zur Navigation springen

Flüchtlingskrise : Räumung bei Idomeni: Die ersten Busse fahren ab

vom

Der griechische Staat will das improvisierte Flüchtlingscamp bei Idomeni an der mazedonischen Grenze räumen. Mit Überzeugungskraft und ohne Gewalt.

shz.de von
erstellt am 24.Mai.2016 | 08:08 Uhr

Athen/Idomeni | Am Dienstag haben griechischen Behörden damit begonnen, das wilde Flüchtlingscamp von Idomeni zu räumen. Am frühen Morgen sperrte die Bereitschaftspolizei das Lager weiträumig ab. Medienberichten zufolge verläuft die Evakuierung ruhig und ohne Gewaltanwendung. Das griechische Staatsfernsehen (ERT) zeigte am Morgen erste Videoaufnahmen aus dem Lager.

Die Flüchtlinge und Migranten sitzen fest, weil die Balkanroute in Richtung Westeuropa geschlossen ist und nur noch Personen mit gültigen Reisedokumenten und Visa passieren dürfen. Die Lebensbedingungen in dem Flüchtlingslager an der Grenze sind katastrophal.

Migranten und Flüchtlinge sammelten ihr Hab und Gut und stiegen in Busse ein, um in organisierte Auffanglager gefahren zu werden. Dieses Bild ergab sich auch aus Fernsehaufnahmen, die von der mazedonischen Seite der Grenze aus gedreht wurden. Polizisten sprachen mit Migranten, Busse standen bereit. Die Sondereinheiten der griechischen Bereitschaftspolizei waren auf diesen Bildern nicht zu sehen. Die ersten Busse haben bereits Idomeni verlassen. Reporter zählten neun Busse. Die Migranten winkten ihnen aus den Bussen zu.

Endlose Müdigkeit und vor allem Resignation stehen den Menschen aus Ländern wie Syrien, Irak und Afghanistan ins Gesicht geschrieben. An den Wegen des Lagers türmen sich Berge von Gepäck - Rucksäcke, aber auch Einkaufstaschen und Mülltüten, in denen die Flüchtlinge ihr weniges Hab und Gut verstauen und zur Abreise bereitstellen. Zelte werden abgebaut, Busse bestiegen.

Es geht in eines der neuen Auffanglager, die von der griechischen Regierung in Windeseile organisiert wurden. Dazu hat man im ganzen Land alte Industriegebäude angemietet und ehemalige Militärkasernen reaktiviert. Rund 54.000 Flüchtlinge und Migranten sind mittlerweile in Griechenland gestrandet. Immerhin stagniert die Zahl der Neuankömmlinge seit dem Inkrafttreten des Flüchtlingspakts von EU und Türkei; derzeit setzen täglich nur ein paar Dutzend Menschen über, im Frühjahr waren es noch bis zu 3000 am Tag.

Eine Flüchtlingsfamilie verlässt das improvisierte Camp bei Idomeni.
Eine Flüchtlingsfamilie verlässt das improvisierte Camp bei Idomeni. Foto: Yannis Kolesidis/dpa

Anfang des Monats hieß es bereits, Hilfsorganisationen seien aufgefordert worden, den Behörden dabei zu helfen, die Menschen aus dem Camp in staatliche Unterbringungen umzusiedeln.

Die Behörden sagen, sie wollen bei der Evakuierung keine Gewalt anwenden. Die Migranten, die seit Monaten unter für Menschen unwürdigen Zuständen vor dem mazedonischen Grenzzaun ausharren und auch eine wichtige Bahnlinie sperren, sollen in organisierte Auffanglager gebracht werden.

Wie der Sprecher des Stabes für die Flüchtlingskrise, Giorgos Kyritsis, am Vortag der dpa gesagt hatte, werde die Aktion mehrere Tage dauern. „Wir wollen keine Gewalt anwenden. Die Evakuierung wird bis zu zehn Tage lang dauern“, sagte er.

