Wahl zum Parteivorsitz : Robert Habeck – Ein Draußenminister für die Grünen

Robert Habeck will als Grünen-Vorsitzender für eine Übergangszeit Minister in Schleswig-Holstein bleiben.

Robert Habeck will als Grünen-Vorsitzender für eine Übergangszeit Minister in Schleswig-Holstein bleiben.

Vorsitzender der Grünen statt Minister in Kiel – das ist Robert Habecks Plan. Kann er seine Partei überzeugen?

shz.de von
22. Januar 2018, 11:38 Uhr

Kiel | Aus seinem Büro in Etage 10 des Umweltministeriums hat Robert Habeck bei gutem Wetter einen tollen Blick über die Kieler Förde. Bis Heikendorf, wo er sein Abi machte, zum Marine-Ehrenmal Laboe und hinaus auf die Ostsee. Ein weiter Horizont. „Für einen Grünen und einen Schleswig-Holsteiner ist das ein Traumjob hier“, schwärmt der 48-Jährige. Und doch will er weg. Der Grüne, der seiner Partei neue Horizonte eröffnen möchte, will das aufgeben für die Bundesgeschäftsstelle direkt neben Europas größter Klinik Charité, mitten in der Enge und dem Lärm Berlins.

„Jeder sieht doch, wie schwer mir das gefallen ist“, sagt er und meint seine Kandidatur für den Parteivorsitz. An diesem Wochenende fällt in Hannover die Entscheidung über die Nachfolge von Cem Özdemir und Simone Peter. Dass Habeck ein guter Parteichef wäre, das sagen viele Grüne – und nicht nur die – seit Jahren. Jetzt macht Özdemir für ihn Platz an der Doppelspitze.

Unverzichtbar für die Grünen

Theoretisch könnten sich die beiden Frauen, die mit im Rennen sind, gegen Habeck durchsetzen – Annalena Baerbock, 37, und Anja Piel, 52. Aber Habecks Wahl gilt als recht sicher. Selbst die besonders Misstrauischen unter den Grünen, die bereits eine Joschka Fischer'sche Dominanz des Nordlichts fürchten, wissen, dass ihre Partei auf einen wie Habeck eigentlich nicht verzichten kann, wenn sie über die neun Prozent hinaus will.

Habeck ist bio und cool, das brauchen die Grünen. Ein vierfacher Vater, Surfer, studierter Germanist, Philosoph und Schriftsteller, der auch gemeinsam mit seiner Frau Andrea Paluch mehrere Bücher geschrieben hat. Ein Politik-Quereinsteiger, der es schnell zum Landesvorsitzenden, Fraktionschef im Landtag, Landesminister und Vize-Ministerpräsidenten gebracht hat. Ein mal schelmischer, mal ernsthafter grau-melierter Blondschopf, der seine Gedanken in langen Blogeinträgen und sorgfältig geschnittenen Videos kundtut, von schräg unten gefilmt, manchmal in Schwarz-Weiß. Habeck inszeniert sich als „Draußenminister“, als Naturbursche in Gummistiefeln und mit Geist.

Habeck steht für Mischung aus Vision und Realismus

Über sein Partei- und Politikverständnis spricht Habeck an diesem klaren Januartag auf dem Gewässerüberwachungsschiff „Haithabu“. Auf der Förde glitzern Eisschollen. Die Arbeitsbedingungen der „Haithabu“-Besatzung kennt Habeck ebenso wie den Geruch von Kuhstall und die Forschungsplattform „FINO3“ weit draußen in der Nordsee. Als „Draußenminister“ in Schleswig-Holstein ist er seit 2012 zuständig für Meer, Deiche, Moore und Weiden. Für Kühe, Schweine, Schweinswale und Wölfe. Für Stromtrassen, Atomkraftwerke und Windkraftanlagen.

Was Habeck in manchmal rauen Konflikten mit Bauern, Fischern, Jägern und Naturschützern an Erfahrung gesammelt hat, will er als Bundesvorsitzender in die Parteiführung einbringen. „Wir sollten unsere Politik so ausrichten, dass wir bei wichtigen Themen eine gesellschaftliche Mehrheit erreichen können“, sagt er. Die richtige Mischung aus Vision und Realismus müsse her. Sich ehrlich den Problemen zu stellen, bringe die Politik weiter.

