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Islamismus in Deutschland : Razzia in Berlin-Tempelhof: 400 Polizisten durchsuchen Moschee

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Hunderte Polizisten durchsuchen eine Moschee und mehrere Wohnungen. Die Polizei beruhigt: Es geht nicht um Anschläge in Deutschland.

shz.de von
erstellt am 22.Sep.2015 | 15:08 Uhr

Berlin | Die Berliner Polizei ist am Dienstagmorgen mit einer Razzia gegen mutmaßliche Unterstützer von Islamisten in Syrien vorgegangen. 400 Beamte durchsuchten einen Moscheeverein und sieben Wohnungen. Dabei wurden nach Polizeiangaben Computer und Unterlagen beschlagnahmt, um Beweise wie Schulungsmaterial sicherzustellen. Wie ein Sprecher mitteilte, laufen die Ermittlungen wegen der Planung schwerer staatsgefährdender Gewalttaten seit Monaten. Es gebe auch keinen Zusammenhang mit dem Fall des in der vergangenen Woche erschossenen Islamisten, hieß es.

Ein 41-jährige Iraker hatte zuvor mit einem Messer auf eine Polizistin eingestochen. Er war 2008 vom Oberlandesgericht Stuttgart wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation und versuchter Beteiligung an einem Mord zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Im März 2013 kam er nach Verbüßung der Haft frei.

Verdächtigt wird ein 51-jähriger Marokkaner. Er soll andere angestiftet haben, sich in Syrien mit dschihadistischen Gruppen am bewaffneten Kampf gegen das Assad-Regime zu beteiligen. Der Imam, der befragt, aber nicht festgenommen wurde, wies die Vorwürfe im Gebetsraum der Moschee als „völlig absurd“ zurück und nannte das Vorgehen der Polizei „sehr verwunderlich“. Er empfinde sich als Teil von Deutschland und würde niemals zu Gewalt aufrufen, sagte er.

Ermittelt wird auch gegen einen 19-jährigen Mazedonier, der im Verdacht steht, sich derzeit in Syrien am Kampf dschihadistischer Gruppen zu beteiligen.

Im Zentrum der Durchsuchungen steht die etwa 2000 Quadratmeter große Ibrahim Al Khalil-Moschee in der Colditzstraße. Sie gilt laut Verfassungsschutzbericht 2014 als Hochburg von Salafisten, wie Polizeisprecher Stefan Redlich sagte. In den Wohnungen werden Kontaktpersonen der beiden Hauptverdächtigen vermutet.

Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Vorbereitung sowie der Anstiftung zur Vorbereitung von Gewalttaten. Laut Polizei liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die Beschuldigten Anschläge in Deutschland geplant haben.

Die Ermittlungen liefen demnach seit mindestens sechs Monaten. „Es darf und wird keine Toleranz geben für diejenigen, die in Moscheen zu Hass und Gewalt anstacheln“, sagte Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) zu der Razzia.

Islamisten in Berlin

In Berlin leben nach aktuellen Angaben des Verfassungsschutzes etwa 670 Menschen, die den Salafisten, also den ultrakonservativen Islamisten, zuzurechnen sind. 350 von ihnen sind gewaltorientiert. Die tatsächliche Zahl ist wegen einer beträchtlichen Dunkelziffer aber höher.

Die Zahlenangaben wurden in den vergangenen Jahren immer wieder deutlich nach oben gesetzt. 2011 kannte der Verfassungsschutz 350 Salafisten, davon 100 gewaltbereite. Ende 2014 waren es dann 570 bekannte Radikal-Muslime, 290 davon gewaltbereit.

Rund 100 Vertreter der islamischen Extremisten reisten nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden in den vergangenen Jahren Richtung Syrien oder Irak, um dort im Bürgerkrieg mitzukämpfen oder Terrororganisationen logistisch, finanziell oder propagandistisch zu unterstützen.

Den größten Zulauf hat die terroristische Organisation „Islamischer Staat“ (IS). Aber auch andere dschihadistische Gruppierungen im Kriegsgebiet werden angesteuert.

Die Zahl der Rückkehrer nach Berlin liegt bei etwa einem Drittel der Ausgereisten. Unter diesen Islamisten gibt es desillusionierte und erschöpfte Kämpfer. Andere kamen zurück, um Nachwuchs anzuwerben. Am meisten Sorgen bereiten dem deutschen Staat diejenigen, die weiterhin gewaltorientiert sind und möglicherweise Anschläge in Deutschland planen.

 

 

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