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Bundestagswahl 2017 : Politiker aus SH: Großes Stühlerücken in Berlin

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bei der Bundestagswahl treten viele erfahrene Politiker aus dem Norden nicht mehr an – eine Chance für neue Kräfte.

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2016 | 11:50 Uhr

Franz Thönnes (SPD)
Franz Thönnes (SPD) Foto: dpa

Für Franz Thönnes wird nach 23 Jahren im Bundestag Schluss sein. Bei der Wahl im September tritt der dienstälteste schleswig-holsteinische Abgeordnete und frühere SPD-Landeschef nicht wieder an. „Dadurch werden meine Frau und ich etwas mehr Zeit für uns haben“, hat der Politiker aus Ammersbek schon im Mai erfreut festgestellt.

<p>Alexander Wagner mit den SPD-Kreisvorsitzenden  Susanne Danhier, (Stormarn, li.) und Stefan Weber (Segeberg, re.).</p>

Alexander Wagner mit den SPD-Kreisvorsitzenden  Susanne Danhier, (Stormarn, li.) und Stefan Weber (Segeberg, re.).

Foto: PMI
 

Statt des 62-Jährigen kandidiert nun im Wahlkreis Segeberg-Stormarn ein Sozialdemokrat, der im Fall eines Erfolgs der jüngste Abgeordnete aus dem nördlichsten Bundesland wäre: Alexander Wagner ist erst 29, war Juso-Landeschef, einige Jahre Thönnes’ Büroleiter und arbeitet heute im Kieler Wirtschaftsressort. Um das Direktmandat zu holen, müsste er allerdings den zuletzt dreimal siegreichen und dienstältesten schleswig-holsteinischen CDU-Abgeordneten schlagen, Gero Storjohann, 58.

 Gero Storjohann
Gero Storjohann Foto: sh:z
 

Während Thönnes in der SPD neben dem zum Wehrbeauftragten aufgestiegenen Kieler Hans-Peter Bartels der einzige aus der zuletzt gewählten Abgeordnetenriege ist, der nicht wieder antritt, muss Storjohanns CDU einen stärkeren Aderlass verkraften. Gleich vier versierte Politiker hören in Berlin auf – darunter drei, die dank ihrem Amt auch Einfluss in der Bundesregierung oder Bundespartei haben.

Nur noch etwas mehr als ein Jahr wird Ole Schröder eng mit der Bundeskanzlerin und der CDU-Bundesvorsitzenden Angela Merkel zusammenarbeiten.
Die Zeit der Zusammenarbeit mit Angela Merkel ist für Ole Schröder bald vorbei. Foto: Bernd Amsberg
 

So beendet Innenstaatssekretär Ole Schröder (45) aus Pinneberg seine Bundestagskarriere trotz jungen Alters ebenso wie CDU-Schatzmeister Philipp Murmann (52) aus Plön und der kürzlich als CDU-Landeschef zurückgetretene oberste Unions-Kommunalpolitiker Ingbert Liebing (53) aus Sylt. Letzterer kandidiert allerdings im Mai für den Landtag. Zudem zieht sich die Lübecker Bildungspolitikerin Alexandra Dinges-Dierig (63) zurück.

Alexandra Dinges-Dierig (CDU) und Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) betrachten in Lübeck eine Videowand mit ersten Wahlprognosen zur Bürgermeisterwahl in der Hansestadt. Foto: dpa
Alexandra Dinges-Dierig (CDU) und Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) betrachten in Lübeck eine Videowand mit ersten Wahlprognosen zur Bürgermeisterwahl in der Hansestadt. Foto: dpa Foto: dpa
 

CDU-Landeschef Daniel Günther sieht den Abgang der vier Routiniers allerdings nicht nur als Schwächung, sondern auch als Chance. „Für die vier frei werdenden Wahlkreise bewerben sich hervorragende Kandidatinnen und Kandidaten“, lobt er. Besonders freue er sich, „dass sich in drei der vier Fälle starke CDU-Frauen durchsetzen konnten“. Nur in Pinneberg sicherte sich ein Mann Schröders vakante Kandidatur, der 64-jährige Michael von Abercron. Mit nun insgesamt vier Direktbewerberinnen holt die CDU fast die SPD ein, deren Chef Ralf Stegner gern mit seiner Frauenförderung prahlt, aber auch nur eine Kandidatin mehr vorweisen kann. Allerdings sitzen diese fünf immerhin schon alle im Bundestag.

Bei der CDU hingegen wollen die nordfriesische Landtagsabgeordnete Astrid Damerow (58), die Neumünsteraner CDU-Geschäftsführerin Melanie Bernstein (40) und die Lübecker Herzchirurgin Claudia Schmidtke (50) dort erst noch hin.

Astrid  Damerow (CDU)
Astrid Damerow (CDU) Foto: dpa
 

Während Damerow im konservativen Nordfriesland auch beste Chancen hat, muss Bernstein um den oft knappen Wahlkreis Plön-Neumünster kämpfen und Schmidtke in der SPD-Hochburg Lübeck auf ein kleines Wunder hoffen – oder auf die Landesliste. Über die kamen 2013 auch die beiden unterlegenen Direktkandidaten der CDU in den Bundestag.

