Kommentar : Referendum in der Türkei: Ein Land wählt sein Schicksal

Am heutigen Sonntag entscheiden die Türken über eine Verfassungsänderung zur Einführung eines Präsidialsystems. Staatschef Erdogan würde es mehr Macht verleihen.
Am heutigen Sonntag entscheiden die Türken über eine Verfassungsänderung zur Einführung eines Präsidialsystems. Staatschef Erdogan würde es mehr Macht verleihen.

Die Türkei benötigt keine Ratschläge, sagt Stefan Hans Kläsener. Das große Volk der Türken muss nun selbst wissen, was es will.

shz.de von
15. April 2017, 15:18 Uhr

Aus unerfindlichen Gründen ist den Europäern, insbesondere den Deutschen, ein Belehrungs-Gen eigen. Wir empfinden, sobald wir den Begriff Abendland hören, einen Impuls, anderen zu erklären, wie sie zu sein haben, wenn sie das Abendland sein wollen. Eine ganze Partei speist sich aus diesem Reflex, der ziemlich geschichtsvergessen ist. Denn ob wir Fragen der Demokratie besser beantworten können als andere, das steht noch dahin! Und Hinweise vom Katheder der Besserwisserei haben in deutscher Sprache besonders wenig Chancen auf Gehör. Das ist der harte Kern hinter den ansonsten unflätigen „Nazi“-Vorwürfen der Türkei.

Die Türkei steht vor einer wegweisenden Entscheidung: Kommt das Präsidialsystem, das Staatschef Erdogan deutlich mehr Macht verleihen würde? Seit dem Sonntagmorgen stimmt das Volk darüber ab.

Vielmehr müssen die Türken sich selbst entscheiden an diesem Wochenende, in welche Richtung sie denn die Weichen stellen wollen. Das Land war immer schon der Scheitelpunkt zwischen Kulturen, und nicht umsonst heißt die Region, in der wichtige Philosophen und Gelehrte gewirkt haben, Kleinasien. Hier endeten Handelswege, hier wurden entscheidende Schlachten geschlagen, beispielsweise um die Perser am Vorrücken zu hindern und das Reich Alexander des Großen zu errichten, eines Makedoniers, der mehr für das Abendland getan hat als Herr Gauland während seiner zweifelhaften Zeit in der hessischen Staatskanzlei.

Erdogans Frage an seine Landsleute lautet also sehr wohl ähnlich der der britischen Regierung an ihre Untertanen: Seid Ihr gewillt, Euch zu diesem Europa in guten und in schlechten Tagen zu bekennen? Die Briten sagten: No. Wenn die Türken nun „hayır“ zu Erdogans Allmachtsgelüsten sagen, dann wäre das ein Ja zu Europa. Es wäre ein Ja der Vernunft, denn längst spürt die türkische Wirtschaft dramatisch den Preis, den der Autokrat aus Ankara seinen Landsleuten abverlangt. Das große Volk der Türken mit seiner Tradition und Geschichte muss nun selbst wissen, ob es mitgestalten will oder sich künftig einigelt.

Was sich durch die Verfassungsreform ändern würde, können Sie hier nachlesen.

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