Offensive gegen Extremisten im Irak

Vormarsch gerät ins Stocken / Terrortruppe Isis schockt mit Bildern von Massenerschießungen / USA schicken Kriegsschiffe in den Persischen Golf

shz.de von
15. Juni 2014, 16:20 Uhr

Nach dem brutalen Vormarsch der Terrorgruppe Isis im Irak hat die Armee nach eigenen Angaben am Wochenende eine Gegenoffensive gestartet. Bei heftigen Gefechten kamen mehr als 30 Menschen ums Leben, darunter mindestens zehn Zivilisten. Weitere zwölf Menschen starben bei einem Selbstmordanschlag in Bagdad. Wie es hieß, soll der Vormarsch der Terroristen gebremst worden sein. Experten warnten indes vor einem Kollaps des multiethnischen Staates Irak. Als Reaktion auf die Eskalation entsandten die USA Kriegsschiffe in den Persischen Golf. Der Flugzeugträger „USS George H.W. Bush“ wurde von einem mit Raketen bestückten Kreuzer und einem Zerstörer begleitet. Damit solle US-Präsident Barack Obama zusätzliche Flexibilität gegeben werden, sollten militärische Optionen nötig werden, um das Leben von Amerikanern im Irak zu schützen, teilte das US-Verteidigungsministerium mit. Nach dem Irak-Krieg (2003-2011) hatte Die oppositionellen Republikaner riefen Obama zu einem entschiedeneren Vorgehen auf. John McCain, einflussreicher Senator aus Arizona, drängte Obama zu sofortigen Luftangriffen, um den Vormarsch der Dschihadisten zu stoppen.

Die Terrorgruppe Isis, die ausschließlich Muslime sunnitischer Glaubensrichtung rekrutiert, setzte sich vor allem in der westirakischen Provinz Anbar und im Norden zwischen Mossul und Bagdad fest. Medien berichteten, die Armee bereite zusammen mit Tausenden Freiwilligen die Rückeroberung der Millionenmetropole Mossul und der zetralirakischen Stadt Tikrit vor. Anfang der Woche hatten Isis-Kämpfer von Mossul, der zweitgrößten Stadt des Iraks, aus einen Vorstoß Richtung Bagdad unternommen. Inzwischen konnten sie von Soldaten, Freiwilligen und kurdischen Peschmerga-Truppen gebietsweise zurückgeschlagen werden. Die Dschihadisten häätten bewusst nach langer Vorbereitung eine Schneise ins Land getrieben, hieß es. Zeitweilig kontrollierte Isis die drei großen Autobahnen nördlich von Bagdad und trennte die Kurdenregion vom Rest des Landes. Auf Fotos und Videos im Internet zeigten Isis-Extremisten Auspeitschungen, Erschießungen und Massengräber – offensichtlich um die Bevölkerung zu schocken.

Irans Präsident Hassan Ruhani zeigte sich offen für eine Zusammenarbeit mit den USA im Kampf gegen die Isis. Allerdings müsse die Initiative von den Amerikanern ausgehen. US-Außenminister John Kerry betonte in einem Telefonat mit seinem irakischen Kollegen Hoschiar Sebari, Hilfe durch die USA würde nichts bringen, solange die verschiedenen Gruppen im Land nicht ihre Differenzen überwänden, um die für die Zukunft des Iraks notwendige nationale Einheit zu schaffen. Die sunnitische Isis kämpft gegen Schiiten, die sie als „Abweichler“ von der wahren Lehre des Islams ansieht. Kritiker werfen dem schiitischen irakischen Regierungschef Nuri al-Maliki vor, über Jahre die sunnitische Minderheit im Land diskriminiert und damit zu einer Spaltung des Iraks beigetragen zu haben.

Im Irak wollen die Extremisten Bagdad umzingeln und in die mehrheitlich schiitische Stadt vordringen. Nach UN-Angaben wurden bei Kämpfen bereits mehrere Hundert Zivilisten getötet. Hunderttausende sind auf der Flucht. Vor allem schiitische Freiwillige waren zuletzt einem Aufruf zum Widerstand gegen die Extremisten gefolgt. Allein in der den Schiiten heiligen Stadt Nadschaf wurden 100 000 Rekruten für die Aufnahme in die irakische Armee erwartet. Die Krise im Irak wird nach Meinung des Londoner Experten Fawaz Gerges zwangsläufig zu einer Macht-Aufsplittung zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden führen. „Ganz egal, was in den nächsten Tagen und Wochen passiert – wir werden eine Fragmentierung der Macht erleben“, sagte Gerges. Die Chance, dass der Irak als Staat erhalten werden könne, schätzt der im Libanon geborene Politik-Professor der London School of Economics (LSE) auf 50:50.

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