Parteichef Günther jedenfalls will 2017 abermals elf Abgeordnete nach Berlin schicken. „Schleswig-Holstein hat in dieser Legislaturperiode enorm davon profitiert, dass CDU-Abgeordnete aus allen elf Wahlkreisen erfolgreich im Bundestag gewirkt haben – unser Ziel ist, dass das so bleibt“, sagt er. Möglich scheint das nicht zuletzt deshalb, weil der Bundestag wegen vieler drohender Überhang- und Ausgleichsmandate noch größer werden könnte, als er mit 630 Abgeordneten schon jetzt ist. Zum Spitzenkandidaten will Günther erneut den Rendsburger Parlamentarier und früheren schleswig-holsteinischen CDU-Chef Johann Wadephul machen: „Das werde ich den Landesdelegierten am 3. Februar vorschlagen.“

Für die SPD bewirbt sich nicht nur Thönnes’ früherer Büroleiter Wagner neu für Berlin, sondern auch der 46-jährige Kieler Wasserbauer und Gewerkschafter Matthias Stein sowie Flensburgs Stadtsprecher Clemens Teschendorf (42). „Eine Bank“, lobt Parteichef Stegner seinen SPD-Landesvorstandskollegen Stein – und zwar weniger, weil der als Nachfolger von Bartels im sicheren SPD-Wahlkreis Kiel kandidiert, sondern weil Stein „hervorragende Basisarbeit“ leiste.

Clemens Teschendorf.
Clemens Teschendorf. Foto: uk
 

Teschendorf dagegen ist in der SPD ein unbeschriebenes Blatt und wird es in Flensburg-Schleswig gegen die zuletzt siegreiche CDU-Bewerberin Sabine Sütterlin-Waack (58) schwer haben. Allerdings hält Stegner auch diesen Wahlkreis für „gewinnbar“ – nicht zuletzt weil er glaubt, dass die SPD prinzipiell viel weniger Direkt-Stimmen an die AfD verlieren wird als die CDU. Auch Stegner will zumindest das Ergebnis der letzten Wahl erreichen, als die Nord-SPD neun Abgeordnete in den Bundestag brachte.

Und was ist mit den kleinen Fraktionen?

Ob nach der Wahl auch die kleinen Bundestagsfraktionen frische Gesichter aus dem Norden präsentieren werden, ist offen. Auf Direktmandate können sie nicht hoffen – deshalb entscheiden die vorderen Plätze auf ihren noch aufzustellenden Landeslisten über das Personal. Bei den Grünen gäbe es wohl nur eine Veränderung, wenn der Kieler Umweltminister Robert Habeck das Mitgliedervotum um die Bundesspitzenkandidatur gewönne und damit Listenplatz eins im Land.

Konstantin v. Notz
Konstantin v. Notz Foto: dpa
 

Sonst wären die jetzigen drei Nord-Abgeordneten um den Möllner Fraktionsvize Konstantin von Notz wohl auch die künftigen.

Cornelia Möhring frauenpolitische Sprecherin und stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag aus Pinneberg.
Cornelia Möhring frauenpolitische Sprecherin und stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag aus Pinneberg. Foto: dpa
 

Bei der Linken hofft die erneut auf Rang eins antretende Pinneberger Fraktionsvizin Cornelia Möhring diesmal auf einen zweiten Sitz fürs Land, der dann an den Kieler Parteisprecher Lorenz Gösta Beutin (38) ginge.

 

Ganz sicher neue Kräfte brächten die FDP und die AfD ins Parlament – denn beide Parteien sind bisher gar nicht vertreten. Kämen die Liberalen nach ihrem historischen Rauswurf von 2013 wieder in den Bundestag, wäre der Weg nach Berlin auch für den Kieler FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki frei, dem Platz eins der Landesliste sicher ist. Um den aussichtsreichen Platz zwei würden wohl Ex-Gruner+Jahr-Boss Bernd Buchholz (55) und der frühere Kieler Bundestagsabgeordnete Sebastian Blumenthal (42) rangeln.

Und käme die AfD ins Parlament, könnte sie ebenfalls ein paar Schleswig-Holsteiner an die Spree entsenden. Mögliche Bewerber für die Landesliste nennt die Partei allerdings noch nicht.

Die Duelle um das Direktmandat 2017:

Wahlkreis CDU SPD
Flensburg-Schleswig Sabine Sütterlin-Waack Clemens Teschendorf
Nordfriesland-Dithmarschen-Nord Astrid Damerow Matthias Ilgen
Steinburg-Dithmarschen-Süd Mark Helfrich Karin Thissen
Rendsburg-Eckernförde Johann Wadephul Sönke Rix
Kiel Thomas Stritzl Matthias Stein
Plön-Neumünster Melanie Bernstein Birgit Malecha-Nissen
Pinneberg Michael von Abercron Ernst Dieter Rossmann
Segeberg-Stormarn-Mitte Gero Storjohann Alexander Wagner
Ostholstein-Stormarn-Nord Ingo Gädechens Bettina Hagedorn
Lauenburg-Stormarn-Süd Norbert Brackmann Nina Scheer
Lübeck Claudia Schmidtke Gabriele Hiller-Ohm

 

Ein- und Aussteiger:

Sie kandidieren neu: Sie kandidieren nicht mehr:
Melanie Bernstein (CDU) Alexandra Dinges-Dierig (CDU)
Astrid Damerow (CDU) Ingbert Liebing (CDU)
Claudia Schmidtke (CDU) Philipp Murmann (CDU)
Michael von Abercron (CDU) Ole Schröder (CDU)
Matthias Stein (SPD) Franz Thönnes (SPD)
Clemens Teschendorf (SPD)  
Alexander Wagner (SPD)  


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