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Daniel Scioli und Mauricio Macri : Präsidentschaftswahl in Argentinien: Stichwahl bringt Entscheidung

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Der Regierungskandidat Daniel Scioli kann sich nicht als Favorit behaupten. Er erreicht nur einen knappen Vorsprung vor dem konservativen Bewerber Mauricio Macri. Sie gehen in die Stichwahl.

shz.de von
erstellt am 24.Okt.2015 | 15:58 Uhr

Buenos Aires | In Argentinien muss der Nachfolger der Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner in einer Stichwahl bestimmt werden. Nach der ersten Wahlrunde lagen am Sonntag der Kandidat der Regierungskoalition Daniel Scioli und der konservative Oppositionspolitiker Mauricio Macri überraschend nahe beieinander.

Scioli, der als Favorit in die Wahl gegangen war, erreichte nach Auszählung von 88 Prozent der Stimmen 36,0 Prozent gegen 35,1 Prozent für Macri. In Argentinien muss ein Kandidat 45 Prozent der Stimmen erreichen oder mindestens 40 Prozent sowie zehn Prozentpunkte Vorsprung auf den Zweitplatzierten haben, um in der ersten Runde zu gewinnen.

Die Stichwahl zwischen den beiden Spitzenkandidaten soll am 22. November stattfinden. Kirchner durfte sich laut Verfassung nicht um eine dritte Amtszeit in Folge bewerben.

Warum die Wahl wichtig ist:

Aasgeier

Mehrere Milliarden muss Argentinien nach einem US-Richterspruch an Hedgefonds zurückzahlen, die nach der Pleite 2001 einen Schuldenschnitt nicht akzeptiert hatten. Die bisherige Regierung weigert sich, die Gläubiger seien „Aasgeier“. Daher ist Argentinien 2014 als zahlungsunfähiger Pleitefall eingestuft worden - und kommt kaum an frisches Geld von Investoren. Die neue Regierung muss um eine Lösung kämpfen.

Krise im Gaucho-Land

Argentinien ist nach Brasilien und Mexiko der drittwichtigste Handelspartner Deutschlands in Lateinamerika, aber zuletzt sank das Handelsvolumen bereits auf 4,1 Milliarden Euro (2014). Autobauer wie Mercedes-Benz und Volkswagen sind sehr aktiv, doch 2016 droht sogar eine Rezession, ein Rückgang der Wirtschaftsleistung. Da auch Brasilien kriselt, droht der Region eine zunehmende Abwärtsspirale.

Christinas Zukunft

Zwölf Jahre haben zwei Kirchners die Casa Rosada in ihrer Hand gehabt, erst Néstor (2003-2007), nach seinem Tod seine Frau Cristina Fernández de Kirchner. Wird sie sich bei einem Sieg des Regierungskandidaten Daniel Scioli einmischen? Vielleicht - das geht - 2019 noch einmal selbst antreten? Oder einen internationalen Top-Job anstreben? Oder sich einfach in die patagonische Heimat zurückziehen?

 

An dritter Stelle landete mit gut 21 Prozent Sergio Massa, ein früherer Kabinettschef Kirchners, heute ein Regierungskritiker. Massa erklärte am Sonntagabend (Ortszeit) er werde mit seiner Allianz Unidos para una Nueva Alternativa (UNA) den Kandidaten der Stichwahl programmatische Bedingungen für seine Unterstützung stellen.

„Was heute geschehen ist, ändert die Politik in diesem Land“, erklärte Macri vor seinen feiernden Anhängern der Koalition Cambiemos (Lasst uns verändern). Scioli forderte seinerseits die unabhängigen Wähler auf, in der Stichwahl für ihn zu stimmen. Nur er garantiere die Achtung der Rechte

Das überraschendste Ergebnis erreichte Cambiemos in der Provinz Buenos Aires, der traditionellen Bastion des regierenden Peronismus. Dort wird die Nachfolge von Scioli als Gouverneur die junge Kandidatin María Eugenia Vidal antreten, die vorher Macris Stellvertreterin in der Stadtregierung von Buenos Aires war. Sie besiegte den Kabinettschef der Präsidentin Kirchner, Aníbal Fernández.

Argentinien ist nach Brasilien und Mexiko das drittgrößte Land Lateinamerikas und hat 41,8 Millionen Einwohner. Durch einen Streit mit internationalen Hedgefonds und der Weigerung der Regierung Kirchner, Milliardenschulden bei ihnen zu begleichen, ist das Land technisch zahlungsunfähig. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für 2016 ein Minus bei der Wirtschaftsleistung von 0,7 Prozent.

Die größten Handelspartner sind Brasilien und China, gefolgt von den USA und Deutschland. Hauptexportwaren sind Agrarprodukte wie Soja und Mais sowie Produkte der Automobilindustrie. Hauptaufgabe der neuen Regierung wird es angesichts der wirtschaftlichen und finanziellen Lage sein, das Vertrauen der internationalen Investoren zurückzugewinnen.

Dies sind die Kandidaten im Portrait:

DANIEL SCIOLI

Scioli (58) ist Kandidat der Regierungskoalition „Frente para la Victoria“ (Siegesfront, FPV). Der Unternehmersohn war erst als Motorbootsportler bekannt. Er verlor 1989 seinen rechten Arm bei einem schweren Unglück während eines Motorbootrennens auf dem Paraná-Fluss. Dennoch nahm er weiter an den Sportwettbewerben teil und gewann bis 1996 mehrere Weltmeistertitel.

Er trat in den 90er Jahren in die Politik ein, gefördert vom damaligen Staatschef Carlos Menem. Nach der Krise von 2001 übernahm er in der Regierung Eduardo Duhaldes das Sekretariat für Sport und Turismus. Er war 2003-2007 Néstor Kirchners Vizepräsident, wurde dann zum Gouverneur der Provinz Buenos Aires gewählt und 2011 wiedergewählt.

Scioli ist von der Präsidentin Cristina Kirchner oft als konservativer Mitläufer abgetan worden. Er musste als Gouverneur starke Kürzungen der an die Provinz weitergeleiteten Bundesgelder hinnehmen. Da Kirchner nicht für eine dritte Amtsperiode kandidieren konnte, hieß sie ihn jedoch als aussichtsreichsten Bewerber der Regierungskoalition gut.

Scioli heiratete 1991 das Modell Karina Rabolini. Sieben Jahre später ließ er sich scheiden. Seit 2003 lebt das Paar jedoch wieder zusammen. Sie haben keine Kinder. Scioli hat aber eine 1978 geborene uneheliche Tochter, die er erst 1990 anerkannte.

MAURICIO MACRI

Macri (56) ist Gründer und Kandidat der konservativen Partei „Propuesta Republicana“ (PRO). Der Sohn eines der reichsten Unternehmer Argentiniens ist Ingenieur. Er war bis in die 90er Jahre selbst als Unternehmer aktiv. 1991 wurde er entführt und gegen ein hohes Lösegeld freigelassen. Vier Jahre später wurde Macri Präsident von Boca Juniors, Argentiniens populärstem Fußballverein.

Macri stellte sich 2007 erfolgreich zur Bürgermeisterwahl der Hauptstadt Buenos Aires. 2011 wurde er wiedergewählt. Er profilierte sich als Gegenpol der Regierung Cristina Kirchners. Macri hat drei Kinder mit seiner ersten Ehefrau, von der er sich 1991 scheiden ließ. 2010 heiratete er die Mode-Unternehmerin Juliana Awada. Das Paar hat eine vierjährige Tochter.

 
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