 

An der Aktion nehmen nach Berichten griechischer Medien rund 1.400 Polizisten teil. Die Behörden begleiten mehrere Übersetzer, die den Menschen in der eigenen Sprache erklären, was passieren soll. Sie müssen koordiniert und stufenweise in Busse steigen, um anschließend in die Auffanglager im Landesinneren zu fahren, berichtete das Staatsradio unter Berufung auf die Polizei.

Die Situation ist seit Monaten katastrophal

Die Zustände in Idomeni sind schon lange furchtbar. Die Geflüchteten leben dort unter menschenunwürdigen Bedingungen. Medien berichteten von Drogenhandel und Prostitution in dem, wie sie es nannten, „Ghetto“ von Idomeni. Es gibt keine offizielle Versorgung des Lagers. Mütter wissen nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollen, bei der improvisierten Essenausgabe gibt es lange Schlagen. Zudem versinkt das Lager im Schlamm. Auch die medizinische Versorgung ist sehr schlecht, den freiwilligen Helfern fehlt die Ausstattung. Es gibt keine Sanitäranlagen und es mangelt an Hygieneartikeln. Die Menschen sitzen in dem Camp fest, sie wollen nach Europa, kommen aber nicht weiter und können das Geschehen um sie herum nicht beeinflussen. Zurückgehen in ihre Heimat ist für die meisten keine Option.

Hamza ist aus Algerien. Viele Menschen aus Nordafrika erzählen, sie würden lieber Selbstmord begehen, als dorthin zurückzukehren. „Das ist kein Leben dort“, sagt Hamza.

Hamza ist aus Algerien. Viele Menschen aus Nordafrika erzählen, sie würden lieber Selbstmord begehen, als dorthin zurückzukehren. „Das ist kein Leben dort“, sagt Hamza.

Foto: Julian Busch, Jonas Kakó und Paul Lovis Wagner
 

Die Zahl der Flüchtlinge, die in Idomeni festsaßen, schwankt. Schätzungen sprachen im März von etwa 15.000 Menschen, unter denen allein fast 5.000 Kinder gewesen sein sollen.

Die Sylter Lehrerin Silke Konejung war zu Beginn der Osterferien in Idomeni, um dort zu helfen. Sie ist angesichts der Situation fast „verwundert über die Geduld und Freundlichkeit der Menschen, die uns sogar von dem wenigen, was sie hatten, noch einluden, um ihre Dankbarkeit zu zeigen“. Das kann aber die tief sitzende Verzweiflung über die Situation nur oberflächlich verdecken. „Die Menschen sind zur Untätigkeit verdammt. Kein Wunder, dass da auch Wut herrscht, die sich immer mal wieder Bahn bricht“. Dann kommt es zu Unruhen, zu Aggressionen und Prügeleien.

Zudem sperren radikalisierte Migranten die wichtige Eisenbahnverbindung Griechenlands nach Norden. Mehr als 300 Güterwaggons sind auf beiden Seiten der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien steckengeblieben. Die Importeure und Exporteure beklagen Verluste in Millionenhöhe.  

Nicht alle werden zwangsgeräumt

Am Montag hatten Augenzeugen dutzende Migranten beobachtet, die das Lager von Idomeni verließen, um sich offenbar in der Region zu verstecken. Sie haben Angst, abgeschoben oder festgesetzt zu werden. Viele habe noch immer die Hoffnung, nach Europa zu gelangen und dort einen neuen Anfang zu machen. Aktivisten hatten die Geflüchteten über die bevorstehende Räumungsaktion informiert. Der Fernsehsender Alpha zeigte Gruppen von Migranten aus Pakistan und Afghanistan, die sich zu Fuß von dem Lager entfernten und in den Feldern westlich von Idomeni verschwanden.

Andere Flüchtlinge - meist syrische Familien - verließen gleichzeitig und freiwillig das Lager in Bussen, um in organisierte Auffanglager zu fahren, berichteten griechische Fernsehsender. In Idomeni lebten zuletzt rund 8.400 Migranten.

In Nordgriechenland würden derzeit weitere staatliche Flüchtlingslager fertiggestellt, um die Menschen aus Idomeni aufzunehmen, sagte Kyritsis letzte Woche.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen