Günther Jauch : Pegida: Kathrin Oertel bei der Lügenpresse

Kathrin Oertel pegida
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Kathrin Oertel, Mitglied im Organisationsteam von Pegida, sitzt in der ARD-Talkrunde von Günther Jauch.

Stuhlkreis im „Staatsfernsehen“: Die Pegida ist dem Volk einen Schritt näher gekommen. Zu einer Diskussion ließ sich Kathrin Oertel aber nicht hinreißen.

shz.de von
19. Januar 2015, 13:22 Uhr

Köln | Nach der aufgrund konkreter Drohungen polizeilich verbotenen Dresdener Montagskundgebung ließ sich Kathrin Oertel, die Sprecherin der Pegida-Organisatoren, auf eine Diskussionsrunde im verhassten – wie es im Pegida-Jargon heißt – „Staatsfernsehen“ ein. Die ARD räumte der „Bewegung“, wie Oertel sie bezeichnet, bei „Günther Jauch“ einen der etablierten Plätze im politischen Sonntagsdiskurs ein. Über fünf Millionen Menschen hörten ihrem Vorstellungsgespräch zu.

Neben der medienunerfahrenen Pegida-Frontfrau gesellten sich CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn, der SPD-Politiker Wolfgang Thierse und der Chef der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter in den Stuhlkreis. Der ebenfalls anwesende AfD-Bundesvorsitzende Alexander Gauland hätte Oertel bei Bedarf zur Seite stehen können. Doch das war nicht nötig. 

Die dreifache Mutter Oertel mühte sich bei dieser günstigen Gelegenheit redlich, Pegida in die Mitte des Meinungsspektrums zu rücken. Gut vorbereitet, streng frisiert und fokussiert wie eine angehende Politikerin hatte sie dann das Live-Publikum beim Sonntagabend-Talk gleich auf ihrer Seite. Applaus gab es nur für sie. Jedes Wort schien wohlüberlegt, Konfrontation der anderen Talkgäste gegen sie blieben aus.

Geklärt sehen wollte der Gastgeber diesem Abend, ob und wie die Forderungen der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ in den demokratischen Diskurs einfließen können. Günther Jauch ließ Oertel ihre Standpunkte ohne kritische Fragen erklären und gab ihr für eine politische Talkshow ungewohnt viel Raum. Es war von den Sendungsmachern offensichlich vorgesehen, „Ruhe“ in die Debatte zu bringen. Konkrete Forderungen außer der konsequenten Abschiebung abgelehnter Asylbewerber oder ausländischer Serienstraftäter ließ sich Oertel während der Sendung aber nicht entlocken.

Die Frage, wo der demokratische Dialog mit der Pegida denn beginnen und münden könne, blieb dabei weitestgehend offen. „Wollen Sie in drei Jahren immer noch jeden Montag durch Dresden spazieren?“, fragte der Moderator. Oertel betonte, ihre Bewegung habe keinen parteipolitischen Hintergrund. Sie selbst habe jahrelang die FDP gewählt. Zuletzt habe sie aber ihr Kreuz bei der AfD gemacht. „Wir sind die Folge Ihres gesellschaftlichen Versagens“, fauchte der stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende Alexander Gauland in Richtung des CDU-Präsidiumsmitglieds Jens Spahn und klinkte sich in die allgemeine Parteien-Schelte der Pegida-Vorderen ein. Oertel beklagte eine Diffamierung der an den Pegida-Umzügen beteiligten Menschen in Medien und Politik.

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) kritisierte daraufhin die Parole „Wir sind das Volk“ als anmaßend. Das zeige, dass Pegida für einen demokratischen Dialog noch gar nicht offen sei. „Man diffamiert eine Bewegung nicht, indem man ihr widerspricht“, gab er Oertel Kontra. „Parolen sind kein Dialog“ pflichtete ihm Jens Spahn bei, der allerdings Aufgeschlossenheit und Gesprächsbereitschaft signalisierte.

Oertels bannerartiger Vorwurf, es gebe Themen, die „absolut tabu“ seien in Deutschland – von Asyl dürfe man nicht sprechen und von Migranten auch nicht – entgegneten beide Politiker, es habe in den letzten Jahren große Debatten um Zuwanderung gegeben. Die Annahme man dürfe „erst seit drei Wochen über diese Themen reden", bezeichnete Spahn als aus der Luft gegriffen. Beide verdeutlichten die Kompliziertheit der demokratischen Prozesse. Für die direkte Umsetzung plumper Forderungen ohne Diskurs, wie sie von Seiten der Pegida erhoben würden, sei die Demokratie per Definition nicht geeignet, sagte Thierse. Dafür bedürfe es einer Diktatur.

„Es gab einen riesengroßen Frust in der Bevölkerung“, erklärte Oertel die Entstehung „Montagsspaziergänge“. Die Regierung habe das Volk im Prinzip gar nicht mehr wahrgenommen. Wirklich politisiert hätten sie die Kurden-Demonstrationen in Hamburg und Celle. Nach einer Demonstration in Dresden, bei der die Linke und kurdische Aktivisten die Regierung aufforderten „Waffen an die PKK zu liefern“ (für den Kampf gegen den Islamischen Staat an der syrischen Grenze) sei ihr schließlich bewusst geworden: „Nun müssen wir was tun!“ 

Auf die Frage, weshalb sich ausgerechnet die Dresdner trotz der extrem niedrigen Zahl von Muslimen in ihrer Stadt so große Sorgen um eine angebliche „Islamisierung“ Deutschlands machten, entgegnete Oertel wohl mit Blick auf den bei Einwanderungskritikern gern zitierten Problembezirk Berlin Neukölln: „In Deutschland wird auch gegen die Abholzung des Regenwaldes demonstriert, obwohl es hier keinen Regenwald gibt“.

Dass auf den Pegida-Demonstrationen regelmäßig auch Rechtsextreme und Hooligans aufkreuzen, leugnete Oertel nach der Einspielung mehrerer hetzerischer Pegida-Stimmen nicht. Gleichzeitig wies sie aber darauf hin, dass auf den Gegendemonstrationen der „Gutmenschen“, wie sie die Anti-Pegida-Bewegung nennt, auch Linksextreme zugegen seien. Deren aggressives Verhalten erfordere erheblichen Polizeieinsatz, um Ausschreitungen zu verhindern.

In einem Punkt sind sich alle Teilnehmer der Runde einig: Bedroht werden darf niemand. Das gilt für die Pegida-Kundgebungen genauso wie für den SPD-Politiker Wolfgang Thierse. Er berichtet, er habe von Pegida-Anhängern anonyme Botschaften erhalten mit Drohungen wie „Leute wie Sie müsste man aufhängen“.

Für den schilderndsten Augenblick des Abends sorgte vermutlich Frank Richter, der sich während der Sendung krampfhaft gegen Schubladendenken und Ressentiments in puncto Pegida zur Wehr gesetzt hatte. „Diesen Satz hätte unsere Bundeskanzlerin lieber unterlassen sollen“, kritisierte er die Neujahrsansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Diese hatte Kälte, Vorurteile und Hass bei Pegida angeprangert und den Bundesbürgern geraten:  „Folgen Sie denen nicht, die dazu aufrufen“.

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