Hundertfache Beihilfe zum Mord : Prozessauftakt in Münster: Ex-SS-Wachmann weint vor Gericht

Eingang des Stutthof-Museums in Sztutowo, in dem an die Verbrechen im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof erinnert wird. /PAP
Eingang des Stutthof-Museums in Sztutowo, in dem an die Verbrechen im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof erinnert wird. /PAP

Die Anklage schildert grausame Tötungsdetails. Der angeklagte ehemalige SS-Wachmann nimmt das zum Auftakt eines Prozesses am Landgericht Münster noch gefasst auf. Das ändert sich, als Holocaust-Überlebende sich äußern.

shz.de von
06. November 2018, 23:06 Uhr

Mit emotionaler Regung des Angeklagten hat vor dem Landgericht Münster ein Prozess um hundertfache Beihilfe zum Mord im Konzentrationslager Stutthof begonnen. Bei der Verlesung der Anklage wirkte der 94-jährige ehemalige SS-Wachmann zum Prozessauftakt äußerlich zunächst noch gefasst.

Als die Anwälte der Nebenkläger dann aber mehrere persönliche Erklärungen von Holocaust-Überlebenden vorlasen, flossen bei dem Deutschen aus dem Kreis Borken im westlichen Münsterland die Tränen.

Zum Auftakt hatte der auf Naziverbrechen spezialisierte Dortmunder Oberstaatsanwalt Andreas Brendel das systematische Töten in dem deutschen Konzentrationslager bei Danzig durch die SS geschildert. Er zählte Details auf: den Todeskampf der Häftlinge beim Vergasen, Kopfschüsse bei vorgetäuschten medizinischen Untersuchungen, den körperlichen Verfall der Häftlinge durch Mangelernährung und harte Arbeit. Laut Anklage war das alles möglich durch die SS-Wachmannschaft, der der Angeklagte angehört habe.

Der 94-Jährige, der im Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben wurde, soll von 1942 bis 1944 in Stutthof Dienst getan haben. Er hat laut Anklage nicht nur mitbekommen, wie Häftlinge brutal ums Leben kamen. Als Wachmann soll er viele grausame Morde erst möglich gemacht haben. Nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralen Stelle in Ludwigsburg starben bis Kriegsende 65.000 Menschen in Stutthof und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen.

Zum Abschluss des ersten Prozesstages verlasen mehrere Nebenklägeranwälte persönliche Erklärungen von Holocaust-Überlebenden. Die Überlebende Marga Griesbach schilderte darin, wie sie ihren sechsjährigen Bruder in dem Lager zum letzten Mal sah, bevor er nach Auschwitz gebracht und dort vergast wurde.

Eine andere Nebenklägerin gab ihrer Hoffnung auf späte Gerechtigkeit für ihre ermordete Mutter Ausdruck. «Er hat mitgeholfen, meine geliebte Mutter zu ermorden, die ich mein ganzen Leben so vermisst habe», ließ die Frau aus Minneapolis (USA) verlesen. Dem sichtlich ergriffenen ehemaligen SS-Mann kamen bei den Schilderungen der beiden Frauen die Tränen, mehrmals strich er sich über die Augen.

Die Anwälte des geschiedenen dreifachen Vaters kündigten an, dass er sich im Laufe des Verfahrens äußern werde. Wann genau, ist noch offen.

An dem Verfahren beteiligen sich 17 Nebenkläger, darunter Holocaust-Überlebende aus Israel und den USA. Sie wurden am ersten Prozesstag von elf Anwälten vertreten. Mehrere Nebenkläger ließen über ihre Rechtsbeistände erklären, dass sie gesundheitlich die lange Anreise beispielsweise aus den USA nicht schaffen würden.

Mehrere Nebenkläger teilten ihr Unverständnis mit, dass die deutsche Justiz sieben Jahrzehnte gebraucht habe, um die NS-Verbrechen an Juden in Stutthof vor Gericht zu bringen. «Ich hege keinen Hass, keine Wut im Herzen. Ich habe wenig Interesse an einer harten Strafe», ließ Griesbach mitteilen. Umso wichtiger aber sei es, dass sie dieses Verfahren noch erleben könne, weil die Leugnung des Holocausts auch in ihrer neuen Heimat, den USA, genauso zu beobachten sei wie anderswo. Es sei wichtig darzustellen, was passiert sei.

Die Nebenklägerin aus Indianapolis bezeichnete das Konzentrationslager als die Hölle, «in der der Tod zum täglichen Gefährten wurde». Weiter führte sie aus: «Stutthof, das war der organisierte Massenmord durch die SS, organisiert durch die Wachmänner.»

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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