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Polizei senkt Hürden für Bewerber

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wegen der Flüchtlingskrise soll es mehr Polizeianwärter geben / Um sie zu finden, fällt der Numerus clausus – und das Diktat wird leichter

shz.de von
erstellt am 04.Nov.2015 | 10:34 Uhr

Mit einem Schnitt von 4,0 im Zeugnis zur Polizei? Im kommenden Jahr ist das möglich. Die Landespolizei hat ihren Numerus clausus ausgesetzt. Und auch der Einstellungstest wird leichter. Beim Diktat sollen Fehler in der Zeichensetzung nicht mehr berücksichtigt werden. „Uns bleibt nichts anderes übrig, um die geforderte Anwärterzahl zu generieren“, erklärte gestern Horst Winter, Leiter der Werbe- und Einstellungsstelle bei der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung in Eutin (Kreis Ostholstein).

Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) hat die Order ausgegeben, im kommenden Jahr 400 Polizeianwärter einzustellen, 145 mehr als geplant. Grund ist die Flüchtlingskrise, für deren Bewältigung immer mehr Beamte benötigt werden. Nun muss die Polizei liefern, was nicht leicht ist. Die Bewerberzahlen sind in den vergangenen Jahren beständig gesunken. Reichten 2011 noch über 3000 Interessierte ihre Unterlagen ein, waren es 2015 nur noch knapp 2600. Davon aber traten nur 1500 Bewerber tatsächlich zur Prüfung an – die lediglich 383 bestanden haben. „Diese Zahl steht uns aber nie vollständig zur Verfügung“, betont Winter. „Selbst nach erfolgter Zusage springt ein hoher Anteil noch ab.“

So kommen rund 40 Prozent der Bewerber aus anderen Bundesländern. Sie ziehen die Heimat vor, wenn es dort mit dem Polizeidienst klappt. Da sich zudem viele Abiturienten bewerben, gibt es große Konkurrenz durch bessere Angebote aus Wirtschaft und Verwaltung. Winter: „Wenn ich 400 Polizeianwärter einstellen will, brauche ich unbedingt eine Reserve – mindestens 500 Bewerber müssen den Test bestehen.“

Das sind so viele wie nie zuvor. In einem ersten Schritt hat die Werbe- und Einstellungsstelle die Bewerbungsfrist bis Jahresende verlängert. „Da das nicht reichen wird, haben wir uns für den Jahrgang 2016 auf Abstriche verständigt“, sagt Winter, der intern als Verfechter hoher Einstellungshürden gilt. Und so sehen die Lockerungen aus: Abiturienten mussten bislang einem Notenschnitt von 2,8 haben, Schüler mit mittlerer Reife in den Fächern Deutsch, Englisch, Wirtschaft und Politik sowie Sport mindestes die Note 3 mitbringen. „Diese Zulassungsbeschränkungen sind gestrichen“, sagt Winter. Das bestandene Abitur oder die bestandene mittlere Reife reichen, um am Einstellungstest teilzunehmen.

Und auch dort gibt es eine Erleichterung. Im Diktat wird die Interpunktion nicht berücksichtigt. „Fehler im Text werden weiter angestrichen, schließlich gehört das Schreiben von Anzeigen zur täglichen Arbeit eines Beamten“, sagt Winter und fügt hinzu: „Bei vielen Bürgern dürfte die Regelung auf Unverständnis stoßen. Aber anders kommen wir an die geforderte Bewerberzahl nicht heran.“ Keine Erleichterungen geben soll es beim Sport- und Intelligenztest. Auch das Vorstellungsgespräch und die Prüfungen in Geschichte, politischer Bildung, Naturwissenschaft und Technik bleiben unverändert. Und für die Jahre 2017 und 2018, in denen ebenfalls 400 Anwärter eingestellt werden sollen, will die Polizei die Lockerungen wieder streichen und lieber verstärkt die Werbetrommel rühren.

Im Innenministerium erwägt man derweil noch andere Wege. Sprecher Patrick Tiede: „Es wird geprüft, die Grenzen hinsichtlich Körpergröße und Höchstalter zu verändern. Die Rechtsprechung auf nationaler und europäischer Ebene tendiert dazu, derartige Grenzen in Frage zu stellen.“ Eine Entscheidung soll Anfang 2016 fallen. Und die Option von Lockerungen sieht das Ministerium durchaus auch langfristig. „Wenn es zum Erreichen der angestrebten Einstellungszahlen notwendig ist, wird eine vertretbare maßvolle Absenkung der zu erbringenden Mindestleistungen erfolgen.“

Burkhard Peters, innenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion plädiert für eine Aufweichung des Sporttests. „Warum sollte eine Bewerberin, die hervorragende IT-Kenntnisse mitbringt und im Bereich Computerkriminalität arbeiten könnte, daran scheitern, dass sie die 100 Meter nicht in der vorgegebenen Zeit läuft?“, fragt er. Für die Opposition sind die Lockerungen hingegen der falsche Weg. „Das Land darf keine Abstriche bei der Qualität der Bewerberinnen und Bewerber machen“, sagt FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki. Stattdessen muss das Land sich darum bemühen, ein attraktiver Arbeitgeber für geeignete Kandidaten zu sein.

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