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Steigende Beitragssätze : Privatversicherte in der Beitragsfalle

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bei Problemen mit der Prämienzahlung lohnt sich oft ein Wechsel in einen anderen Tarif derselben Kasse.

shz.de von
erstellt am 04.Dez.2016 | 21:02 Uhr

Berlin/Kiel | Die Private Krankenversicherung (PKV) ist ein Bund fürs Leben – und teils schwerer aufzulösen als eine Ehe. Das erleben derzeit viele Bundesbürger, die angesichts rasant steigender Beitragssätze – Experten sprechen von zehn und elf Prozent – in eine gesetzliche Kasse (GKV) wollen. „Wir haben seit Wochen verstärkt Anfragen von Privatversicherten, die in die gesetzliche Kasse zurück wollen“, bestätigt Jens Kuschel, Sprecher der AOK Nordwest in Kiel. Doch so einfach ist das nicht. Der Gesetzgeber hat für eine Rückkehr hohe Hürden gesetzt, ab dem 55. Lebensjahr ist sie sogar nahezu ausgeschlossen.

Rund neun Millionen Bundesbürger sind privat versichert. Dafür müssen sie selbstständig sein oder ihr Einkommen muss oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze liegen. Hinzu kommen Beamte, Richter und Personen mit Anspruch auf Beihilfe. Wer von seiner PKV über eine Beitragserhöhung informiert wird, kann seinen Vertrag innerhalb von zwei Monaten kündigen. Er muss in dieser Zeit den Nachweis über eine neue Versicherung erbringen.

  • Die Rückkehr in die gesetzliche Kasse klappt immer dann, wenn Arbeitnehmer versicherungspflichtig in der gesetzlichen Krankenversicherung werden. Das ist etwa der Fall, wenn ihr Einkommen über der Geringfügigkeitsgrenze (450 Euro) liegt, aber unter der Beitragsbemessungsgrenze von 4687,50 Euro sinkt. Oder wenn sie Arbeitslosengeld (ALG I) beziehen, studieren oder sich in der Ausbildung befinden. Im Arbeitsvertrag darf nicht der Eindruck erweckt werden, dass die Beitragsbemessungsgrenze nur kurzfristig unterschritten wird. Bei höheren Einkommen kann ein Anteil des Gehalts in die betriebliche Altersvorsorge im Rahmen der Entgeltumwandlung fließen, um so die Einkommensgrenze zu unterschreiten.
  • Selbstständige Erwerbstätige kommen in die Kasse zurück, wenn die selbstständige Tätigkeit nicht mehr ihr Hauptberuf ist und sie als Angestellte unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze verdienen. Die selbstständige Tätigkeit kann dabei als Nebenberuf weitergeführt werden.
  • Wer sehr geringe Einkünfte hat, kommt auch über eine Familienversicherung beim gesetzlich versicherten Ehepartner oder bei den Eltern unter.
  • Ist ein Wechsel in die GKV nicht möglich, bleibt immer noch die Option, sich bei der eigenen Privatkasse nach einem günstigeren Tarif zu erkundigen. „Versicherer sind gesetzlich dazu verpflichtet, ihren Kunden den Wechsel in Tarife mit gleichartiger Leistung zu ermöglichen“, erläutert Hermann-Josef Tenhagen vom Verbraucherportal Finanztipp. Hintergrund: Einige Versicherungsunternehmen haben Tarife für bestimmte Alterskohorten. Sie locken junge Leute in günstige Tarife und schließen diese nach einigen Jahren. Dann werden alle in dieser Gruppe alt, krank und damit teuer, und die Beiträge steigen. Ältere können nun verlangen, von einem geschlossenen in einen aktuell angebotenen Tarif zu wechseln – bei gleichen Leistungen. Oft stellen sich Versicherungen allerdings sperrig an. „Wer nicht weiter kommt, kann professionelle Hilfe in Anspruch nehmen“, rät Tenhagen. Er empfiehlt unabhängige Versicherungsberater, die entweder erfolgsabhängig arbeiten oder gegen eine Aufwandsentschädigung. „Die kennen den Markt und die Rechtslage und können strittige Punkte besser mit dem Versicherer verhandeln“.

Theoretisch können Betroffene auch zur Konkurrenz wechseln. Doch das ist gefährlich und teuer: Bei Alttarifen (vor 2009) gehen Altersrückstellungen verloren.

Diejenigen, die einen besonders preiswerten Tarifvertrag benötigen, können als Privatversicherte auch in den Standardtarif wechseln. Er steht Versicherten offen, die vor 2009 einer PKV beigetreten sind. Er bietet Leistungen, die denen der GKV entsprechen. Für langjährig Privatversicherte, die sich im Alter die Beiträge nicht mehr leisten können, gilt der Standardtarif in der Regel als geeigneter Notausgang.

Eine andere Möglichkeit: Der Versicherte wechselt in den Basistarif. Dort zahlt er maximal den Höchstsatz in der GKV – derzeit rund 630 Euro im Monat. Möglich ist dies für Versicherte, die seit 2009 in der PKV Mitglied sind und solche, die vor 2009 beigetreten sind – sofern sie mindestens 55 Jahre alt sind, Rente oder Pension beziehen oder hilfebedürftig im Sinn des Sozialrechts sind.

Alternativ können Versicherte auch einen Selbstbehalt zum Beispiel von jährlich 600 Euro vereinbaren und so zu einem günstigeren Monatsbeitrag kommen. Der Versicherte muss dann im Jahr für alle Arztrechnungen bis zu einem Betrag von 600 Euro selbst aufkommen, erst dann zahlt die Kasse.

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