zur Navigation springen

Aussage im NSU-Prozess : Ralf Wohlleben bestreitet Beschaffung von Waffen für NSU

vom

Erneute Wende im NSU-Prozess: In der vergangenen Woche brach Beate Zschäpe ihr Schweigen, jetzt redet auch der Mitangeklagte Ralf Wohlleben.

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2015 | 14:56 Uhr

München | Im NSU-Prozess hat nach Beate Zschäpe nun auch der mutmaßliche Terrorhelfer Ralf Wohlleben sein Schweigen gebrochen. Vor dem Oberlandesgericht begann er am Mittwochvormittag damit, eine Aussage zu verlesen. Im Gegensatz zu Zschäpe sprach er selbst.  Wohlleben hat bestritten, die Mordwaffe für den „Nationalsozialistischen Untergrund“ beschafft zu haben. Im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht wies der 40-Jährige am Mittwoch den Vorwurf der Beihilfe zum Mord zurück.

Im NSU-Prozess haben bisher nur drei der Angeklagten ausgesagt. Der als Waffenbeschaffer angeklagte Carsten S. hatte schon zu Beginn ein volles Geständnis abgelegt. Holger G., der das Trio mit Papieren und einer Tarnlegende versorgt haben soll, beschränkte sich bisher auf eine von ihm selbst vorgetragene Erklärung. Beate Zschäpe ließ durch ihren Anwalt am 9. Dezember eine Erklärung vorlesen.

Wohlleben räumte ein, dass er von seinem damaligen Freund Uwe Böhnhardt in einem persönlichen Gespräch um die Beschaffung einer Waffe gebeten worden sei. „Hier äußerte er den Wunsch, dass ich mich nach einer scharfen Pistole für ihn umhören solle“, berichtete er. „Er sagte, ich sollte darauf achten, dass es ein deutsches Fabrikat ist.“

Böhnhardt habe damals gesagt, er wolle nicht in Haft, sondern sich eher selbst erschießen. Er habe aber keine Waffe besorgen und am Suizid von Böhnhardt schuld sein wollen, argumentierte Wohlleben. Schließlich habe Carsten S. von Böhnhardt oder Mundlos den Auftrag bekommen - Carsten S. ist einer der fünf Angeklagten im NSU-Prozess.

Wohlleben hatte zuvor in seiner Aussage im NSU-Prozess Vorwürfe gegen die Behörden erhoben. Es sei ihm unerfindlich, warum der Staat die drei untergetauchten mutmaßlichen Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) nicht aufgespürt habe, sagte Wohlleben am Mittwoch vor dem Münchner Oberlandesgericht (OLG). Schon mit Blick auf die ersten Jahre nach dem Untertauchen der drei 1998 sagte er, hätte man sie finden wollen, wäre das seiner Meinung nach mit Hilfe von Tino Brandt möglich gewesen. Brandt war damals gut bezahlter V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

Wohlleben berichtete zuvor ausführlich, wie sich die rechte Szene in den 90er Jahren in Jena formierte. Damals habe er Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kennengelernt, sagte der 40-Jährige. Mit Zschäpe habe man gut und lange reden können. Sie sei schlagfertig, witzig und ihm sehr sympathisch gewesen. Eine Schlüsselrolle bei der Formierung der verschiedenen Gruppierungen - insbesondere des „Thüringer Heimatschutzes“ - sprach Wohlleben Tino Brandt zu, der damals V-Mann des Verfassungsschutzes war.

Wohlleben sagte, er habe schon Mitte der 90er Jahre nichts gegen Ausländer gehabt - sondern gegen die Politik, die den Zuzug von Ausländern fördere. In Frankfurt am Main habe er damals den Eindruck gehabt, dass es da Stadtviertel gebe, in denen keine Deutschen mehr leben. Das habe er nicht für Jena gewollt, argumentierte Wohlleben.

Wohlleben sagte, er habe den Weg einer schriftlich vorformulierten Erklärung gewählt, weil er wegen der langen U-Haft an erheblichen Konzentrations- und Wortfindungsstörungen leide. Dann berichtete der 40-Jährige ausführlich von seinem persönlichen und politischen Werdegang.

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung habe er versucht, mit den neuen Verhältnissen zurechtzukommen. „Da ich schon immer einen großen Nationalstolz verspürte, der integraler Bestandteil der DDR-Erziehung war, sah ich keinen Grund, den abzulegen“, erklärte er. In den Folgejahren habe er zunehmend rechte Veranstaltungen, Konzerte, Stammtische und Demonstrationen besucht.

