„Pegida“-Demos 2015 : Rekord in Dresden – aber „Pegida“-Widerstand wächst

Die „Toleranten Europäer gegen die Idiotisierung des Abendlandes“ („Tegida“) forderten bei der Kundgebung am Hamburger Hauptbahnhof Toleranz und Offenheit gegenüber Flüchtlingen und anderen Kulturen.
Die „Toleranten Europäer gegen die Idiotisierung des Abendlandes“ („Tegida“) forderten bei der Kundgebung am Hamburger Hauptbahnhof Toleranz und Offenheit gegenüber Flüchtlingen und anderen Kulturen.

In Hamburg gingen 4000 „Pegida“-Gegner auf die Straße. In Dresden hat das Anti-Islam-Bündnis weiter Zulauf. Nicht nur in Köln wurde es dunkel.

shz.de von
05. Januar 2015, 06:48 Uhr

Hamburg/Dresden | Mehrere Tausend Menschen haben am Montagabend in Hamburg gegen die islamkritische „Pegida“-Bewegung demonstriert. Die „Toleranten Europäer gegen die Idiotisierung des Abendlandes“ („Tegida“) forderten bei der Kundgebung am Hauptbahnhof Toleranz und Offenheit gegenüber Flüchtlingen und anderen Kulturen. An der Demonstration nahmen auch Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft und Gewerkschaftsfunktionäre teil.

Die Menschen gingen in Hamburg gegen „Pegida“ auf die Straße.
Bodo Marks/dpa
Die Menschen gingen in Hamburg gegen „Pegida“ auf die Straße.
 

Die Polizei zählte rund 4000 Teilnehmer, über Facebook hatten sich mehr als 5500 „Pegida“-Gegner zu der Protestaktion angemeldet. Die Straße vor dem Hauptbahnhof musste zeitweise gesperrt werden. „Alles ist bisher friedlich und gut verlaufen“, sagte ein Polizeisprecher am Abend.

In Dresden verzeichnet die „Pegida“-Bewegung einen neuen Rekord-Zulauf. Wie die Polizei mitteilte, demonstrierten in der sächsischen Landeshauptstadt trotz Nieselregens und Kälte rund 18.000 Menschen gegen eine von ihnen befürchtete „Überfremdung“ - so viele wie nie zuvor. Zuletzt waren kurz vor Weihnachten 17.500 Menschen erschienen.

Teilnehmer der islamkritischen Pegida-Bewegung zogen am Montagabend mit Transparenten und Fahnen bei einer Kundgebung in Dresden am Stadion des Fußball-Drittligisten Dynamo Dresden vorbei.
Peter Endig/dpa
Teilnehmer der islamkritischen Pegida-Bewegung zogen am Montagabend mit Transparenten und Fahnen bei einer Kundgebung in Dresden am Stadion des Fußball-Drittligisten Dynamo Dresden vorbei.
 

Auch in zahlreichen anderen Städten gingen Tausende für ein weltoffenes Deutschland auf die Straße. Allein in Münster waren es fast 10.000, Stuttgart 8000, in Dresden und Berlin jeweils rund 5000, die gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus protestierten.

In Köln sorgten tausende Menschen für den Abbruch eines „Pegida“-Zuges. Dort stellten sich laut Polizei rund 7500 Menschen rund 250 Pegida-Anhängern in den Weg. Die Veranstalter sprachen von rund 12.000 Teilnehmern. Aus Protest gegen „Pegida“ wurde der weltberühmte Dom verdunkelt.

Protest gegen „Pegida“: Der Kölner Dom blieb am Montagabend dunkel.
dpa
Protest gegen „Pegida“: Der Kölner Dom blieb am Montagabend dunkel.
 

Unter den „Pegida“-Gegnern brach Jubel aus, als bekannt wurde, dass der geplante Gang der Gruppierung über eine Rheinbrücke zum Dom abgesagt wurde.

Auch am Wahrzeichen Berlins, dem Brandenburger Tor, ging das Licht aus, um „Pegida“ keine Kulisse zu bieten.

Die Beleuchtung des Wahrzeichen Berlins wurde am Montagabend ausgeschaltet.
Rainer Jensen/dpa
Die Beleuchtung des Wahrzeichen Berlins wurde am Montagabend ausgeschaltet.
 

In Dresden drehte VW das Licht in seiner gläsernen Manufaktur ab. „Volkswagen steht für eine offene, freie und demokratische Gesellschaft“, teilte der Konzern mit.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) kritisierte die Bewegung scharf. „Die Pegida-Proteste appellieren an dumpfe Vorurteile, an Fremdenhass und Intoleranz“, sagte er der Zeitung „Bild“ (Dienstag). Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte dem Blatt: „Pegida schadet nicht nur unserem Land, es wirft auch ein schlechtes Bild auf Deutschland im Ausland.“ Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wurde mit den Worten zitiert: „Parolen ersetzen keine Fakten: Deutschland braucht Zuwanderer. Und wir müssen ein Herz haben für Flüchtlinge in Not.“ Altbundeskanzler Gerhard Schröder sagte der „Bild“: „Vor 14 Jahren gab es gegen Fremdenfeindlichkeit den ‚Aufstand der Anständigen‘. Den brauchen wir auch heute. Es ist daher gut, dass die demokratischen Parteien und die Kirchen eine klare Position gegen Pegida gefunden haben.“

Auf Distanz zu „Pegida“ ging auch der stellvertretende AfD-Sprecher Hans-Olaf Henkel. Er riet seiner Partei, nicht die Nähe zu der Anti-Islam-Bewegung zu suchen. „Wir sollten nicht Pegida nachlaufen, sondern die Vernünftigen unter den Demonstranten von unserem Programm überzeugen“, sagte er der „Berliner Zeitung“ (Dienstag). Einige AfD-Politiker wollen mit den Organisatoren der Bewegung reden.

Experten ordnen Teile der Organisatoren und Demonstranten von „Pegida“ dem rechtsextremen Spektrum zu. Genährt wird die Bewegung nach Ansicht von Sozialforschern von einer diffusen Angst vor sozialem Abstieg.

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