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Produktionsbedingungen : Nutztierhaltung: Nordkirche will kritische Debatte mit Bauern führen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Diskussionspapier hinterfragt die industrielle Produktion in der Landwirtschaft – und sucht neue Bande zu den Bauern.

Kiel | Die Nordkirche will eine kritische Debatte über die Produktionsbedingungen in der Nutztierhaltung anstoßen. Den Grundstein dafür bildet ein 96-seitiges Diskussionspapier unter dem Titel „Zwischen Landwirtschaft und Industrie“. Es wird an sämtliche Gemeinden in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern verteilt. Großställe, Antibiotika-Einsatz, Umweltbelastungen durch Nitrat oder den Ausstoß von Treibhausgasen, der Druck des Weltmarktes: Die Schrift fasst zahlreiche heiße Eisen an. „In beiden Bundesländern stehen die Betriebe unter Rationalisierungsdruck und Wachstumszwang“, stellt Landesbischof Gerhard Ulrich in seinem Geleitwort fest. „Wir sorgen uns um die Zukunft der Landwirtschaft und vor allem der Landwirte und ihrer Familien. Wir sorgen uns auch um die Zukunft der Ländlichen Räume.“

Es ist eine alte Debatte, in der es um viele Fragen geht. Es geht um die Vereinbarkeit von Umweltschutz und das Überleben der Bauern. Es geht um Auswirkungen der Massentierhaltung auf die Lebensqualität der Menschen und den Tourismus sowie die Frage, welchen Preis Verbraucher zahlen müssen, um Bauern bei der nachhaltigen Produktion zu unterstützen.

Zugleich betont der Bischof, es gebe bei dem Thema „kein einfaches Schwarz oder Weiß, Richtig oder Falsch.“ Wirtschaftliche Interessen der Bauern müssten auch ernst genommen werden. Die Kirche wolle die Debatte ausdrücklich mit den Landwirten und nicht gegen sie führen. Und vor allem auch mit den Konsumenten: Es gelte „die Mitverantwortung anzusprechen, die wir als Verbraucher für Tierwohl, Arbeitsbedingungen und Einkommen in der Landwirtschaft sowie in den verarbeitenden Betrieben haben“, erklärt Ulrich.

Der vor allem aus Theologen und mit der Kirche verbundenen Agrarexperten zusammengesetzte Redaktionsausschuss bemüht in der Einleitung ein theologisches Argument, um sich einzumischen: „Auch der Kirche kann es nicht egal sein, wie die Tiere in der Landwirtschaft genutzt werden, denn tier-, umwelt- und wirtschaftsethische Fragestellungen stehen in einem durchaus engen Zusammenhang mit dem christlichen Glauben.“

Zugleich beklagen die Autoren eine „bedauerliche Entfremdung zwischen Landwirtschaft und vielen kirchlichen Gemeindemitgliedern“, die sich derzeit noch vertiefe. „Das Band zwischen Kirche und Landwirtschaft ist kräftig, aber auch gespannt.“

Noch mehr als für Schleswig-Holstein gilt das nach Einschätzung der Nordkirche für Mecklenburg-Vorpommern mit seiner ungleich größer strukturierten Landwirtschaft. In der Schweinemast zählt dort im Extremfall ein einziger Betrieb 10.500 Sauen und 250.000 Ferkel. Nicht umsonst kam der Anstoß für das Diskussionspapier deshalb auch aus dem östlichen Teil des Nordkirchen-Gebiets.

Wie bei Windkraftanlagen bringt die Schrift auch für besonders große Tierhaltungen eine Beschränkung auf bestimmte Standorte ins Gespräch, um die Schönheit der Landschaft zu schonen. Das Papier spricht sich für eine umfassende Informationspflicht für Bauherren von Großstallbauten gegenüber der Bevölkerung aus. Und stellt gleichzeitig fest: „Den Akzeptanzproblemen kann nicht allein durch eine bessere Kommunikation begegnet werden. Menschen vor Ort befürchten eine eingeschränkte Lebensqualität durch Geruchsbelästigungen und gesundheitliche Risiken, zum Beispiel durch den Einsatz von Antibiotika. Sie erwarten negative Umweltauswirkungen, die in der Folge auch mit wirtschaftlichen Aspekten im Zusammenhang stehen. So schränken intensive Tierhaltungsformen beispielsweise die touristische Entwicklung einer Region ein.“

Einen weiteren Dollpunkt sieht die Abhandlung in der Zucht von „Hochleistungsrassen“. Ethische Grenzen könnten dort erreicht sein, wo derartige Rassen „nur mehr unter extrem sterilen, naturfernen Bedingungen gehalten werden können, absehbar und von vornherein auf veterinärmedizinische Versorgung angewiesen und/oder von einer extremen Lebenszeitverkürzung betroffen sind“.

In einem Anhang zum Haupttext erhalten der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern Gelegenheit und die Landjugend Schleswig-Holstein Platz für eine kurze, relativierende Sicht auf die Dinge. Ebenso wie die in Kiel ansässige Tierschutzorganisation „ProVieh“ und der Bund für Umwelt und Naturschutz für einen schärferen Standpunkt. Das soll den Charakter des Dokuments als „Diskussionsraum“ verstärken.

„Wir sind nicht mit allem in dem Papier einverstanden“, sagt der Generalsekretär des schleswig-holsteinischen Bauernverbands, Stephan Gersteuer. „Teils liest es sich wie ein Negativkatalog“, meint er und stört sich vor allem an nach seinen Worten „veralteten“ Darstellungen zum Umfang des Antibiotika-Einsatzes. Grundsätzlich begrüßt Gersteuer die Initiative der Nordkirche dennoch. Er bestätigt, dass es auch beim Bauernverband ein Redebedürfnis gebe und „die Hoffnung, Gräben zu schließen“. Im Idealfall wünscht sich Gersteuer, dass die Debatte „mehr Verständnis für die Landwirte schafft und den Verbrauchern durch Aufklärung auch Ängste nimmt“. Bei einem Spitzentreffen im Januar habe der Bauernverband die Bischöfe ermuntert, „dass die Nordkirche eine Rolle als Brückenbauer wahrnimmt“. Hintergrund sei, dass es auch in Schleswig-Holstein schon „in Dörfern eskaliert ist, wenn ein neuer Stall gebaut werden soll“.

In den nächsten Monaten plant die Nordkirche begleitend zum Diskussionspapier Veranstaltungen und Gespräche mit Fachverbänden. Unter anderem diskutiert der Präsident des schleswig-holsteinischen Bauernverbands, Werner Schwarz, am 13. März im Christian-Jensen-Kolleg im nordfriesischen Breklum mit der „ProVieh“-Frontfrau Stefanie Pöpken.

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erstellt am 02.Feb.2017 | 11:23 Uhr

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