Demos : „Pegida“: Die Unterschiede zwischen Ost und West

In Dresden protestieren 15.000 Menschen für den angeblichen Schutz des Abendlandes, in Kassel nur 100. Warum? Ein Experte gibt Antworten.

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21. Dezember 2014, 13:32 Uhr

Der Bielefelder Sozialpsychologe Andreas Zick sieht die Anti-Islam-Bewegung „Pegida“ als Anzeichen für ein stärkeres Auseinanderdriften der alten und neuen Bundesländer. So sei zu erklären, warum am Montagabend rund 15.000 Anhänger in Dresden protestierten, in Kassel dagegen keine 100, sagte der Professor. Zick ist Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, das vor allem das Zusammenwachsen Deutschlands nach der Wiedervereinigung in Langzeitstudien untersucht hat.

Die Zustimmung sei besonders stark bei Menschen, die Angst hätten, etwas zu verlieren. „Die eigene Abstiegsangst macht einem Probleme, also redet man lieber über die Überfremdungsangst durch Andere. Das ist ein psychologischer Mechanismus.“ Dieser sei im Osten stärker verbreitet als im Westen, „weil die Leute tatsächlich etwas verloren haben, nach der Wende“. Die Menschen dort hätten einen drastischen gesellschaftlichen Wandel hautnah erlebt, sagte Zick. Die DDR selbst habe sich nie als multikulturell verstanden.

Im Westen dagegen habe man dieses Selbstverständnis langsam und mühsam entwickelt. „Und gegen diese Idee, dass eine vielfältige Gesellschaft zu uns gehört, wendet sich die Bewegung ja am allermeisten.“ In Dresden haben 8,2 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund, in Kassel sind es laut Statistik 35,1 Prozent. Die Menschen in Ostdeutschland könnten deshalb weniger eigene Erfahrungen mit Ausländern oder Menschen mit Migrationshintergrund machen, sagte Zick. So sei es möglich, den Islam trotz seiner vielfältigen Ausprägungen zu verallgemeinern.

Die „Pegida“-Gruppierungen in Deutschland:

Berlin

In der Hauptstadt sind verschiedene Bürgerbewegungen aktiv, die in ihren Forderungen „Pegida“ ähneln. Laut Verfassungsschutz hauptsächlich von Rechtsextremen und Teilen der NPD organisiert. Seit etwa zwei Monaten wöchentliche Demonstrationen mit bis zu 1000 Teilnehmern, zuletzt nur noch 500.

Düsseldorf

„Düwida“ („Düsseldorfer gegen die Islamisierung des Abendlandes“). Aufgerufen hatte unter anderem die rechtsextreme Partei „Pro NRW“. Bislang eine Demonstration mit rund 400 Teilnehmern.

Bonn

Zu „Bowida“ hat ebenfalls die Partei „Pro NRW“ aufgerufen. Bisher eine Demonstration mit rund 200 Teilnehmern. 

Würzburg

Demonstrationen zum Thema „Stoppt den Missbrauch des Asylrechts“. Organisatoren sind laut Behörden Privatleute, die sich nicht auf „Pegida“ bezögen. Seit kurzem Demonstrationen mit rund 100 Teilnehmern, wie bei „Pegida“ jeweils montags. Auf Facebook präsentiert sich das bayerische Netzwerk „Bagida“.

Kassel

Die „Kagida“-Organisatoren stammen allem Anschein nach ebenfalls aus der rechten Szene. Bislang drei Demonstrationen mit jeweils rund 80 Teilnehmern.

Rostock

In Rostock hat die rechte Szene („Rogida“) bislang eine Kundgebung mit 70 Teilnehmern veranstaltet. Weiterer Termin im Januar, Gegendemo bereits angemeldet.

Braunschweig

Eine erste „Bragida“-Kundgebung wurde nach Polizeiangaben im Vorfeld abgesagt, es gab wenig Unterstützung. Die Organisatoren planen nun einen „Spaziergang“.

Ostfriesland

Polizei und Staatsschutz nehmen „Ogida“ („Ostfriesen gegen die Islamisierung des Abendlandes“) bislang nur im Internet wahr. Keine Zusammenkünfte, keine Plakate, keine Schmierereien.

Schwerin und Stralsund

Mit „Mvgida“ (Mecklenburg-Vorpommern gegen die Islamisierung des Abendlandes)) hat die Pegida-Bewegung nach Rostock („Rogida“) nun in Schwerin und Stralsund einen neuen Ableger. Die Organisatoren haben für den 13. Januar zum ersten „Spaziergang“ aufgerufen. Ein breites Bündnis aus Initiativen, Kirchen, Verbänden und Politikern hat zu Gegenkundgebungen aufgerufen.

 
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