Abschiebung aus Eckernförde nach Tirana : „Öffnen Sie, Ausländerbehörde!“

Polizisten bringen den abgelehnten Asylbewerber zum Auto, das ihn zum Flughafen fährt, von wo aus er in sein Heimatland abgeschoben wird.
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Polizisten bringen den abgelehnten Asylbewerber zum Auto, das ihn zum Flughafen fährt, von wo aus er in sein Heimatland abgeschoben wird.

Wie die Ausländerbehörden den Aufenthalt von abgelehnten Asylbewerbern in Schleswig-Holstein beenden.

Kay Müller von
29. März 2017, 10:08 Uhr

Eckernförde | „Lächle, heute ist Dein Tag“ – diesen Spruch hat jemand auf einen Stromkasten in Eckernförde gesprüht, an dem Jörn Petersen achtlos vorbeigeht. Für den Leiter des Fachdienstes Zuwanderung beim Kreis Rendsburg-Eckernförde wird es vor allem ein anstrengender Tag – genauso wie für den Mann, den er gleich treffen wird. Denn Petersen hat einen Job zu erledigen, um den ihn kaum einer beneiden wird – abgelehnte Asylbewerber in deren Heimatland abzuschieben.

„Öffnen Sie, Ausländerbehörde“, ruft Petersen und schlägt in Eckernförde mehrmals mit der Faust an die Tür einer kleinen Erdgeschosswohnung in Strandnähe. Es ist sechs Uhr morgens, auf sein Klingeln hat niemand reagiert und erst nach weiteren Hieben wird ihm geöffnet. Der 25-jährige Albaner, der am Mittag auf dem Hamburger Airport in eine Chartermaschine nach Tirana steigen soll, liegt noch im Bett, schaut zunächst verschlafen in die Gesichter der Männer von der Ausländerbehörde, der Polizisten, der Dolmetscherin und des Arztes, der ihm bescheinigen soll, dass er körperlich gesund und flugfähig ist. Der Albaner will nicht ausreisen, beginnt zu schreien, beschimpft die Beamten als kriminell. „Sie sind seit September 2015 ausreisepflichtig, Sie sind kriminell“, antwortet Petersen entschieden. Die Lage droht zu eskalieren, der Albaner greift zu einem Klappmesser, setzt es an sein Handgelenk, droht damit, sich die Arterien zu öffnen. Die Dolmetscherin versucht zu vermitteln, die Polizisten übernehmen die Regie.

„Das ist schon eine Belastung“

Petersen verlässt die Wohnung und schnauft kurz durch. „Das ist schon eine Belastung“, sagt der 28-Jährige, der seit einem knappen Jahr die Behörde leitet. Seit dem habe er vier oder fünf Abschiebungen mitgemacht – keine sei aber bislang so heftig gewesen. „Manchmal fühlt man sich da schon beschissen.“ Dabei setze er ja nur einen Beschluss um, den das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge getroffen habe, so wie für 53 abgelehnte Asylbewerber, die in diesem Jahr bereits aus Schleswig-Holstein abgeschoben worden sind – die meisten nach Albanien oder in den Kosovo. Man könnte auch sagen, dass Petersen das letzte Glied in einer bürokratischen Kette ist – derjenige, der den Job machen muss, der mit am schwersten in einem Asylverfahren ist. Und bei dem es auch mal gefährlich werden kann.

Petersen steht auf der Straße, über der die Dämmerung einsetzt, und erzählt laut Aktenlage die Geschichte des Mannes mit dem Messer. Vor zwei Jahren sei der nach Deutschland gekommen, in die Erstaufnahme nach Neumünster, dann nach Eckernförde. Im September 2015 sei sein Asylverfahren negativ beschieden worden. Wer aus Albanien flüchtet, muss nachweisen, dass er in seiner Heimat um Leib und Leben fürchten muss – was nur wenige können. Der junge Mann klagt dennoch gegen seinen Bescheid – ohne Erfolg. Im Februar 2016 soll er das erste Mal ausreisen – freiwillig. Doch der Mann hat ein Attest, in dem steht, dass er Depressionen hat. Das Gesundheitsamt des Kreises prüft das. „Es ist aber nicht unsere Sache, wenn jemand schon vor seiner Einreise psychische Probleme hatte, die können auch in seiner Heimat behandelt werden“, sagt Petersen. Im April 2016 wird die Klage des Mannes abgelehnt, seit dem arbeiten Petersen und seine Kollegen daran, den Mann abzuschieben.

„Am Ende des Tages ist es schon ein Erfolg, wenn die Maßnahme erfolgreich ist“, sagt Petersen. Für den Albaner bedeutet die Maßnahme die Abschiebung in ein lange nicht gesehenes Land. Und dass er 30 Monate nicht mehr nach Deutschland einreisen darf. Wäre er freiwillig ausgereist, wie es ihm die Ausländerbehörde nahegelegt hatte, hätte er als Tourist schon einen Tag später wiederkommen dürfen – für längstens 90 Tage.

Warum dauern Abschiebungen so lange?

Die bürokratischen Hürden seien hoch, sagt Petersen. Außerdem müssten Flüge gebucht, Polizei, Dolmetscher, Ärzte und Dokumente besorgt, der Transport organisiert werden. Und dann müssten die Menschen, die abgeschoben werden sollen, gesund sein und zu Hause angetroffen werden. Weil das nicht immer klappt, platzten in Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern 2016 von 9430 geplanten Abschiebungen 4803.

Der junge Albaner könne reisen, sagt der Arzt. Er hat ihm ein Beruhigungsmittel gegeben, nachdem der das Messer den Polizisten ausgehändigt hat. Die Lage beruhigt sich etwas. Der junge Mann packt einen Koffer mit ein paar Habseligkeiten, die Polizisten bringen ihn zum Auto. Sie sind unter Zeitdruck, das Flugzeug wird nicht warten. „Und wenn er nicht mitkommt, müssten wir wieder von vorn anfangen“, sagt Petersen. Als der Albaner sich von ein paar Bekannten verabschiedet hat und ein Polizist die Autotür schließt, sagt Petersen: „Okay, das war's erstmal.“ Ohne zu lächeln fährt er noch mit nach Hamburg – und kehrt dann an seinen Schreibtisch zurück, wo allein für seinen Kreis weitere rund 600 Fälle warten, von Menschen, die ausreisepflichtig sind – davon sind einige sofort vollziehbar.

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