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Der Zug der Flüchtlinge nach Deutschland : Odyssee nach „Almaniya“ - Der lange Weg ins gelobte Land

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Englisch sprechen nur wenige, das Wunschziel können die meisten dennoch nennen: „Almaniya, Germany“. Der Andrang entkräfteter Flüchtlinge ist beispiellos. Dank vieler Helfer bleibt ein Chaos aus.

Nickelsdorf/München/Budapest | Sie strahlen, lachen und winken. Manche Flüchtlinge weinen auch vor Freude bei ihrer Ankunft auf dem Münchner Hauptbahnhof. Man sieht ihnen die Strapazen an, aber sie haben es geschafft, ihr Traum hat sich erfüllt: Sie sind endlich in „Almaniya“. Ein junger Mann hält auf dem Bahnsteig dankbar ein Foto von Bundeskanzlerin Angela Merkel hoch. Viele Tausend Schutzsuchende kommen am Wochenende in Deutschland an.

Sie haben eine ungeheuerliche Odyssee hinter sich, doch unzählige Menschen sind noch auf der Balkan-Route unterwegs. So überqueren erschöpft Tausende Flüchtlinge am frühen Samstagmorgen zu Fuß die Grenze von Ungarn nach Österreich. Einige können sich auf ihrem Marsch nur noch mit letzter Kraft auf den Beinen halten.

Auffallend viele Menschen humpeln, etliche sind nur mit Sandalen, kurzen Hosen und Hemden bekleidet. Viele sind unterkühlt.„Wir haben etliche medizinische Notfälle verzeichnet“, sagt Walter Grashofer vom österreichischen Roten Kreuz. In dem Flüchtlingstreck sind auch zahlreiche Frauen mit Kindern. Alle sind verunsichert. Doch sie eint die Hoffnung auf ein besseres Leben. „Ich stehe direkt an der Grenze zu Ungarn und schaue hinunter. Die Ströme, die raufkommen, die reißen derzeit nicht ab“, zitiert die Agentur APA Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil am Samstag.

In Dutzenden Bussen waren die Flüchtlinge zuvor einige Kilometer von der Grenze entfernt noch in Ungarn abgesetzt worden. „Was geschieht nun mit uns? Müssen wir uns registrieren lassen? Müssen wir ins Lager?“ Ein junger Mann, der sich als Jussuf aus Syrien vorstellt, spricht aus, was viele Flüchtlinge an diesem regnerischen Morgen bewegt. Englisch sprechen nur wenige, das Wunschziel können die meisten jedoch nennen: „Almaniya, Germany“.

Dieses Ziel haben auch die Menschen am Ostbahnhof in Budapest vor Augen. Dort entspannt sich die Lage am Sonntag etwas, am Vortag herrscht noch Chaos pur. Den Tag sitzt Siham Daas aus der syrischen Provinz Deraa apathisch auf einem Betonklotz vor dem Bahnhofsgebäude. Die Nacht verbrachte die 26-jährige Mutter mit ihrem Mann und den drei Töchtern in der Wohnung einer hilfsbereiten Ungarin. „Wir wollten endlich wieder duschen, und jetzt haben wir die Busse zur Grenze verpasst“, sagte sie mit erstickter Stimme. Auch ihr Ziel ist Deutschland. Ihr Mann hat im türkischen Izmir ein Jahr lang gearbeitet, um die Überfahrt mit dem Boot, den Schlepper und die Weiterreise bis nach München bezahlen zu können. 

Viele Menschen, die hier im Minutentakt eintreffen, kommen, weil sie gehört haben, dass man jetzt von hier aus zur österreichischen Grenze reisen kann.  Mohammed Rahim (34) hat für sich und seine Frau Nariman (25) Zugfahrkarten gekauft. Tickets nach Wien wollte ihm der Mann am Schalter nicht geben. „Hegyeshalom“ steht auf dem Fahrschein. Das ist der letzte ungarische Ort vor der Grenze zu Österreich. Das Ehepaar hat die vergangene Nacht in einem kleinen Hotel in der Nähe des Bahnhofs verbracht. Die Syrerin aus Damaskus ist erkältet und müde.

Auf ihrem Smartphone öffnet sie die Fotoleiste. Sie zeigt Bilder von einem ungarischen Erstaufnahmelager an der Grenze zu Serbien. Man sieht blaue Zeltplanen, Dreck, Pritschen und Europaletten, auf denen Armeeschlafsäcke liegen. Zuvor verweist sie auf eine Nachricht, die sie von syrischen Bekannten heute früh erhalten hat: „Mensch, wo seid ihr, wir sind schon in Österreich“, steht da in arabischer Sprache.

Der Name des österreichischen Grenzortes Nickelsdorf geht seit Samstag um die Welt: Dort erreichen Flüchtlinge aus Ungarn endlich jenen Teil Europas, der für sie mit der Hoffnung auf Verständnis, Schutz und Hilfe verbunden ist. Nach wochenlangen Strapazen - so hieß es in österreichischen Medien - sei Nickelsdorf für diese Männer, Frauen und Kinder „das Tor zum Herzen Europas“ geworden. „Sie fühlen sich angenommen“, sagt Erhan Akdin, der aus Wien nach Nickelsdorf gekommen ist, um beim Dolmetschen zu helfen. Dennoch sei Österreich bekanntlich für die meisten nur eine Durchgangsstation zum eigentlichen Ziel Deutschland.

Nicht alle können gleich in Zügen über Wien und Salzburg ins gelobte Land weiterreisen: Mindestens 16 Flüchtlinge kommen am Sonntag so krank an, dass sie in Kliniken gebracht werden müssen - unter ihnen sieben Kinder. „Sie waren sehr geschwächt und litten an Durchfall, Erbrechen und Dehydrierung“, sagt ein Rot-Kreuz-Helfer.

Andere Flüchtlinge sind am Ziel. Nicht nur in München, auch in vielen anderen deutschen Städten wird ihnen ein herzlicher Empfang bereitet. Im Frankfurter Hauptbahnhof brandet in der Nacht zum Sonntag Jubel auf: Ein Zug aus Österreich bringt eine große Zahl von Menschen, die tagelang in Ungarn festsaßen. Jetzt laufen die erschöpften Männer, Frauen und Kinder durch ein Spalier von klatschenden Menschen.

Umgeben von Angehörigen und Freunden strahlt Nawras Ali: „Wir waren vier Tage in Ungarn“, erzählt der junge Syrer, der in Damaskus eine Ausbildung im Tourismus-Management absolviert hat. In Budapest habe er an den Protesten teilgenommen - trotz Fahrkarte durften die geflüchteten Menschen nicht die Züge nach Österreich besteigen. Dann sei er festgenommen und in ein Lager bei Bicske gebracht worden.  „Da sind wir bald wieder weggelaufen, weil es so schrecklich war.“ Über Gyor sei er schließlich mit einem Taxi nach Sopron gefahren und von dort aus zur Grenze nach Österreich gelaufen, geleitet von der Navi-App auf dem Handy. Er sei so glücklich gewesen, als er ein Auto der österreichischen Polizei gesehen habe. „Wir wollen nach Deutschland“, hätten sie den Beamten gesagt. „Jetzt will ich hier ein neues Leben aufbauen, am liebsten in einer großen Stadt wie München, Frankfurt oder Berlin.“

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erstellt am 06.Sep.2015 | 16:13 Uhr

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