Neue Untersuchungen in London : Polonium 210: Der mysteriöse Tod des Alexander Litwinenko

In einer öffentlichen Untersuchung wollen Londoner Juristen klären, wer für den Tod des Ex-Agenten verantwortlich ist.

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27. Januar 2015, 15:27 Uhr

London/Moskau | Der Mord an dem mit radioaktivem Polonium 210 vergifteten Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko in London wird von heute an öffentlich untersucht. Die Anhörungen zu dem Fall sollen am Dienstag beginnen. Die Rolle Russlands bei dem aufsehenerregenden Mord an Litwinenko soll ein Schwerpunkt der Untersuchung sein. Dabei versuchen Juristen unter der Leitung des erfahrenen Richters Robert Owen, die Umstände der Tat vom November 2006 zu klären. Sie dürfen Zeugen befragen und Akten einsehen, auch Unterlagen britischer Geheimdienste. Sie sind aber nicht befugt, vermeintliche Schuldige anzuklagen oder zu verurteilen. Marina Litwinenko, die Witwe des mit der radioaktiven Substanz vergifteten Doppelagenten, hat die richterliche Untersuchung gegen den Willen der britischen Regierung durchgesetzt.

Zu den Sitzungen in einem Londoner Gerichtsgebäude sind Medien und die Öffentlichkeit zugelassen, solange keine besonders heiklen Fragen besprochen werden, die die nationale Sicherheit Großbritanniens gefährden könnten. Litwinenko hatte für den sowjetischen Geheimdienst KGB gearbeitet und war 2000 nach Großbritannien gekommen. Der Fall hatte zu diplomatischen Verwerfungen zwischen Großbritannien und Russland geführt, weil Moskau die von den Briten ausgemachten Hauptverdächtigen nicht ausliefern wollte. Es handelt sich um den russischen Duma-Abgeordneten und früheren Geheimdienstmann Andrei Lugowoi.

In einer Erklärung Lugowois heißt es: „Dass Großbritannien diesen Fall wieder aufs Neue aufrollt, ist mit der geopolitischen Lage verbunden. Sowohl die Amerikaner als auch die Engländer - und alle Feinde Russlands - versuchen einen Anlass zu finden, die Bürger unseres Landes zu beschuldigen und Russland in keinem guten Licht darzustellen. Ich denke, dass in erster Linie Russland auf der Anklagebank sitzt.“

Die öffentliche Untersuchung zum Giftmord wird weitgehend ohne Beteiligung Russlands stattfinden. Das teilte die russische Ermittlungsbehörde dem Untersuchungsleiter Robert Owen in einem Brief mit. Die Untersuchung in London findet vor einem Richter, aber ohne Angeklagten statt. Owen erwartet einen Abschlussbericht über die mindestens zehn Wochen dauernde Untersuchung, von der Teile hinter verschlossenen Türen stattfinden werden, noch in diesem Jahr.

Begonnen hatte das Sterben des Russen, dessen haarloses Antlitz im Bett einer Intensivstation um die ganze Welt ging, am 1. November 2006. Der Tatort war die Bar des vornehmen Hotels „Millennium“. Dort saß Litwinenko mit zwei weiteren Russen zusammen: Andrej Lugowoi und Dmitri Kowtun. Lugowoi war ebenso wie das Mordopfer einst für den russischen Geheimdienst tätig. Kowtun war früher als Armeeoffizier in Deutschland stationiert und lebte später als Geschäftsmann im Land. 

Einer von beiden, so gab der Barkeeper zu Protokoll, habe Litwinenko „irgendetwas“ in den Tee gesprüht. Innerhalb von Tagen verschlechterte sich dessen Gesundheitszustand dramatisch. Ärzte standen vor einem Rätsel. Nur Stunden bevor Litwinenko am 23. November 2006 starb, machten Spezialisten des Londoner University College Hospital die alarmierende Entdeckung: „Der Urin von Herrn Litwinenko  weist eine hohe Konzentration von Polonium 210 auf.“ Auf dem Totenbett hatte der Ex-Agent gesagt, Präsident Wladimir Putin habe ihn töten lassen. Lugowoi hatte bereits 2007 erklärt, die Umstände deuten darauf hin, dass die Ermordung Litwinenkos nicht ohne Kenntnis des britischen Geheimdienstes möglich gewesen sein kann. Das Foto zeigt Litwinenko im Krankenhaus.

