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Nach Erklärung von Beate Zschäpe : NSU-Opferanwalt Alexander Hoffmann: „Nicht glaubwürdig und zu spät“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zschäpe spielt die Opferrolle – eine häufig genutzte Strategie von Täterinnen rechter Gewalt, sagt der Kieler Rechtsanwalt Alexander Hoffmann

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erstellt am 10.Dez.2015 | 08:18 Uhr

Der Kieler Rechtsanwalt Alexander Hoffmann vertritt im NSU-Prozess eine von mehr als 70 Nebenklägern. Die Frau befand sich im Juni 2004 nur 25 Meter entfernt von der Explosion einer – dem NSU-Trio zur Last gelegten – Nagelbombe in Köln. Sie hatte in der Folge eine Frühgeburt und leidet bis heute unter Angstzuständen, so Hoffmann. Er ist auf Straf- sowie Presserecht und die rechte Szene spezialisiert. Aus diesem Grund lehnt Hoffmann es ab, für Berichterstattung fotografiert zu werden.

Herr Hoffmann, Sie haben sich als Anwalt von Opfern rechter Gewalt bundesweit einen Namen gemacht. Heute hat sich Beate Zschäpe als Opfer dargestellt. Was löst das in Ihnen aus?

Die Art und Weise der Einlassung war eine Frechheit und ein Schlag ins Gesicht. Zschäpe hat eine Entschuldigung ausgesprochen, lässt aber gleichzeitig keine Fragen von Opfern und Nebenklägern zu. Da wird deutlich, dass das keine ehrliche Einlassung ist. Zschäpe behauptet einfach, über einen Zeitraum von 13 Jahren immer nur im Nachhinein von den Taten Uwe Böhnhardts und Uwe Mundlos’ erfahren zu haben und dass sie sich dagegen verwahrt hätte. Das ist offensichtlich nicht richtig und steht im Widerspruch zur Beweisaufnahme.

Zschäpe als Opfer – welche Strategie steckt dahinter?

Sie will jede Schuld und strafrechtliche Verantwortung abstreiten. Dass das so nicht funktioniert, dürfte klar sein. Gerichte hören immer wieder Angeklagte, die sagen: Ich war’s nicht. Die Frage bleibt, zu welchem Zeitpunkt diese Aussagen kommen und ob sie glaubhaft sind. Gerichte sind leicht geneigt, so etwas als reine Schutzbehauptung zu werten. Das kann Zschäpe schnell passieren, insbesondere weil sie Fragen nur schriftlich beantworten will. So ist eine Befragung kaum möglich.

Bislang hat Zschäpe vor allem in Bezug auf ihre Verteidigung einen manipulativen Eindruck gemacht.

Ja, einen sehr starken Eindruck. Dass sie sich in einer emotionalen Abhängigkeit zu den beiden Männern befunden haben will, passt nicht ins Bild. Wir haben Zschäpe als eine Frau erlebt, die offen dem Gericht trotzt und eine Konfrontation mit ihren drei Anwälten aufnimmt.

Abhängig, verliebt, naiv – ein häufiges Bild von Frauen in der rechten Szene.

Es ist oft ein Schutzmechanismus, dass Täterinnen rechter Gewalt sich auf die unschuldige Frauenrolle zurückziehen. Dieses Klischee ist ja auch in der Gesellschaft vorhanden. Tatsächlich sehen wir aber sehr oft, dass es nicht stimmt. Viele Zeugen haben berichtet, dass Zschäpe eine starke, politische Persönlichkeit war. Sie hat es in dieser patriarchalen Szene durchgestanden, eine selbstbewusste Frau zu sein, die auch über ihre Partnerschaft und Sexualität selbst bestimmt.

Warum hat Zschäpe erst jetzt ihr Schweigen gebrochen?

Diese Frage wird sie sich gefallen lassen müssen. Wenn sie mit den Taten nichts zu tun gehabt hätte, hätte sie es gleich bei der Verhaftung sagen können. Aus strafrechtlicher Sicht wäre es vernünftig gewesen, weiter zu schweigen. Sich erst am 260. Verhandlungstag zu einzelnen Vorwürfen zu äußern, ist nicht glaubwürdig und zu spät.

Zschäpe bestreitet eine Mitgliedschaft im NSU.

Eine klare Schutzbehauptung. Sie hat gleichzeitig eingeräumt, mitbekommen zu haben, wie sich Böhnhardt und Mundlos über ein Bekennervideo des NSU gestritten haben. Dass sie davon nichts mitbekommen hat, kann also nicht sein.

Nehmen Sie ihr ab, dass sie nicht an den Morden beteiligt gewesen sein will?

In der ganzen Wohnung gab es Pläne für die Anschläge. Es ist unvorstellbar, dass sie das nicht mitbekommen hat. Sie haben offensichtlich gemeinsam Tatorte ausgesucht.

 

Zschäpe entschuldigte sich „aufrichtig“. Was bedeutet diese Entschuldigung für Ihre Mandantin?

Das ist eine doppelte Frechheit und Beleidigung. Wenn sie ihre Entschuldigung aufrichtig gemeint hätte, hätte sie Fragen zugelassen. Die Einlassung war reine Taktik.

 

Was bedeutet der heutige Tag für die Verhandlung?

Nichts, das Gericht wird einige Angaben als Beweis gegen Zschäpe verwenden können und zu dem Ergebnis kommen, dass der Rest klare Schutzbehauptungen waren.

 

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus der Verlesung mitnehmen?

Dass es ihr erstes Ziel ist, keinen ihrer damaligen Kameraden zu belasten. Für mich spricht das dafür, dass Zschäpe ideologisch genauso fest geprägt ist, wie die anderen Neonazis, die im Prozess aufgetreten sind.

 

Was erhoffen Sie sich jetzt vom Prozess?

Ich hoffe dass das Gericht jetzt das Tempo anzieht und den Prozess zum nächsten Sommer zu Ende bringt. Wir haben in den letzten Monaten viel Zeit vergeudet.

 

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