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Flüchtlingskrise 2015 : Rendsburger Ärztepaar hilft Weihnachten im Nordirak - und verschiebt das eigene Fest

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Martin und Iona Klopf verteilen Weihnachtspakete. Es ist nicht ihre erste Reise in das Krisengebiet.

shz.de von
erstellt am 23.Dez.2015 | 19:38 Uhr

Rendsburg | Die Entscheidung ist dem Ärztepaar Martin (47) und Iona Klopf (47) aus Rendsburg nicht ganz leicht gefallen: Statt das diesjährige Weihnachtsfest mit ihrer Tochter zu feiern, bringen sie die 13-Jährige über die Feiertage zu ihrer Oma. Sie selbst steigen am ersten Weihnachtstag in den Flieger. Ihr Ziel: Dohuk, eine Großstadt im Nordirak, die inzwischen mehr Flüchtlinge als Einheimische beheimatet. Mehr als 650.000 Vertriebene suchen in und um Dohuk Schutz vor der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) und vor der syrischen Armee, darunter viele Christen und Jesiden. Dort leben sie in etwa 20 riesigen Flüchtlingslagern, die mit bis zu 18.000 Menschen pro Camp schon die Ausmaße von Kleinstädten haben.

In der Autonomen Region Kurdistan leben unter zum Teil dramatischen Umständen die Vertriebenen, die der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) entkommen sind. Die Nachbarstaaten sind mit der Lage seit Langem überfordert.

Ein Lager im Gebirge nördlich von Dohuk kennen Martin und Iona Klopf. Dort leben je mindestens sieben Menschen in 16-Quadratmeter-großen Metallcontainern. Nach all dem Leid, das die Flüchtlinge durchmachen mussten, möchte das Ärztepaar nun ein bisschen Weihnachtsstimmung in dieses Camp bringen.

Sie reisen mit der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), die die Idee zu einem gemeinsamen Weihnachten mit den orientalischen Christen dort hatte. Allerdings haben sich nur wenige Freiwillige zu dem Flug in das Krisengebiet bereit erklärt: Die Delegation aus Deutschland besteht aus sieben Leuten. „Wir fanden die Idee sofort gut und beschlossen, zu fliegen, wenn es organisatorisch für uns machbar ist, und die Sicherheitslage es zulässt. Unsere Tochter hat zugestimmt und findet es in Ordnung, dass wir gemeinsam Weihnachten feiern, wenn wir am 29. Dezember zurückkommen“, sagt Klopf.

Die Flüchtlinge in Dohuk liegen ihm und seiner Frau sehr am Herzen. Sie kennen einige schon von einem humanitären Hilfseinsatz der IGFM im Oktober. Eine Woche lang hatten sie mit anderen Ärzten Hunderte Flüchtlinge behandelt – eine kräftezehrende Aufgabe. „Wir vergaßen zu essen und zu trinken, konzentrierten uns nur auf die Patienten. Aber wir haben so viel Dankbarkeit erfahren, das war toll“, sagt Iona Klopf.

Der Ansturm auf die Ärzte aus Deutschland war enorm. Prioritäten mussten gesetzt werden: Babys, kleine Kinder und Mütter kamen zuerst dran. Martin Klopf als Hals-Nasen-Ohrenarzt behandelte viele akute Mittelohr- und Mandelentzündungen, seine Frau kümmerte sich als Kinderärztin in erster Linie um die jüngeren Patienten. Manchmal reichte auch ein Gespräch mit den schwer traumatisierten Flüchtlingen. „Die Gastfreundschaft war überwältigend. Menschen, die kaum etwas haben, wollten das Wenige noch mit uns teilen. Oft blieb uns aber nur Zeit für eine Tasse Tee“, erinnert sich Martin Klopf.

Die Erlebnisse dort beschäftigen das Ehepaar nachhaltig. „Wir sind mit gemischten Gefühlen nach Hause gefahren. Die Menschen sind dort in den Lagern eingepfercht und haben kaum eine Lebensperspektive. Aber wenn sie das Gefühl bekommen, nicht vergessen zu werden, schöpfen sie neue Hoffnung und sind eher bereit, in ihrer Heimat zu bleiben.“

Die Deutschen werden 1000 Weihnachtspakete verteilen. Sie enthalten keine Luxusartikel, sondern alltägliche Dinge, die die Flüchtlinge dringend brauchen: Zahnbürsten, Zahnpasta, Waschpulver, Vitamintabletten, Lebensmittel. Das Weihnachtsessen wird vermutlich bescheiden ausfallen: Fladenbrot statt Gänsebraten und Rotkohl. „Das Essen wird einfacher, aber nicht weniger schmackhaft sein, wir werden besinnliche und schöne Feiertage erleben“, sagt Klopf. „Weihnachten feiern kann man überall, auch in dem kleinsten Zelt in einem Flüchtlingslager.“

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