<center><blockquote class="twitter-tweet" lang="de"><p>Day 1 of the Alexander Litvinenko inquiry. Follow live: <a href="http://t.co/t1MMhYn1Y0">http://t.co/t1MMhYn1Y0</a> <a href="http://t.co/cYf2PRNB0e">pic.twitter.com/cYf2PRNB0e</a></p>&mdash; Telegraph News (@TelegraphNews) <a href="https://twitter.com/TelegraphNews/status/560014399771914240">27. Januar 2015</a></blockquote></center>

Spuren des Giftes fanden sich an fast 20 Orten in London, später auch in Moskau und sogar in Hamburg, wo Kowtun Wohnungen gemietet hatte. Hier legte er vor seinem Treffen mit Litwinenko einen Zwischenstopp ein. Lugowoi bestritt stets die Mordvorwürfe. Die Ermittlungen gegen Kowtun stellte die Hamburger Staatsanwaltschaft 2009 aus Mangel an Beweisen ein. Die Stimmung in London grenzte an Panik. Mehrere hundert Menschen wurden auf Polonium getestet, bei rund 120 wurde es gefunden - glücklicherweise nur in so geringen Mengen, dass keine ernsten Schäden drohten. 

Erheblichen Schaden nahmen hingegen die Beziehungen zwischen London und Moskau. Die britische Staatsanwaltschaft beschuldigte den Ex-Agenten und Geschäftsmann Andrej Lugowoi des Mordes. London forderte dessen Auslieferung, doch Moskau zeigte den Briten die kalte Schulter. Großbritannien reagierte acht Monate nach dem Tod Litwinenkos mit der Ausweisung von vier russischen Diplomaten, Moskau zahlte das mit gleicher Münze heim.

Russland und Großbritannien stellten Diplomaten und offiziellen Vertretern ihres Landes kurzzeitig keine Visa mehr aus. Zudem wurde die Zusammenarbeit beim Kampf gegen den Terrorismus aufgekündigt. Moskau ließ außerdem zwei Regionalbüros des Kultur- und Bildungsinstituts British Council in Russland schließen.

Nur mit Mühe können britische Regierungsvertreter ihre Empörung darüber im Zaum halten, dass der Mordverdächtige in Moskau in maßgeschneiderten Anzügen und oft mit Sonnenbrille wie ein Filmstar auftritt. Obendrein kandidiert der Geschäftsmann bei der Parlamentswahl am 2. Dezember. „Lugowoi ist das heißersehnte Symbol unserer Ablehnung der verfluchten anglo-amerikanischen Imperialisten“, kommentierte der Politologe Leonid Radsichowski. Der für antiwestliche Töne berüchtigte Populist Wladimir Schirinowski hat Lugowoi an Listenplatz zwei seiner nationalistisch geprägten Liberaldemokratischen Partei Russlands (LDPR) gesetzt. 

Gern verbreitet Lugowoi in Moskau seine Sicht der Dinge: Entweder habe der Oligarch und Kremlkritiker Boris Beresowski, der im Exil in London lebt, seinen früheren Mitarbeiter Litwinenko vergiftet oder der britische Geheimdienst MI6 stecke dahinter. Eine Bestätigung gab es dafür ebensowenig wie für die entgegengesetzte Anschuldigung der Witwe Litwinenkos, der Befehl zum Mord an ihrem Mann sei aus der obersten Kremletage gekommen.

Sicher ist immerhin, dass Litwinenko nach seiner Übersiedlung nach Großbritannien 2001 ein lautstarker Verfechter von Verschwörungstheorien war, die man in der russischen Regierung nicht gern hört. Danach habe der Kreml 1999 Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland selbst inszeniert, um den zweiten Tschetschenienkrieg zu rechtfertigen und um Wladimir Putin die Wahl zum Präsidenten zu sichern. Aber auch dafür gibt es keine Beweise.

Im Juni 2010 vereinbarten der britische Premierminister David Cameron und der damalige Kremlchef Dmitri Medwedew bei einem Treffen in Kanada einen Neustart in den Beziehungen. Cameron besuchte im September 2011 als erster britischer Regierungschef seit 2005 Moskau. Die Differenzen im Fall Litwinenko blieben aber bestehen.

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