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Hetzjagd auf Migranten : Rassistische Unruhen in Moskau

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Ethnische Spannungen zwischen Nationalisten und Gastarbeitern schwelen seit langem im Vielvölkerstaat Russland. Der Mord an einem jungen Slawen lässt in der Hauptstadt Moskau die Volksseele kochen - rechte Demagogen nutzen die Ungunst der Stunde.

shz.de von
erstellt am 14.Okt.2013 | 15:43 Uhr

Moskau | Umgestürzte Autos, zersplitterte Fenster: Auf den Straßen im Moskauer Stadtteil Birjuljowo tobt ein hasserfüllter Mob. Mit Flaschen und Mülltonnen attackieren Hunderte meist junge Leute die Polizei, es gibt fast 400 Festnahmen. Rechte Demagogen nutzen die Wut vieler über den Mord an einem jungen Mann für ihre Zwecke aus. Das Opfer, der 25-jährige Moskauer Jegor, soll von einem Kaukasier erstochen worden sein. Die Bluttat und die Ausschreitungen machen einmal mehr deutlich: Der Vielvölkerstaat Russland ist ein Pulverfass. „Russland den Russen“, schreit der Mob.

Besonders in der Hauptstadt Moskau mit Millionen Zuwanderern kommt es immer wieder zu blutigen Hetzjagden auf die „Tschjornyje“. Als „Schwarze“ bezeichnen selbst liberale Russen die Migranten aus dem Kaukasus oder den einstigen Bruderrepubliken in Zentralasien. „Warum verteidigt ihr die Schwarzen? Ihr seid doch Slawen“, rufen die Angreifer in Birjuljowo den Polizisten entgegen. Kaukasier gelten für viele grundsätzlich als Terroristen und Kriminelle.

In Moskauer sind an vielen Ecken Parallelgesellschaften entstanden, in denen die Gastarbeiter unter sich bleiben. Gemischte Ehen sind äußert selten. „Hier sind eigentlich nur Zugezogene zu sehen“, sagt die Anwohnerin Jelena in Birjuljowo der Staatsagentur Ria Nowosti. „Es ist richtig unheimlich, hier zu wohnen.“ Und ihre Bekannte Ljudmila sagt: „Der Mord an Jegor war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.“ 

Die Einheimischen werfen den Behörden vor, keine Antwort auf die ethnischen Spannungen zu haben. Nach den Krawallen vom Sonntagabend aber greift die Staatsmacht knallhart durch: Ein von Migranten betriebener Großmarkt, den der Mob gestürmt hatte, wird durchsucht, etwa 1200 Arbeiter werden vorübergehend festgesetzt.

Es soll ein Zeichen sein, um die Wut zu besänftigen, meinen Kommentatoren. Denn schon in drei Wochen planen Nationalisten wieder ihren jährlichen „Russischen Marsch“ durch Moskau. Nicht-Slawen werden an diesem Tag aufgefordert, möglichst zu Hause zu bleiben, da ihre Sicherheit auf der Straße nicht garantiert werden könne. Eine Lösung des tiefsitzenden Problems aber sei die Großrazzia nicht, betonen Experten. Denn damit werde vielmehr die Rolle der Migranten als Sündenböcke für soziale Missstände verschärft.

Kritiker werfen Präsident Wladimir Putin und der Regierung vor, indirekt den Fremdenhass mehr anzufachen als zu bekämpfen. „Die Behörden nutzen die Spannungen dazu, um die Proteststimmung von sich auf die Migranten abzulenken - den Feind Nummer eins“, warnten Menschenrechtler bereits vor den Unruhen in einem offenen Brief. Nun werden Rufe laut, endlich die Visapflicht für Gastarbeiter aus Ex-Sowjetrepubliken einzuführen. Offizielle Statistiken machen die Migranten für den Anstieg von HIV-Infektionen verantwortlich sowie für die große Mehrheit der Überfälle, Morde und Vergewaltigungen.

Gastarbeiter stehen am unteren Ende des Gesellschaftslebens. Sie bekommen die schlechtesten und riskantesten Jobs - bei schlechten Löhnen. Regelmäßig kommt es zu tödlichen Arbeitsunfällen, Brände in menschenunwürdigen Unterkünften kosten Dutzende das Leben. Alle Monate gibt es Berichte über Massenschlägereien zwischen Slawen und Kaukasiern, immer häufiger auch in der Provinz. Im Sommer kann die Polizei etwa im Wolgagebiet Samara eine aufgebrachte Menge nur mit Mühe davon abhalten, von Zuwanderern betriebene Cafés in Brand zu setzen. Auch hier war eine Bluttat der Auslöser.

Noch handelt es sich um örtlich begrenzte Konflikte. Doch mittlerweile geht die Angst um, dass landesweit die Spannungen eskalieren könnten. „Unsere Gesellschaft ist so tief von Hass durchdrungen, dass die Gefahr eines Bürgerkrieges besteht“, warnen die Menschenrechtler in ihrem offenen Brief.

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