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„Politiker sind selten erste Wahl“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Wechsel in Wirtschaft lockt viele altgediente Parteigänger – doch eine Erfolgsgarantie gibt es nicht

shz.de von
erstellt am 05.Aug.2014 | 17:05 Uhr

Roland Koch wusste, was auf ihn zukam: Er sei jung genug, nicht nur einen Beraterjob anzunehmen. Er wolle sich „Zielen, Zahlen und unmittelbarer Messbarkeit seiner Leistung aussetzen“, sagte er beim Amtsantritt bei Bilfinger vor drei Jahren. Zwei Gewinnwarnungen binnen fünf Wochen und ein Kursverlust von 20 Prozent der Bilfinger-Aktie in Kochs Amtszeit legen also nahe: Auch an den eigenen Kriterien gemessen, ist Koch gescheitert.

Kaum ein anderer Ex-Politiker hat sich so exponiert in der freien Wirtschaft. Berater und Aufsichtsräte und Türöffner gibt es viele: Dirk Niebel, der ehemalige Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, unterstützt künftig den Vorstand von Rheinmetall. Der frühere Außenminister Joschka Fischer hält Vorträge für BMW und fährt vor Kameras die Elektroautos des Konzerns. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder führt Aufsicht bei Gasprom, Ronald Pofalla, früher Chef des Kanzleramtes, wird Cheflobbyist der Deutschen Bahn, damit der Bund als Eigentümer nicht allzu viel Konkurrenz auf der Schiene zulässt.

Ins operative Geschäft, und das an vorderster Front und auch noch bei einem börsennotierten Unternehmen sind nur wenige eingestiegen. Koch hat es gewagt und ist gescheitert. Anders erging es seinem Parteifreund Lothar Späth. Der hat nach seiner Regierungszeit in Baden-Württemberg Jenoptik an die Börse geführt, war rund zwölf Jahre dort Vorstandschef. Schon anders sieht es bei Werner Müller aus. Der hat nach seiner Zeit als Bundeswirtschaftsminister die Ruhrkohle AG zum Spezialchemiekonzern Evonik umgebaut und nebenher noch sicherzustellen versucht, dass die „Ewigkeitslasten“ des Ruhrkohlebergbaus nicht vom Steuerzahler bezahlt werden müssen. Müller kam allerdings aus der Wirtschaft, war fast ein Vierteljahrhundert in der Energieindustrie unterwegs, bevor er als Bundeswirtschaftsminister eine Zwischenstation in der Politik eingelegte. Er ging nur „zurück“, nicht von der Politik in die Wirtschaft. Diese Richtung hatte, wie Koch, auch Johannes Ludewig gewählt, der vom Kanzleramt als Staatssekretär ins Bundeswirtschaftsministerium wechselte und von dort an die Spitze der Deutschen Bahn. Schon nach zwei Jahren wurde er abberufen.

Ralf Kleine, Senior Manager in der SCS Personalberatung, sagt, Politiker in die operative Verantwortung eines Unternehmens zu berufen, müsse nicht scheitern: „Das zu pauschalisieren, ist sehr schwierig“, sagt er. Aber: „Es ist auf jeden Fall ein ambitionierter Wechsel.“

Politiker sind zwar geübt, Ideen zu entwickeln, für Zustimmung zu werben, sich mit unterschiedlichen Gremien wie Kabinett, Fraktion und Partei zu arrangieren, Gegner auszuhalten. Dennoch, so Kleine, könnten sie in der Wirtschaft ihre erlernten Mechanismen nicht eins zu eins anwenden. Sie würden auch nicht so an nackten Zahlen gemessen wie gerade Chefs börsennotierter Unternehmen. Und sie begegneten womöglich direkten Vorbehalten, wenn sie – wie es Roland Koch erlebt hat – aus der Politik einem mitbestimmten Aufsichtsrat gegenüberträten.

Würde er, der Headhunter, einen Politiker anrufen, um einen Vorstandsposten zu besetzen? „Wenn es sich um Unternehmen handelt, die sehr stark im gesellschaftspolitischen Interesse stehen, dann ist so was durchaus denkbar“, sagt der Personalberater. „Es ist aber, wenn ich ehrlich bin, selten die erste Wahl.“

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