Schon einmal fast Spitzenkandidat

Mit diesen Ideen wollte Habeck im vergangenen Jahr auch schon Spitzenkandidat der Grünen werden. Gerade mal 75 Stimmen fehlten dem Landesminister am Ende zum Bundeschef Özdemir, eine kleine Sensation.

Wäre es was geworden mit der Jamaika-Koalition, dann wäre Habeck wohl kaum nach Berlin gekommen. Im Schatten grüner Minister Özdemir und Katrin Göring-Eckardt wäre das Gestalten schwierig geworden, erst Recht ohne Bundestagsmandat.

Robert Habeck ist nicht nur Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung, sondern auch stellvertretender Ministerpräsident für Schleswig-Holstein. /Archiv
Markus Scholz/dpa
Robert Habeck ist nicht nur Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung, sondern auch stellvertretender Ministerpräsident für Schleswig-Holstein. /Archiv
 

Jetzt geht der Blick nach vorn. „Ich habe keine Angst, dort zerrieben zu werden“, sagt er über den Politikbetrieb in der Hauptstadt. In Berlin sei einfach alles größer. „Ich kenne dort auch viele nette Leute, und ich kenne nicht nur nette Leute in Schleswig-Holstein.“ In der Opposition sollten die Grünen die Regierung kritisieren, wo das angebracht ist – aber so, als wären sie selbst in der Verantwortung. „Wir haben keine Chance im Wettlauf mit den Populisten“, sagt Habeck.

Stattdessen geht es ihm um Konsens, um Ausgleich. Konservative Bauern kann Habeck zwar kaum für seine politischen Positionen gewinnen. Aber wenn er als Grüner vor 1000 norddeutschen Landwirten auftritt, ohne Pfiffe und Buh-Rufe zu ernten, ist das schon ein Erfolg. Was denkt Landesbauernpräsident Werner Schwarz über Habeck? „Wir haben ein gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut“, sagt der CDU-Mann. Die Bauern hätten Frieden mit Habeck geschlossen.

Ein „Realo“, der für Ausgleich steht

Allzu große Kompromissbereitschaft gilt bei einem Teil der Grünen allerdings nicht als Tugend. Der linke Parteiflügel verortet Habeck bei allem Respekt eindeutig bei den „Realos“, die eben auch mit den Schwarzen ganz gut können. Schleswig-Holsteins SPD-Landeschef Ralf Stegner hält Habeck vor, er sei nach der Wahl 2017 aus Machtkalkül allzu schnell ins schwarz-gelb-grüne „Jamaika“-Boot gestiegen.

Habeck dagegen zeigt sich von den Flügel-Debatten eher genervt. „Ich habe starre Flügelzugehörigkeit nie gelebt“, sagt er unter Deck auf der „Haithabu“. Auch die Zusammenarbeit von Bundesgrünen und Ländergrünen will er verbessern und zeigt auf einen kompliziert verschlungenen Seemannsknoten an der Wand. So müsse das aussehen.

Noch ist Habecks Wechsel nach Berlin keine ausgemachte Sache. So gern die Partei ihn ganz oben sähe, so sehr die Grünen-Promis ihn loben: Es gibt eine Hürde. Landesminister und Parteichef, das geht in dieser Partei nicht. Die Ämtertrennung soll Machtanhäufung verhindern. Habeck will in Kiel aber nicht sofort alles stehen und liegen lassen, sondern eine Übergangsfrist. Das muss die Partei ihm erst erlauben. Er fordert ein ganzes Jahr. Strategisch dürfte das clever sein – dann ist ein halbes Jahr vermutlich drin. Die Grünen-Spitze will ihm eine Übergangszeit von acht Monaten zugestehen. Wir hatten mit einigen Leuten aus dem Spitzenteam ein Gespräch mit Robert Habeck, dass wir acht Monate als eine Möglichkeit sehen würden“, sagte die scheidende Parteichefin Simone Peter am Montag in Berlin. Mehr als acht Monate, also ein Drittel der Amtszeit, sei „bei den Mitgliedern nicht zu kommunizieren“, sagte Peter.

Über private Nebenwirkungen eines Wechsels mag Habeck, dessen vier Söhne mit 15, 17 (Zwillinge) und 21 „aus dem Gröbsten“ raus sind, noch nicht recht sprechen. Erst mal muss er gewählt werden, dann hat er – wenn es klappt – die Übergangszeit. „Die Zeit des Herzblutens ist noch nicht gekommen.“

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