Dann trat Wohlleben nach eigener Aussage in die NPD ein - wobei ihm Tino Brandt einen Mitgliedsantrag unter die Nase gehalten habe. Brandt war ein Anführer in der rechtsextremen Szene in Thüringen und zugleich gut bezahlter V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

Die Bundesanwaltschaft wirft Wohlleben Beihilfe zum Mord vor. Er soll Waffen für den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) beschafft haben. Wohlleben sitzt wie Zschäpe seit 2011 in Untersuchungshaft.

Die Hauptangeklagte Zschäpe hatte am Mittwoch vergangener Woche ihr jahrelanges Schweigen gebrochen und eine lange Aussage verlesen lassen. Darin bestritt sie jede Beteiligung an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen des NSU und schob die Schuld allein ihren toten Freunden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zu. Ihre Aussage sorgt im Netz für verschiedene Reaktionen.

Den Livebolg von Beate Zschäpes Aussage zum Nachlesen gibt es hier.

Eine Chronologie des NSU-Prozesses:

4. November 2011

Nach einem missglückten Banküberfall werden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt tot in einem ausgebrannten Wohnmobil in Thüringen gefunden. Bei ihnen sind die Waffen zweier Polizisten, die 2007 in Heilbronn getötet beziehungsweise schwer verletzt wurden.

8. November 2011

Beate Zschäpe stellt sich der Polizei in Jena.

11. November 2011

Zum Polizistenmord von Heilbronn übernimmt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen. Es gibt offenbar Verbindungen zu weiteren Morden.

13. November

Der Bundesgerichtshof erlässt Haftbefehl gegen die mutmaßliche NSU-Terroristin Zschäpe.

8. November 2012

Die Bundesanwaltschaft erhebt Anklage gegen sie.

6. Mai 2013

In München beginnt der Prozess. Hauptangeklagte ist Beate Zschäpe.

22. August 2013

Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages legt seinen Abschlussbericht vor. Er wirft den Sicherheitsbehörden schwere Versäumnisse bei den Ermittlungen gegen die Terrorzelle vor.

21. August 2014

Ein Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags kommt zu der Einschätzung, die Mordserie hätte verhindert werden können, wenn die Ermittlungsbehörden nicht so gravierende Fehler begangen hätten.

6. Juli 2015

Das Oberlandesgericht München ordnet Zschäpe auf eigenen Wunsch den Anwalt Mathias Grasel als vierten Pflichtverteidiger bei.

31. Juli 2015

Zschäpe scheitert zum dritten Mal mit ihrem Ansinnen, ihre ursprünglichen Verteidiger loszuwerden.

10. November 2015

Die eigentlich für den 11. November angekündigte Aussage Zschäpes wird verschoben - bisher hat sie im Prozess geschwiegen. Neben Grasel wird der Münchner Anwalt Hermann Borchert Zschäpe als Wahlverteidiger an bestimmten Tagen im Prozess vertreten.

11. November 2015

Der Bundestag beschließt einen neuen NSU-Untersuchungsausschuss.

24. November 2015

Ein Befangenheitsantrag des Mitangeklagten Ralf Wohlleben gegen alle Richter scheitert. Das Gericht lehnt zudem den erneuten Antrag von Zschäpes drei Alt-Verteidigern ab, von ihren Pflichtmandaten entbunden zu werden. Sie waren bereits im Juli mit einem solchen Ansinnen gescheitert.

29. November 2015

Auch Ralf Wohlleben will aussagen, kündigen seine Anwälte an.

9. Dezember 2015

Zschäpe bricht ihr Schweigen im Prozess erstmals, Fragen des Gerichts an sie will Zschäpe nur schriftlich beantworten. Sie bestreitet eine Beteiligung an den Morden und Sprengstoffanschlägen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU).

29. September 2016

Nach dreieinhalb Jahren ergreift Zschäpe zum ersten Mal persönlich das Wort - für eine kurze Erklärung. Sie bedauere ihr „Fehlverhalten“, sagt sie, und sie verurteile, was ihre Freunde Mundlos und Böhnhardt ihren Opfern „angetan haben“.

17. Januar 2017

Der psychiatrische Sachverständige Henning Saß ist am Zug. Er bescheinigt Zschäpe am Ende volle Schuldfähigkeit - und macht deutlich, sie sei möglicherweise noch immer gefährlich.

3. Mai 2017

Der von Zschäpes Vertrauens-Anwälten benannte Gutachter Joachim Bauer attestiert Zschäpe verminderte Schuldfähigkeit. Doch das Gericht lehnt Bauer später wegen befürchteter Parteilichkeit ab.18. Juli 2017: Der Vorsitzende Richter schließt die Beweisaufnahme.

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert