahr 2017 bei einer erneuten Regierungsbeteiligung der Grünen ins Landeskabinett zu wechseln. Für den Landtag kandidieren will er allerdings nicht, sagt er.

Umgekehrt müsste eine Niederlage von Habeck bei der Urwahl auch nicht gleich das Ende von dessen politischer Karriere bedeuten. Zwar will Habeck dann nicht für den Bundestag kandidieren und für den Landtag ja ohnehin nicht wieder. Aber für das Amt des Kieler Energie- und Umweltministers würde der 46-Jährige sich von seiner Partei wohl erneut verpflichten lassen. Dann könnte er auch künftig die „Grüne Woche“ besuchen und dort seinem Parteifreund Hofreiter begegnen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen