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Terrorgruppe NSU : Psychiater hält Zschäpe für das Opfer „rechtsradikaler Verführer“

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Kann man Beate Zschäpe glauben? Der von Zschäpes Wunschverteidigern engagierte psychiatrische Sachverständige sagt: Ja. Sie sei eher Opfer als Täterin.

shz.de von
erstellt am 03.Mai.2017 | 19:45 Uhr

München | Folgt man dem Gutachten des Freiburger Psychiaters Joachim Bauer, dann war die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe das Opfer „rechtsradikaler Verführer“. Er habe Zschäpe sieben Mal in der Untersuchungshaft in der JVA München-Stadelheim besucht, schildert Bauer am Mittwoch im Prozess vor dem Oberlandesgericht München. Zschäpe habe ihm insgesamt 14 Stunden Rede und Antwort gestanden. Sie habe dabei keinen Versuch unternommen, Schuld bei anderen abzuladen - nicht bei ihrer Mutter, nicht bei einem ihrer beiden Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Wenn es heikel wurde, dann habe er nachbohren müssen. 

Beim bereits mehrjährigen NSU-Prozess wird die Ermordung von zehn Menschen aufgearbeitet. Da die Hauptverdächtigen tot sind, steht Zschäpe als Hauptangeklagte vor Gericht. Ihre Rolle bei den Morden gibt Rätsel auf - auch weil sie durch Verweigerung der Aussage eine juristische Aufarbeitung blockiert.

Am Ende sei er aufgrund ihrer Schilderungen und des Aktenmaterials, das Zschäpes Anwälte ihm zur Verfügung stellten, zu dem Schluss gelangt, dass Zschäpe im Grunde gegen ihren Willen fast 14 Jahre mit den beiden NSU-Terroristen im Untergrund lebte. Dass es eben doch an anderen lag. Dass Zschäpe zwar protestiert habe und entsetzt gewesen sei, wenn Mundlos und Böhnhardt Menschen ermordeten - nach dem ersten von neun Morden an Zuwanderern ebenso wie nach dem letzten an der Polizistin Michéle Kiesewetter. 

Schon das Abtauchen in die Illegalität 1998 habe mit dem zu tun, was Bauer als dependente - abhängige - Persönlichkeitsstörung schildert. Da sei für Zschäpe nämlich eine „Falle zugeschnappt“. Kurz vorher habe Uwe Böhnhardt mit ihr Schluss gemacht. Da habe sie „Heulkrämpfe“ bekommen. Bauer gibt Zschäpes Erinnerung wörtlich so wieder: „Ich lief ihm sogar in der Öffentlichkeit heulend hinterher.“ Und als es dann wegen mehrerer offener Straftaten und Hausdurchsuchungen ums Untertauchen ging, da habe sie mitgemacht, denn: „Wir waren jetzt auf Gedeih und Verderben aneinander gekettet.“ Sie habe das Gefühl gehabt: „Jetzt habe ich ihn.“ Nachdem sie so tief verstrickt gewesen sei, habe sie keinen Ausweg mehr gesehen. Auch ständige brutale Gewalt Böhnhardts habe daran nichts geändert. Schläge ins Gesicht und auf den Kopf, einmal Tritte in den Bauch, als sie schon auf dem Boden gelegen habe, einmal eine Art Karate-Fußkick zwischen die Schulterblätter, immer wieder würgen. Manchmal sei sie nicht nach draußen gegangen, weil sie blaue Flecke im Gesicht oder ein blutunterlaufenes Auge gehabt habe. 

Diese Morde werden dem NSU zur Last gelegt

9. September 2000 in Nürnberg

 

Enver Simsek (38) Der Blumenhändler wird durch vier Kopfschüsse getötet.

13. Juni 2001 in Nürnberg

 

Abdurrahim Özüdogru (49)

 

Der Inhaber einer Änderungsschneiderei stirbt nach Kopfschüssen.

27. Juni 2001 in Hamburg

 

Süleyman Tasköprü (31)

 

Der Hamburger Lebensmittelhändler stirbt durch mehrere Kopfschüsse.

29. August 2001 in München

 

Habil Kilic (38)

 

Der Staplerfahrer wird in einem Frischemarkt mit mehreren Schüssen in den Kopf getroffen.

25. Februar 2004 in Rostock

 

Mehmet Turgut (25)

 

Der junge Mann hilft im Imbiss aus und wird mit Kopfschüssen hingerichtet.

9. Juni 2005 in Nürnberg

 

Ismail Yasar (50)

 

Mit Schüssen in Kopf und Oberkörper wird der Imbissbesitzer ermordet.

15. Juni 2005 in München

 

Theodoros Boulgarides (41)

 

Der Täter schießt Boulgarides in seinem Schlüsseldienst ins Gesicht.

4. April 2006 in Dortmund

 

Mehmet Kubasik (39)

 

Der Kioskbesitzer wird durch einen Schuss ins Auge getroffen.

6. April 2006 in Kassel

 

Halit Yozgat (21)

 

Der junge Mann wird im Internet-Café erschossen.

25. April 2007 in Heilbronn

 

Michèle Kiesewetter (22)

 

Die junge Polizistin sitzt im Auto, als ihr in den Kopf geschossen wird.

 

Dass Zeugen Zschäpe als freundlich, eher lebenslustig und völlig normal schilderten, sei da kein Widerspruch. Bauer sagt, sie habe schon als Kind gelernt, zwei unterschiedliche Realitäten zu leben. Nach außen eben die normale. Nach innen aber die Bewältigung einer Kindheit ohne Nestwärme. Fünf unterschiedliche Betreuungssituationen zählte er im Leben Zschäpes bis zum Erreichen des fünften Lebensjahres. Die Mutter in Geldnöten, abhängig von Alkohol und immer wieder mit neuen Männern.  Zschäpe sei aus all diesen Gründen nur vermindert schuldfähig, meint Bauer - anders als sein Kollege Henning Saß, den das Gericht mit Zschäpes Begutachtung beauftragt hatte. Und Bauer bestreitet auch, dass von Zschäpe für die Zukunft noch eine Gefahr ausgehen könne - außer, sie gerate wieder in rechtsradikale Kreise.

Das aber wolle sie nicht. Vielmehr habe sie geäußert, dass „Versuche politisch Rechtsgesinnter, an sie heranzutreten, sehr unangenehm waren und sind“. Bauer geht nicht darauf ein, dass Zschäpe aus dem Gefängnis längere Briefwechsel in teils flirtender Tonart mit einem in Nordrhein-Westfalen inhaftierten Neonazi führte. Dabei lag ihm der Briefwechsel vor, wie er vor Beginn seiner Ausführungen erklärte.

Keine Aussage trifft er auch über eine Affäre mit einem Chemnitzer Neonazi - in der Zeit unmittelbar vor dem Abtauchen in den Untergrund. Er habe nicht alle Zeugenaussagen berücksichtigt, die ihm vorlagen, sagt Bauer. Er habe sich auf solche beschränkt, die etwas über Zschäpes Alltag sagen könnten. Szenezeugen zählte er nicht dazu, wohl aber die Mutter von Uwe Böhnhardt und Zschäpes Mutter.  Zu Zschäpes Mutter folgt auch die bisher einzige Nachfrage an Bauer.

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl will wissen, ob dem Sachverständigen klar sei, dass diese vor Gericht ihre Aussage verweigert und ausdrücklich bestimmt habe, dass auch ihre Aussagen bei der Polizei nicht verwendet werden dürften. Bauer verneint, letzteres habe er nicht gewusst. Dabei beließ es das Gericht - zunächst. Demnächst dürfte es mehr Fragen geben.

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