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Viele Fragen offen : NSU-Prozess: Zwischenbilanz nach einem Jahr

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viele Mosaikstücke im NSU-Prozess müssen noch zusammengefügt werden, viele Fragen sind nach wie vor offen. Auch weil die Hauptangeklagte Beate Zschäpe nach einem Jahr Prozessdauer noch immer nicht reden will. Was konnte bis dato geklärt werden?

München | Am 80. Verhandlungstag passierte im NSU-Prozess etwas Neues, Ungewöhnliches: Beate Zschäpes Stimme war zu hören. Es war das erste Mal überhaupt, dass die 39-jährige Angeklagte auf eine Frage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl direkt antwortete. Der wollte wissen, ob sie noch fit sei. „Sie haben zeitweise die Augen geschlossen.“ Auf der Pressetribüne war dann zu hören, dass Zschäpe sprach – nur nicht was. Ihr Mikrofon war ausgeschaltet. Ansonsten aber schweigt Zschäpe. Auch nach einem Jahr Prozessdauer, auch nach 109 Verhandlungstagen.

Am 6. Mai 2013 hatte der Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht begonnen. 246 Zeugen und Sachverständige wurden bereits befragt. Ein Ende ist nicht absehbar. Weil Zschäpe nicht redet, muss der Staatsschutzsenat in mühevoller Kleinarbeit versuchen, ein Puzzle mit tausenden Teilen zusammenzusetzen. Wusste Zschäpe von den Morden des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU)? War sie im juristischen Sinne tatsächlich Mittäterin, wie es ihr die Bundesanwaltschaft vorwirft? Dann könnte Zschäpe als Mörderin bestraft werden – auch wenn es ihre Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gewesen sein sollen, die zwischen 2000 und 2007 neun Geschäftsleute ausländischer Herkunft und eine deutsche Polizistin erschossen haben. Böhnhardt und Mundlos sind tot – sie brachten sich im November 2011 selbst um, um nach einem Banküberfall der Festnahme durch die Polizei zu entgehen. Nun muss sich Zschäpe allein für die Gräueltaten des NSU verantworten.

An jedem Verhandlungstag, Stunde um Stunde, Zeuge um Zeuge, setzt das Gericht weitere Puzzleteile zusammen. Es entsteht zumindest ein gewisses Bild, wie die Gruppe nach dem Untertauchen 1998 bis zum Auffliegen 2011 lebte. Zwar behaupten viele ehemalige Nachbarn, sich an vieles nicht mehr zu erinnern. Redete Zschäpe abfällig über Ausländer oder nicht? Da gehen die Aussagen auseinander. Die Ex-Nachbarn beschreiben, dass „Lisa“ oder „Susann“ – unter dem Namen war Zschäpe dort bekannt – immer freundlich und nett gewesen sei. Dass von den beiden Männern kaum etwas zu sehen gewesen sei. Und dass die drei immer mit einem Wohnmobil in den Urlaub gefahren seien. Auch ehemalige Urlaubsbekanntschaften sagen vor Gericht aus: wie nett es mit den Dreien beim Camping auf Fehmarn gewesen sei. Dass „Liese“ eine Art „Mama“ des Trios gewesen sei. Und mehrere Zeugen nennen dieses Detail: dass Zschäpe damals die Urlaubskasse verwaltet habe.

Das ist einer der zentralen Punkte der Anklage: Zschäpe soll das gesamte Geld des Trios, die Beute aus den vielen Banküberfällen, verwaltet haben. Sie sei also gleichberechtigtes Mitglied gewesen, habe alles mitgemacht. In einem Fall ist die Täterschaft Zschäpes unbestritten: Sie hat, daran gibt es keine ernsthaften Zweifel, im November 2011 die letzte gemeinsame Wohnung in Zwickau in Brand gesteckt. Aber auch diese Tat muss das Gericht möglichst bis ins Detail klären: Hat Zschäpe, bevor sie das Feuer legte und das Haus zusammen mit ihren Katzen verließ, noch an der Wohnungstür der alten Nachbarin geklingelt? Oder nahm sie billigend deren Tod in Kauf – und den zweier Handwerker, die im Haus beschäftigt und nur zufällig zum Zeitpunkt der Explosion nicht anwesend waren? Die Anklage wirft ihr jedenfalls versuchten dreifachen Mord vor. All diese kleinen Details, all diese Mosaiksteine werden am Ende entscheidend sein, wenn es für das Gericht darum geht, ein Urteil zu sprechen. Vermutlich irgendwann im kommenden Jahr.

Für die Familien der Opfer des NSU ist die Frage, wann das Urteil gesprochen wird und wie es ausfällt, am Ende aber vielleicht gar nicht so wichtig. Sie haben ja schon so lange gewartet. Darauf, dass ihnen jemand zuhört – und dass ihnen jemand glaubt. Dass sie nicht mehr – wie über so viele Jahre hinweg – selbst Verdächtigungen ausgesetzt werden. Damit jedermann endlich weiß, dass sie Opfer und nicht Täter sind. „Ich bin Ismail Yozgat, der Vater des 21-jährigen Halit Yozgat, des Märtyrers, der am 6. April 2006 durch zwei Schüsse erschossen wurde und in meinen Armen gestorben ist“, ruft der Vater des Kasseler Mordopfers am 1. Oktober 2013 auf Türkisch in den Gerichtssaal. Das Leid, die Wut, der Schmerz und die Empörung der Eltern und Verwandten der Opfer, sie werden in solchen Momenten greifbar.

Und da ist das zweite große Anliegen, das der NSU-Prozess versuchen muss zu befriedigen: der Wunsch der Nebenkläger nach weiterer Aufarbeitung von Hintergründen dieser unfassbaren Verbrechensserie – und vor allem des Versagens der Behörden.

Auch wenn vieles davon für die juristischen Bewertungen am Ende vielleicht ohne Belang ist: Es spielen in diesem außergewöhnlichen Prozess auch politische Fragen eine Rolle, Fragen nach dem Grund für die jahrelang erfolglosen Ermittlungen. Auch wenn es in einem Strafprozess streng genommen eigentlich nur um eines geht: Schuld oder Unschuld der Angeklagten.

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erstellt am 06.Mai.2014 | 10:29 Uhr

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