Inhaftierter Journalist in der Türkei : „PKK-Auftragsmörder“ – regierungsnahe Medien greifen Deniz Yücel an

Die Titelseite der regierungsnahen Zeitung „Star“.

Die Titelseite der regierungsnahen Zeitung „Star“.

„Türkei-Feind“ und „Lügenberichte“. Die türkische Zeitung „Star“ lässt kein gutes Haar an „Welt“-Korrespondent Yücel – und lügt.

shz.de von
02. März 2017, 10:45 Uhr

Istanbul | Regierungsnahe Medien in der Türkei haben den dort inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel als „Türkei-Feind“ verunglimpft und in die Nähe von Terroristen gerückt. Die Zeitung „Star“ schrieb am Donnerstag auf ihrer Titelseite über den deutsch-türkischen Korrespondenten: „Kein Journalist - PKK-Auftragsmörder“ (PKK tetikcisi). Nach der Definition der Gesellschaft für türkische Sprache bezeichnet das Wort „tetikci“ einen Auftragsmörder, es kann sinngemäß aber auch als Marionette verstanden werden.

In der Türkei sitzen zahlreiche regierungskritische Journalisten wegen Terrorvorwürfen in Haft. Yücel ist der erste deutsche Journalist, der seit der Verhängung des Ausnahmezustands im vergangenen Juli in Polizeigewahrsam genommen wurde. Menschenrechtsorganisationen halten die Anschuldigungen häufig für konstruiert und für politisch motiviert. Die Regierung weist solche Kritik zurück.

Mehrere regierungsnahe Medien - die sich bislang in der Berichterstattung über den Fall Yücel zurückgehalten hatten - übernahmen den „Star“-Artikel wortgleich in ihren Online-Auftritten. Darunter sind zum Beispiel „Sabah“, „Yeni Akit“ und „A Haber“.

„Star“ berichtet, der deutsch-türkische Journalist sei „in Deutschland zur Symbolfigur der türkeifeindlichen Propaganda gemacht“ worden. „In jedem seiner Artikel hat er mit Worten wie ,Despot, Frauenfeind' den Präsidenten (Recep Tayyip) Erdogan beleidigt.“

Das Blatt schreibt, das türkische Presseamt habe 54 Artikel Yücels seit dem Juni 2016 ausgewertet. Die Behörde sei zu dem Ergebnis gekommen, dass er „Propaganda“ für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK betreibe. Er sei zudem für die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen eingetreten, die Erdogan für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich macht. In seinen „Lügenberichten“ habe Yücel „seinen Hass gegen die Türkei erbrochen“.

„Star“ verwendet auf Seite 13 ein Foto, das nach Angaben der Zeitung einen Auftritt Yücels bei einer PKK-Veranstaltung in Deutschland zeigen soll. Dabei handelt es sich aber um eine Aufführung von „Hate Poetry“, auf der deutsche Journalisten mit Migrationshintergrund rassistische Hetzbriefe vorlesen, die sie erhalten.

Unterdessen meldet sich Yücel in einem handschriftlich verfassten Brief an seine Freunde und Unterstützer, den die „Welt“ am Donnerstag veröffentlichte. dpa dokumentiert den Wortlaut:  „Hallo Welt, nach 13 Tagen in Polizeihaft bin ich nun im Gefängnis Istanbul-Metris. Es mag sich merkwürdig anhören, aber mir kommt es so vor, als hätte ich ein kleines Stück meiner Freiheit zurückgewonnen: Tageslicht! Frische Luft! Richtiges Essen! Tee und Nescáfe! Rauchen! Zeitungen! Ein echtes Bett! Eine Toilette für mich alleine, die ich aufsuchen kann, wann ich will. Tagsüber - wenn ich will - Küche und Hof mit einer Handvoll politischer Häftlinge, abends eine Zelle für mich allein. Hier werde ich nicht lange bleiben, aber es ist okay. Und obwohl sie mich meiner Freiheit beraubt haben, bringen mich das Verhör und die Urteilsbegründung noch immer zum Lachen. Ich muss jetzt abbrechen. Aber ich danke allen Freunden, Verwandten, Kollegen, und allen, die sich für mich einsetzen. Glaubt mir: Es tut gut, verdammt gut. Herzlich, Deniz“ Am Mittwoch wurde Yücel aus Mertis dann in die Haftanstalt Silivri rund 80 Kilometer westlich verlegt.

Auszug aus einem Brief, den Yücel aus einer Haftanstalt in Istanbul nach Deutschland schickte.
dpa

Auszug aus einem Brief, den Yücel aus einer Haftanstalt in Istanbul nach Deutschland schickte.

 

Gegen Yücel wurde am Montag in Istanbul Untersuchungshaft verhängt. Ihm wird Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen.

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